Berlin : Bahn AG: 28 Bahnhöfe zum Kauf angeboten

Klaus Kurpjuweit

Die Bahn speckt ab. Sie legt nicht nur Strecken still, sondern will sich jetzt auch von Bahnhöfen trennen, die an Strecken mit Betrieb liegen. Ihre Funktion haben die meisten Stationen im ländlichen Raum ohnehin seit langem verloren. Oft sind die Bahnhöfe bereits verrammelt - und verfallen. Der Weg zum Zug führt an den Gebäuden vorbei. 28 Bahnhöfe stehen allein in Brandenburg konkret zum Verkauf an. Über hundert weitere sind bereits auf der Wunsch-Verkaufsliste notiert.

Dabei wolle die Bahn den Gemeinden ein Vorkaufsrecht einräumen, sagt Bahnsprecher Achim Stauß. Was die Kommunen damit anfangen sollen, weiß man aber auch bei der Bahn nicht so recht. Der Ring Deutscher Makler, der von der Bahn in die "Vermarktung" der Bahnhöfe eingeschaltet worden ist, denkt unter anderem an Cafés, Teestuben, Sporttreffpunkte oder Museen. Der Haken dabei ist nicht nur, dass angesichts der Siedlungsstruktur oft gar keine Nachfrage nach diesen Angeboten besteht, sondern dass den Kommunen in der Regel einfach auch das Geld für den Kauf und die anschließende Sanierung der Gebäude fehlt.

Die Bahn hat seit Jahren so gut wie kein Geld mehr in die Bahnhöfe gesteckt, die jetzt aber Geld bringen sollen. Von der Renaissance der Bahnhöfe, die wieder zum Herz der Städte - und Dörfer - werden sollten, wie der damalige Bahnchef Heinz Dürr schwärmte, hatten die Stationen an Nebenstrecken nichts mitbekommen.

Ob sich private Käufer finden lassen, ist ebenfalls ungewiss. Nur ausgesprochene Bahnfreunde werden sich daran erfreuen, direkt neben Gleisen zu wohnen, auf denen weiter Züge entlangrumpeln. Denn auch die Gleise sind häufig in einem schlechten Zustand, was den Lärmpegel erhöht, und nach wie vor setzt die Bahn oft auch noch alte - und laute - Fahrzeuge ein. Zudem muss ein privater Interessent auch für sich kalkulieren, ob sich die Kosten für Kauf und Sanierung lohnen. Hier hofft die Bahn, dass wenigstens Mieter, die schon jetzt in Bahnhöfen wohnen, zum Eigentümer werden.

Der Fahrgastverband Pro Bahn unterstützt die Verkaufspläne für die Bahnhöfe, die ungenutzt sonst meist nur verrotteten. Ideal wäre es, wenn im Erdgeschoss Geschäfte einzögen, heißt es bei Pro Bahn. So könnte man auch dem Vandalismus vorbeugen. Doch dies wird wohl ein Wunsch bleiben. Denn seit der Wende gibt es fast keinen Markt mehr für kleinere Läden in den Dörfern. Die meisten haben inzwischen dicht gemacht und sehen nicht besser aus als die Bahnhöfe.

Bedenken gegen einen Verkauf von Bahnhöfen kommen dagegen vom Öko-Institut in Freiburg. Vor einem Verkauf müsse in jedem Einzelfall geklärt werden, welche Rolle der Bahnhof als "potenzielle städtebauliche Mitte und Drehscheibe des Verkehrs" übernehmen könne, sagte Willi Loose vom Arbeitsfeld Verkehr des Öko-Instituts. Zudem müsse vorher geprüft werden, welche Bedeutung der Bahnhof in einem gesamtstädtischen und regionalen Konzept einer integrierten Siedlungs- und Verkehrsentwicklung haben könnte. Und drittens müsse man sehen, ob nicht ein anderes Verkehrsunternehmen den Bahnhof "funktionsgerecht" weiterbetreiben könnte.

Das Öko-Institut hat zusammen mit der Bauhaus-Universität Weimar ein Konzept für einen "Umweltbahnhof" entwickelt. Auftraggeber war das schienenfreundliche Land Rheinland-Pfalz mit seiner SPD/FDP-Regierung. Vier Modellprojekte werden derzeit umgesetzt. Davon ist Brandenburg weit entfernt.

Hier ist es bis heute auch nicht gelungen, mit Hilfe des Landes neue Haltepunkte zu schaffen, die näher an den Kommunen liegen oder neue Fahrgastpotenziale erschließen. So hatte die Bahn schon vor Jahren vorgeschlagen, in Diedersorf Züge halten zu lassen. Davon würden auch die Besucher des Biergartens auf dem Schlossgelände profitieren. Getan hat sich aber nichts, klagen Mitarbeiter der Bahn, die dem Land ein Desinteresse an der Schiene vorwerfen.

Nach dem Konzept für die "Umweltbahnhöfe" werden die Gebäude saniert und neue Nutzer gesucht, wenn sich die Bahn zurückzieht. So ist es nach Looses Angaben in einem Bahnhof gelungen, einen Kiosk zu etablieren, in dem auch Fahrscheine für den Zug verkauft werden. Ein Bistro solle noch folgen. Zerschlagen habe sich dagegen der Plan, auch ein Ärztezentrum einzurichten. Prinzipiell sei dies aber umsetzbar. Möglich seien auch touristische Einrichtungen.

Verbessert werde zudem der Anschluss an den örtlichen Bus. An einem Bahnhof habe man zum Beispiel ein Gleis entfernt, so dass die Busse an einer Seite direkt am Bahnsteig halten können, sagte Loose. Beim Umsteigen müssen Fahrgäste dann nur noch kurze Wege zurücklegen. Finanziert werden die "Umweltbahnhöfe" zum größten Teil vom Land mit Mitteln aus dem so genannten Gemeinde-Verkehrsfinanzierungsgesetz. Dieses Geld aus dem Mineralölsteueraufkommen ist für den Ausbau des Nahverkehrs in den Kommunen vorgesehen. Einen Teil der Kosten übernehmen nach Looses Angaben auch die Kommunen selbst.

Dies sei eine bessere Lösung als den Kommunen allein den Kauf des Bahnhofes anzubieten, wie es die Bahn AG nun in Brandenburg vorhat. Grundsätzlich sei aber eine öffentliche oder bahnspezifische Nutzung der Bahnhöfe besser als der Verkauf an private Interessenten.

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