Berlin : Bedingt beschützt

Neuköllns Bildungsstadtrat glaubt nicht, dass Wachleute Vorfälle wie den in Kreuzberg verhindern können

Susanne Vieth-Entus

Ein Wachschutz vor dem Schultor hätte die gestrige Alarmstimmung am Oberstufenzentrum in Kreuzberg kaum abwenden können. „Wenn jemand genug kriminelle Energie hat, um bewaffnet in eine Schule zu gelangen, kann das ein Wachschutz wohl erschweren, aber nicht verhindern“, vermutet Neuköllns Bildungsstadtrat Wolfgang Schimmang (SPD). Schließlich könnten Wachschützer nur den Haupteingang und den Schulhof im Auge haben, nicht aber alle Seiteneingänge, Fenster und Zäune.

Neukölln gilt in Berlin als Vorreiter in Sachen „Schul-Wachschutz“, seitdem Schimmang und Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) den Schulen freigestellt haben, Bewacher zu beantragen. Dafür stellt der Bezirk einen sechsstelligen Betrag pro Jahr zur Verfügung. Anlass für die kostspielige Intervention war im Juni 2007 ein gewalttätiger Übergriff an der Röntgen-Realschule, bei dem ein schulfremder Jugendlicher einen Lehrer verletzt hatte.

Auch wenn Schimmang zugibt, dass die Sicherheitsleute nur begrenzt helfen und Vorfälle wie den gestrigen in Kreuzberg kaum verhindern können, ist er doch überzeugt von seinem Wachschutz-Konzept. Das liegt auch an den positiven Rückmeldungen aus den Schulen, die seit Dezember 2007 die Wachschützer vor der Tür haben: Sie alle haben eine Verlängerung für das kommende Schuljahr erbeten, zwei weitere Schulen kommen jetzt hinzu, so dass dann insgesamt 15 Schulen von dem Sicherheitspersonal profitieren.

Eine der Schulen mit Wachschützern ist die Rütli-Hauptschule. Erst gestern kamen dort wieder die Sicherheitsleute zum Einsatz: Sie hatten zwar nicht sehen können, dass ein Schulfremder seitlich den Zaun überwunden hatte, waren dann aber schnell zur Stelle, als sie um Hilfe gebeten wurden. Der junge Mann habe wohl zu einem Mädchen gewollt, von dem er abgewiesen worden war, hatte Schimmang erfahren. Nach Schulschluss sei er allerdings wiedergekommen – mitsamt Verstärkung. Angesichts dieser „Zusammenrottung“ habe der Wachschutz dann aber die Polizei gerufen.

Es kommt immer wieder vor, dass verschmähte Liebhaber in Schulen gewalttätig werden. Auch nach dem Vorfall in der Röntgen-Realschule war davon die Rede, dass der Schläger seine Freundin auf dem Schulhof habe zur Rede stellen wollen. „Die Bereitschaft, körperliche Gewalt auszuüben, steigt“, berichtet Schimmang in Übereinstimmung mit den aktuellen Gewaltstatistiken der Senatsverwaltung für Bildung. Deshalb bereut er es auch keineswegs, dass er sich vor einem Jahr gegen die Widerstände des Senats durchsetzte und den Wachschutz installierte.

Wie berichtet, hat insbesondere Innensenator Ehrhart Körting (SPD) den Vorstoß Neuköllns stets abgelehnt und die Wachschützer als „paramilitärische Einheiten“ bezeichnet. Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) war zwar zunächst auch auf Distanz zu Neukölln gegangen, hatte später aber gesagt, dass er „im Einzelfall“ für derartige Schutzmaßnahmen Verständnis habe. Neukölln ist übrigens auch in Sachen „Evakuierungen“ erprobt. Anfang der 90er Jahre hatten Schüler des öfteren versucht, mit vorgetäuschten Bombendrohungen Klassenarbeiten zu verhindern. Etliche Evakuierungen waren die Folge. Neukölln erregte auch Aufsehen, als hier berlinweit die erste Videokamera am Eingang einer Schule installiert wurde. Auch sie richtete sich gegen Schulfremde.

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