Berlin : Bahnprojekte auf Eis: Der Eisenbahnknoten wird zum Verschiebebahnhof

Klaus Kurpjuweit

Die Bahn kommt nicht. Wenn der Bund kein zusätzliches Geld locker macht, startet die Bahn ihr Jahrhundertprojekt mit dem Neubau des Lehrter Bahnhofs und dem neuen Nord-Süd-Tunnel unter dem Tiergarten nur mit einem eingeschränkten Betriebsprogramm. Aus Geldmangel, hervorgerufen durch die bisherigen Kostensteigerungen, will der Vorstand nach Tagesspiegel-Informationen alle noch nicht begonnenen Bauprojekte verschieben und nicht vor dem Jahr 2010 fertig bauen. Dann gibt es zumindest zunächst keinen Flughafenexpress über die Dresdner Bahn, keinen Bahnhof an der Papestraße, keine Sanierung des Ostkreuzes, und sogar im neuen Tunnel will die Bahn notfalls vorläufig nur zwei Gleise in den vier Röhren legen lassen. Aus dem geplanten Eisenbahnknoten würde damit nur ein Torso.

Ein solches "Notprogramm" wäre vorübergehend machbar, haben Studien der Bahn ergeben. "Die Einschränkungen werden aber richtig weh tun", heißt es bei Planern. Die Experten sind sich einig, dass die Bahn einen Betrieb unter solchen Bedingungen nicht lange durchhalten wird und der Druck, die aufgeschobenen Projekte doch zu realisieren, schnell zunimmt. Zumal dann, wenn der Betrieb vor den Augen der Bundesregierung stockt. Ganz verzichten will die Bahn auf kein Projekt; erforderliche Bauten auf Vorrat sollen auf jeden Fall überall berücksichtigt werden.

Durch den Verzicht auf den sofortigen Ausbau der Dresdner Bahn wird vor allem der Airport-Express zum geplanten Flughafen Berlin-Brandenburg International (BBI) in Schönefeld gebremst. Die schnellen Züge würden dann nach Tagesspiegel-Informationen statt alle 15 Minuten nur halbstündlich fahren und statt 19 Minuten 29 Minuten unterwegs sein. Sie müssen dann nämlich den längeren Weg über die Anhalter Bahn nehmen. Damit würde die Fahrt nach Schönefeld länger dauern als nach Sperenberg. Dieser Standort war auch wegen der angeblich zu weiten Entfernung von Berlin aus nicht gewählt worden. Die Fahrt zum Flughafen bei Sperenberg sollte vom Lehrter Bahnhof aus nur 25 Minuten dauern.

Durch das ebenfalls vorgesehene Verschieben des Neubaus eines Bahnhofes an der Papestraße erhalten die südlichen Bezirke zudem keinen Anschlussknoten an den Fern- und Regionalverkehr. Die Bahnkunden, die dann nicht ohnehin aufs Auto umsteigen, müssten so zum innerstädtischen Lehrter Bahnhof fahren. Auch die Fahrt auf der Schiene zum nahen Flughafen in Schönefeld wird unattraktiv, wenn der Airport an der Papestraße durchrauscht.

Entsetzen löst bei Verkehrsplanern auch die Absicht aus, auf die Sanierung des S-Bahnhofes Ostkreuz weiter zu verzichten. Dann wären mindestens aufwändige Überbrückungsmaßnahmen erforderlich, um den Betrieb auf der maroden Anlage aufrechterhalten zu können.

Selbst in dem für rund vier Milliarden Mark errichteten Nord-Süd-Tunnel mit vier Tunnelröhren will die Bahn zunächst nur in zwei Röhren Gleise legen lassen, um Geld zu sparen. Dann wären nicht nur die Anlagen zum Teil nutzlos, die mit einem hohen Aufwand errichtet wurden. Im Regionalverkehr könnte nur etwa die Hälfte des bisher geplanten Zugangebotes verwirklicht werden.

In der Vergangenheit hatte sich vor allem Brandenburg dagegen gewehrt, im Tunnel nur zwei Gleise für die Bahn zu nutzen. Der Bahnvorstand hatte nämlich auch erwogen, durch zwei Röhren den Transrapid zu schicken. Diese Pläne sind noch nicht endgültig vom Tisch. Durch die vorgesehenen Einschränkungen beim schienengebundenen Airport-Express könnten sie sogar wieder aktuell werden. Für den Transrapid-Bau stehen - theoretisch - noch 5,1 Milliarden Mark bereit. Und eine Strecke wird weiter gesucht.

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