Berlin : Beate Ochmann (Geb. 1928)

„Sehr elegant!“, hat ihr mal ein Mann aus dem fünften Stock hinterhergerufen

Oliver Gehrs

Das Einzige, was Deutschland noch habe, so sagte Frau Ochmann wenige Monate vor ihrem Tod, sei die Gemütlichkeit. Und das muss man sagen: Gemütlich war es bei Frau Ochmann. Und sauber war es, sehr sauber.

Ihr Wohnzimmer hatte sie pastellgelb gestrichen, auf dem gelben Sofa lagen zwei gelbe Kissen, den Wohnzimmertisch zierte eine gelbe Spitzendecke. Der Kaffee kam aus einer goldenen Thermoskanne. Auf dem Tisch lagen ordentlich aufgefächert Modehauskataloge und Gutscheine verschiedener Versandhäuser.

Ihre Wohnung befand sich im zehnten Stock eines ziemlich grauen Hochhauses in der Berliner Gropiusstadt. Das Straßenbild wird hier von alten Menschen, Emigranten und Hartzern dominiert, die schon um zwölf vor den niedrigen Kneipen in den Erdgeschossen der Betonklötze sitzen und ordentlich gezapfte Biere trinken. Frau Ochmanns Balkon erkannte man schon von Weitem, auch den hat sie gelb angestrichen.

Die erste Hälfte ihres Lebens hatte sie in Oberschlesien zugebracht, das bis 1945 deutsch war und danach polnisch. Ihr Vater hatte eine Gurken- und Krautfabrik besessen; sie kam also, das war ihr wichtig, aus gutem Hause. Nach dem Krieg wurde sie Buchhalterin im Gesundheitsamt, Hauptbuchhalterin, wie sie betonte. Auf der Arbeit lernte sie den Mann kennen, der der ihre werden sollte. Gemocht habe sie ihn am Anfang aber gar nicht. Er habe keinen Respekt vor Frauen gehabt, und besonders gebildet sei er auch nicht gewesen. Sie konnte russisch, polnisch und deutsch sprechen. Weil er aber sehr sauber und ordentlich war, hat sie ihn schließlich doch geheiratet. Und er hatte diesen schönen deutschen Namen: Edward Ochmann.

1971 siedelten sie nach Deutschland um. Im Auffanglager Friedland lebten sie dreieinhalb Jahre, dann zogen sie nach West-Berlin, Lipschitzallee 146. Seit 14 Jahren wohnt sie dort allein, ihr Mann starb an Zucker. „Der hat dich eh nur ausgenutzt“, habe ihr Sohn gesagt, und da sei schon was dran. Im Grunde habe er nie viel gemacht, das Geld habe sie verdient, in der Textilfabrik. Besonders geschickt sei er auch nicht gewesen. Tapezieren, malen, renovieren – das alles hat sie erledigt.

In der Hochhaussiedlung gibt es immer mal Ärger, Überfälle, Drogendelikte. Vor ein paar Jahren traf es auch Frau Ochmann. Ein türkischstämmiger 14-Jähriger habe sie geboxt und als „deutsche Hure“ beschimpft. „Das durften schon die Russen und die Polen nicht zu mir sagen; ich habe ja den schwarzen Gürtel.“ Sie habe dem Jungen zwei Zähne ausgeschlagen, weil sie an dem Tag einen schweren Ring trug. Seither habe sie keinen Ärger mehr mit den Jugendlichen gehabt.

Auch als Rentnerin hatte Frau Ochmann immer sehr viel zu tun, zum Beispiel musste sie ihre Hosen kürzen, weil sie immer kleiner wurde. Sehr viele Hosen waren das, so um die 40. Mode war ihr schon immer sehr wichtig, manchmal ging sie ganz in Gelb, manchmal ganz in Flieder oder Türkis. Vieles nähte sie selbst, eine Pelerine mit Pelzbesatz etwa, die sie aus einem Mantel herausgetrennt hatte. „Sehr, sehr elegant!“, habe ihr mal ein Mann aus dem fünften Stock hinterhergerufen, ein Familienvater um die 40, der sie beim nächsten Mal sogar gefragt habe, ob sie mit ihm schlafen würde. „Aus dem Alter bin ich schon lange raus. Da muss der noch zehnmal geboren werden“, sagte Frau Ochmann. Aber schmeichelhaft war es natürlich schon.

Der Laminatboden ihrer Wohnung glänzte, die Arbeitsplatte in der Küche auch. Im rosa Schlafzimmer hatte sie auch den Heizkörper farblich passend gestrichen. Ihre Blusen hingen akkurat im Schrank, Bügel nach rechts jene, die sie schon mal getragen hatte, Bügel nach links die ganz frischen.

Jeden Mittwoch kam ihr Sohn, der in einem Hochhaus um die Ecke wohnt, zum Mittagessen. Ihre Enkeltochter besuchte sie auch manchmal, aber Frau Ochmann ließ sie nur rein, wenn sie nicht ganz in Schwarz kam. „Sie kleidet sich zu sehr nach dem poppigen System.“ Komisch sei auch, dass die Enkelin Koreanisch studiert; sie hätte sie lieber beim BKA gesehen und in der CDU. Und warum dauert das überhaupt so lange mit dem Studium? Vier Jahre schon. „So eine Sprache hat man doch nach einem halben Jahr gelernt.“

Ein einziges Buch stand in ihrem Wohnzimmer: „Deutschland schafft sich ab“ von Thilo Sarrazin.

Auf die Frage, wie sie sich selbst beschreiben würde, sagte Frau Ochmann: „Ich bin eine alte Deutsche.“

Im vergangenen Jahr machte eine Fotografin Modefotos von ihr. Die Bilder erschienen in einem Magazin, und sie war sehr stolz darauf. Sie sah aus, als würde sie noch sehr viele Complets nähen, noch viele Heizkörper anmalen, noch oft den Tisch Ton in Ton decken. Doch nur wenige Monate später starb sie.

Über die Umstände des plötzlichen Todes soll nichts nach außen dringen; das hätte sie auf keinen Fall gewollt. Erinnern soll man sich an sie in den leuchtend hellen Farben, die sie so gern getragen hat.

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