Autonomes Trinken : Die Anarchoszene genießt Promille ohne Paragraphen

Rechtsfreie Räume gibt es in Berlin angeblich nicht. Aber was ist mit den zwei Szenekneipen in der Rigaer Straße? Eine Glosse

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Die Rigaer Straße 78 in Friedrichshain ist auch die Adresse der Kneipe "Abstand".
Die Rigaer Straße 78 in Friedrichshain ist auch die Adresse der Kneipe "Abstand".Foto: dpa

Zu den berühmtesten Zeilen Christian Morgensterns gehören zweifellos diese: „Weil, so schließt er messerscharf, / nicht sein kann, was nicht sein darf.“ Eine auf unterschiedlichste Lebenssituationen anwendbare Logik, im Ergebnis aber immer gleich: Ein Problem gilt schon deshalb als gelöst, weil es dieses gar nicht geben darf.

Zum Beispiel rechtsfreie Räume. Es darf sie in Berlin nicht geben und es gibt sie auch nicht – da sind sich der Regierende Bürgermeister Michael Müller und Innensenator Frank Henkel einig, wenn auch nicht in der Einschätzung dessen, was sie selbst und der andere gegen solche an sich nicht existenten Räume tun. Nun muss man sie sich nicht unbedingt als Orte vorstellen, an denen jeder Polizist mit einem Steinhagel empfangen wird, weshalb er lieber gar nicht erst hingeht. Solche Bereiche gebe es nicht in Berlin, heißt es, das wollen wir einfach mal glauben.

Aber wie ist es um Lokale bestellt, für die an sich die Gaststättenverordnung gilt, was aber keinen interessiert? Zweien ist der SPD-Abgeordnete Tom Schreiber, Anti-Topstar der Autonomen, auf die Schliche gekommen, der „Kadterschmiede“, Rigaer Straße 94 in Friedrichshain, und ihrem Gegenstück „Abstand“ in Nr. 78. Kneipen im Anarcho-Ambiente also. An sich brauchen sie eine Gaststättenerlaubnis, allerdings seien dazu beim Bezirksamt keine Anträge gestellt worden, heißt es in den Antworten der Innenverwaltung auf Anfragen Schreibers. Einhalten der Gaststättenverordnung? Vom zuständigen Bezirksamt seien „bisher keine Kontrollen durchgeführt“ worden. Brandschutz? Dem bezirklichen Bauaufsichtsamt lägen „keine Erkenntnisse“ vor. Was doch nichts anderes bedeutet als: Hier kann man sich rechtsfrei besaufen.

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