Berlin : Auszug aus Roman soll an 220 Meter langer Häuserwand zu lesen sein

C. v. L.

Es ist 220 Meter lang und wirkt auf viele Betrachter langweilig und vielleicht sogar etwas abstoßend: Das zehnstöckige Bürohaus am Alexanderplatz 6, in den Jahren 1967 bis 1969 als "Haus der Elektroindustrie" errichtet. Nach einer Totalinstandsetzung seines Inneren ist nun die Fassade an der Reihe. Für fünf Millionen Mark erhält das langgestreckte Gebäude gegenüber dem Hochhaus des Forum-Hotels eine bessere Wärme- und Schalldämmung, vor allem aber große Buchstaben für eine überdimensionale Wandzeitung mit einem Zitat aus Alfred Döblins Roman "Berlin Alexanderplatz".

Das Haus gehört zum Bestand der bundeseigenen Treuhand-Liegenschaftsgesellschaft (TLG), die derzeit über 37 000 Immobilien verfügt. Das Grundstück am Alex gilt als Perle, die äußerlich aufpoliert werden muss, auch wenn hier irgendwann einmal mindestens eines der neuen Alex-Hochhäuser stehen wird. Mieter sind unter anderem das Umweltbundesministerium, die Bundesanstalt für vereinigungsbedingte Sonderaufgaben (BvS), Banken und Krankenkassen. Mit der Fassadenplanung wurde das Büro nps und Partner beauftragt, und Architekt Sergei Tchoban hatte die Idee, weithin sichtbar an den Döblin-Roman zu erinnern.

Die bestehende Aluminium-Glas-Fassade bleibt, Teile von ihr werden aber mit gläsernen, beweglichen Lamellen als Sonnenschutz verblendet, die den langen Bau unterbrechen. Die übrige Hauswand erhält eine zusätzliche Metallverblendung in den Brüstungsbereichen mit Buchstaben. Alles wird in Grautönen gehalten sein, Architekt Tchoban spricht von einer "sehr zurückhaltenden Gestaltung". Bis Ende des Jahres sollen die Arbeiten abgeschlossen sein.

Passanten können dann in gehörigem Abstand vom Haus eine Teil des Romans lesen, wobei die Schreibweise an der Fassade nicht ganz korrekt wiedergegeben wird

"Eine Handvoll Menschen um den Alex. Am Alexanderplatz reissen sie den Damm auf für die Untergrundbahn. Man geht auf Brettern. Die Elektrischen fahren über den Platz die Alexanderstraße herauf durch die Münzstraße zum Rosenthaler Tor. Rechts und links sind Strassen. In den Strassen steht Haus bei Haus. Die sind vom Keller bis zum Boden mit Menschen voll. Unten sind die Läden, Kolonialwaren und Feinkost, Fuhrgeschäft, Dekorationsmalerei, Anfertigung von Damenkonfektion, Mehl und Mühlenfabrikate, Autogarage, Feuersozietät. Wiedersehen auf dem Alex, Hundekälte, nächstes Jahr, 1929, wirds noch kälter. A. Döblin.

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