Berlin : Autonome und Hausfrauen – gemeinsam gegen Schröder

Mehr als 200000 Demonstranten erwartet das Sozialbündnis. Sein Sprecher glaubt an eine neue außerparlamentarische Opposition

Thomas Loy

Volkes Stimmung beschreibt Michael Prütz als eine Mischung aus Wut und Depression. Die soziologische Basis dieser brisanten Mischung reiche vom Kreuzberger Stützeempfänger bis zur besser gestellten Wilmersdorfer Hausfrau. Die ruft gerade an und ordert einige Exemplare der Protest-Postille „Schröder – es reicht“. Prütz muss passen. „Alles weg.“ 10000 Plakate, 50000 Zeitungen und 15000 Flugblätter sind unters wütende Volk gebracht. Das ging schneller, als Prütz und seine Getreuen vom „Bündnis gegen Sozial- und Bildungsraub“ erwartet hatten. Am Sonnabend wird sich zeigen, ob aus der Wut vielleicht eine große Bewegung zu schmieden ist, eine neue APO, sprich: „Außerparlamentarische Opposition“.

Zwischen 200000 und 300000 Menschen erwartet Prütz zur großen Demonstration gegen die Regierungspolitik. Rund 100000 sind schon fest abonniert, weil die Gewerkschaften ihren großen Mobilisierungsapparat angeworfen haben und die Leute mit Bussen aus der ganzen Republik nach Berlin karren. Der Schulterschluss zwischen dem straff organisierten, behäbigen DGB und der kreativ-chaotischen Berliner Alternativszene kann als historisch einmalig gelten. Von den Autonomen über kirchliche Friedensgruppen bis hin zu DGB-Chef Sommer – alle marschieren gemeinsam.

Für die Berliner Linken hat der Schulterschluss mit den Gewerkschaften vor allem materielle Vorteile: Der DGB zahlt – für die drei Demonstrationen in Köln, Stuttgart und Berlin sind drei Millionen Euro veranschlagt. Dennoch begegnen sich die ungleichen Partner „in gleicher Augenhöhe“, betont Prütz. Der Protestzug vom Alexanderplatz zum Brandenburger Tor ist streng paritätisch gegliedert. Vorne laufen je 15 Gewerkschafter und Aktive vom Sozialbündnis und halten ein Protestplakat. Dahinter marschiert ein „bunter Block“ linker Gruppen, gefolgt von der IG Metall, den Globalisierungskritikern von Attac, der DGB-Jugend und schließlich den Autonomen. Motto: „Wir wollen alles.“

Michael Prütz, Ex-Grüner, Ex-PDS-Politiker, Ex-Trotzkist, ist der Sprecher des Sozialbündnisses, das erst vor kurzem mit ungewöhnlichen Aktionen wie die Besetzung der SPD-Parteizentrale und einem Marsch zu den Privatwohnungen von Berliner Regierungspolitikern auf sich aufmerksam gemacht hat. Das Bündnis ist so offen angelegt, dass fast alle mitmachen können. Prütz sieht sich deswegen vor allem als Moderator und Bereiniger ideologischer Altlasten. „Mich interessiert nicht, woher die Leute kommen, sondern was für Ideen sie haben.“ Eine neue Idee ist, eine parteiunabhängige „Wahlalternative“ zu gründen. Erstes Projekt: Der amtierende Senat soll per Volksbegehren abgewählt werden. Man sei auch mit den SPD-Dissidenten aus dem Gewerkschaftslager im Gespräch. „Viele bekannte Namen sind dabei.“ Mehr könne er noch nicht sagen.

Die Demonstration am 3. April sei auf dem Pariser Sozialforum im November abgemacht worden, erzählt Prütz. Gewerkschafter wie Verdi-Chef Bsirske hätten sich für die gemeinsame Aktion mit den sozialen Gruppen stark gemacht. „Gewerkschaftsintern war das aber heftig umstritten“, sagt Prütz. Auch bei den linken Gruppen gab es Vorbehalte. Prütz brachte die radikalen Umstürzler mit Betriebsräten von BVG und KaDeWe zusammen und bald war klar, dass die Zeit für einen Generalstreik noch nicht reif ist.

Prütz, diplomierter Politikwissenschaftler, 51 Jahre alt, betreibt in Kreuzberg ein Versicherungsbüro. Diese Tätigkeit steht zwar im Verdacht, der kapitalistischen Reaktion Vorschub zu leisten, aber für Prütz sind seine Kundenkontakte eine ideale Basis für die politische Arbeit. Politik zum Beruf zu machen verderbe den Charakter. Diese Einschätzung gelte auch für Harald Wolf, dem PDS-Wirtschaftssenator. Mit Wolf hat Prütz viele Jahre in der PDS zusammen gearbeitet.

Ende 2002 verließ Prütz die Partei – „eine Frage der Glaubwürdigkeit“. Die Kürzungen im Bildungsbereich habe er nicht mittragen können. Die Gremienarbeit, die starre Geschäftsordnung, das Kungeln um Posten – Prütz ist froh, das hinter sich gelassen zu haben. Das Sozialbündnis bietet seinen Strategen zwar kein Geld, aber eine nahezu grenzenlose Meinungsfreiheit. Zum Kern gehörten rund 20 Leute, „fast alles Männer“, so Prütz. Für die „Wahlalternative“ suche man dringend Kandidatinnen.

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