Bayrische Kultur in der Hauptstadt : In Berlin steht ein Hofbräuhaus

Von wegen Schwaben! Mehr Zuzügler kommen aus Bayern – und bringen ihre Lebensart mit. Die Älteren pflegen die Kultur der Trachten, Jüngere und Gäste feiern täglich Weißbier-Gaudi. Eine Erkundungstour.

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Bayern in Berlin: Wir besuchten mit der Kamera das Hofbräuhaus am Alexanderplatz und den "Verein der Bayern in Berlin" in Lichterfelde. Vorm Hofbräuhaus spielen die Musiker in Trachten - die blau-weiße Fahne darf natürlich nicht fehlen.Alle Bilder anzeigen
Foto: Thilo Rückeis
02.03.2013 23:06Bayern in Berlin: Wir besuchten mit der Kamera das Hofbräuhaus am Alexanderplatz und den "Verein der Bayern in Berlin" in...

Dieses Lächeln im Gesicht des Kellners – es muss vertraglich vorgeschrieben sein. Anders ist nicht erklärbar, wie der junge Mann in Lederhosen, vielleicht Mitte 20, hier seinen Dienst versieht, freundlich zuvorkommend, ein Bollwerk der Professionalität an einem wüsten, harten Ort. Das Hofbräu in der Nähe des Alexanderplatzes an einem Freitagabend gegen halb elf: eine brodelnde Bierwanne. „Du bist so heiß wie ein Vulkan, aha, aha, und heut verbrenn ich mich daran“, die Band in der Mitte der 6000 Quadratmeter großen Halle; es sind abgezockte Profis mit schlecht sitzenden Lederhosen, sackartig am Hintern, Akkordeon und Schnauzbart.

Wer sich auf die Suche macht nach bayrischem Leben in Berlin, der landet im Hofbräu, dem laut Veranstalter größten bayrischen Wirtshaus in Europa, 3000 Liter Bierverbrauch pro Tag, ungezählte Schweinshaxen und Weißwürste, ausgeschenkt und verfüttert an begeisterte Berliner und Touristen. Aber das Hofbräu dürfte nur das umsatzstärkste Beispiel dafür sein, wie Bayern und seine Lebensart mittlerweile eine wichtiger werdende Rolle im Berliner Leben spielen.

Wie das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg mitteilt, ziehen jährlich gut 8000 Menschen von Bayern nach Berlin um, das sind mehr als die oft geschmähten Schwaben und andere Baden-Württemberger, von denen etwa 7500 jährlich in die Hauptstadt kommen. Nur das Berlin umschließende Brandenburg und das mit Abstand bevölkerungsreichste Bundesland Nordrhein-Westfalen schickt mehr Landeskinder, ansonsten: Vorteil Bavaria.

Prosit und Schuhplattler: Bayern in Berlin
Bayern in Berlin: Wir besuchten mit der Kamera das Hofbräuhaus am Alexanderplatz und den "Verein der Bayern in Berlin" in Lichterfelde. Vorm Hofbräuhaus spielen die Musiker in Trachten - die blau-weiße Fahne darf natürlich nicht fehlen.Alle Bilder anzeigen
1 von 8Foto: Thilo Rückeis
02.03.2013 23:06Bayern in Berlin: Wir besuchten mit der Kamera das Hofbräuhaus am Alexanderplatz und den "Verein der Bayern in Berlin" in...

Aber was machen die alle hier? Ein Rundgang durch Berlins bayrische Ecken.

Die Ältesten sitzen in der Peripherie. Ein Sonntagnachmittag in Lichterfelde, wo die Stadt ausfranst, die Häuser freier stehen, Vorgärten hinter Steinmauern. Das Gelände vom „Verein der Bayern in Berlin“ liegt neben einer Saunalandschaft der Berliner Bäderbetriebe, ein Haufen Strohballen liegt neben der Toilette. Hinein ins Vereinsheim, ein etwas muffig riechender Flachbau mit Bar, Ziertellern an den Wänden und Holzmöbeln, ein gutes Dutzend ältere Menschen, Stammkundschaft mit Weißbier und Brezeln beim „Hütten- und Übungsnachmittag“.

Dass er sich noch schnell umziehen müsse, sagt Helmut Amberger, Vereinschef und Ingenieur für Elektrotechnik, ein 61 Jahre alter Mann, kurz darauf in Tracht, „jetzt kann's losgehen“. Die Vereinsgeschichte im Schnelldurchlauf: Gegründet vor 137 Jahren, damit der zweitälteste Bayernverein in Deutschland, nur in Chemnitz sei man noch älter, zwischen den Weltkriegen knapp 900 Mitglieder, und zwar – wie die Vereinschronik berichtet – „ordentliche Mitglieder“, also gebürtige Bayern. Von solchen Zahlen ist man in Lichterfelde weit entfernt, sogar im doppelten Sinn. Gut 50 Menschen hat der Verein heute noch, Tendenz sinkend, gebürtige Bayern weniger als ein Dutzend.

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