Berlin : Avignon malt lieber in New York

Der Künstler zieht zu seiner Freundin. In seiner Heimat ist es ihm zu langweilig geworden

Martin Schlögl

Wohl nur wenige Künstler haben das Bild des Nachwende-Berlins so geprägt wie Jim Avignon. Doch jetzt ist Schluss. Avignon zieht nach New York. Zum Abschied von der Stadt, in der er seit Ende der 80er wohnte, gibt es Mitte März noch eine CD samt Buch, die er wie all seine Alben als „Neoangin“ produziert hat. Das „Scratchbook“, so der Titel, enthält bildliche und musikalische Skizzen kombiniert, die bei seinem Aufenthalt im vorigen Jahr in New York entstanden sind. Dort hat er seine neue Freundin kennen gelernt.

Bundesweit bekannt geworden ist der Autodidakt mit dem einprägsamen Pseudonym 1992, als er auf der Documenta X uneingeladen täglich ein Bild malte – und wieder zerstörte. Diese Aktion war seine Art der Kritik am Kunstbetrieb selbst, dem er vorwarf, das Kunstwerk zu sehr als Spekulationsobjekt zu vermarkten. Avignon selber verkaufte und verkauft seine Werke, die er sehr schnell produzieren kann, meist für sehr wenig Geld. Mehr als ein paar hundert Euro kosten auch großformatige Avignons nicht. Oft genug hat er sie aber auch einfach verschenkt.

Spätestens ab Mitte der neunziger Jahre waren der Künstler und seine Bilder stadtbekannt. Denn die in ihrer kreativsten Phase steckende Clubkultur Berlins inspirierte Avignon – und umgekehrt. „Ich war viel in Clubs unterwegs“, erinnert sich der 1965 geborene Maler, „in leer stehenden Hallen oder besetzten Häusern ist viel passiert. Da musste schnell von einem Tag auf den anderen etwas gemalt werden, bevor nachts die Partys stiegen“, sagt der Künstler, „das entsprach meinem Arbeitsstil.“ Zudem malte und zeichnete er für verschiedene Berliner Plattenlabels, veröffentlichte mehrere Bücher, veranstaltete eigene Party- und Club-Abende wie die „Friendly Capitalism Lounge“. Doch damit nicht genug: Er designte einen „Buddy Bären“, gestaltete Uhren für Swatch und verzierte sogar einen Jet. Diese Aufzählung beschreibt jedoch nur einen Ausschnitt aus seinem Schaffen; denn Avignon, der mit dem Prädikat „Der schnellste Maler der Welt“ belegt wurde, hat noch viel, viel mehr gemacht. So hat er sich an der Party zur Wiedereröffnung des renovierten Olympiastadions beteiligt, wo er und seine Crew den Rasen mit einem gigantischen Gemälde bedeckten.

Der Grund für Avignons Abschied ist neben seiner privaten Situation auch seine Unzufriedenheit mit den Verhältnissen in seiner bisherigen Heimatstadt. Er betrachtet sich selber als keinen Typ, der „mit der Zeit geht“, und kommt sich schon wie eine Art Anachronismus der neunziger Jahre vor. Hier in Berlin fehle ihm die Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln, da er zu sehr auf ein bestimmtes Image festgelegt sei. Dieses Problem bestehe andernorts weit weniger. „Im Grunde genommen erwarten die Leute hier von mir immer dasselbe in neuen Variationen – das ist mir auf die Dauer aber zu langweilig.“ Zudem kann er mit dem „neuen Berlin“ überhaupt nichts anfangen. „Das Arbeiten, Ausstellen und Ausgehen, so wie ich es kennen und schätzen gelernt habe, hat sich verändert.“ Das sei natürlich prinzipiell nichts Schlechtes, aber eben nicht mehr sein Ding.

In dem Fall ist der Schritt, woanders neu zu beginnen, nur logisch. Da er all die Jahre, die er hier gelebt hat, jedoch auch ständig unterwegs war und oft nur wenige Tage in seinen eigenen vier Wänden verbrachte, ändert sich vielleicht gar nicht so viel: denn viel reisen will er nach wie vor. In Berlin wird er dann allerdings nur noch zu Besuch sein – wie bei seiner Familie im Badischen.

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