• Beim Testlauf für die Gesundheitskarte ist Berlin nicht dabei Andere Bundesländer hoffen auf Aufträge für IT-Branche, doch die AOK will beim Modellversuch nicht mitmachen

Berlin : Beim Testlauf für die Gesundheitskarte ist Berlin nicht dabei Andere Bundesländer hoffen auf Aufträge für IT-Branche, doch die AOK will beim Modellversuch nicht mitmachen

Ingo Bach

Berlin hat nach Ansicht von Unternehmensberatern eine wichtige Chance für die hier ansässigen Informationstechnologie-Firmen verpasst. Der Grund: Das Land nimmt nicht an dem Ende 2004 beginnenden Testlauf für die so genannte Gesundheitskarte teil. Dabei wären entsprechende Erfahrungen, die die Firmen mit der neuen Chipkarte für gesetzlich Versicherte sammeln könnten, eine gute Vorbereitung, um sich an dem milliardenschweren Geschäft zu beteiligen.

Betrugssichere Chipkarte, Patientenakte und Rezeptblock in einem – so stellen sich Krankenkassen und Gesundheitspolitiker die Gesundheitskarte vor, die ab 2006 flächendeckend in Deutschland für 72 Millionen gesetzlich Krankenversicherte eingeführt werden soll. Auf der mit einem Passfoto versehenen Karte sollen ärztliche Rezepte ebenso gespeichert werden wie Notfalldaten, etwa die Blutgruppe oder Arznei-Allergien. Einige Vorteile für den Patienten: Im Unglücksfall kann der behandelnde Arzt sofort alle relevanten Daten in seinem Lesegerät einsehen. Und durch die Speicherung der verschriebenen Medikamente kann er zum Beispiel Wechselwirkungen mit anderen Arzneien vermeiden.

Langfristig, nach Experten-Schätzungen in fünf bis sechs Jahren, will das Bundesgesundheitsministerium aus der Gesundheitskarte eine Art elektronische Patientenakte mit allen nötigen Angaben machen. Doch bis dahin haben Software-Entwickler und Industrie noch eine Menge zu tun. So muss ein elektronisches Netzwerk geschaffen werden, das die Gesundheitsdaten speichert und verwaltet. Lesegeräte müssen entwickelt und Arbeitsabläufe zwischen Ärzte, Apotheken und Patienten optimiert werden. Und genau das will man mit dem umfangreichen Praxistest für die schöne neue Patientenwelt erreichen. Der Testbeginn mit zunächst einigen hundert Patienten in bundesweit ausgewählten Modellregionen ist für den November 2004 geplant. Im späteren Verlauf soll er ab 2005 bis zu 1,2 Millionen Versicherte in zwölf der 16 Bundesländer erfassen – doch Berlin ist anders als Brandenburg nicht darunter.

Die Motivation, an dem Versuch teilzunehmen, müsste eigentlich hoch sein, sagt Joachim Kartte, Gesundheitsexperte bei der Unternehmensberatung Roland Berger. Zum einen, weil sich so die Ärzte, Kliniken oder Apotheken frühzeitig auf das neue System einstellen könnten. Zum anderen wäre dies auch eine Chance für die Berliner IT-Branche. Die weltweit tätigen Firmen stellten sich bereits auf, um die lukrativen Aufträge für die Gesundheitskarte an Land zu ziehen. Die Teilnahme an dem Probebetrieb hätte auch Berliner Unternehmen die Chance eröffnet, Erfahrungen zu sammeln, sagt Karrte. Ein wichtiger Wettbewerbsvorteil im Kampf um die Folgeaufträge. „Eine frühe Teilnahme wäre ein Standortvorteil für Berlin gewesen“, glaubt Kartte. Deshalb sei das Interesse der anderen Bundesländer so groß gewesen. Auch im Bundesgesundheitsministerium lobt man die Vorteile für diejenigen, die beim Test dabei sind. „Wer die Technik frühzeitig ausprobieren kann, der lernt dabei auch schnell“, sagt Stefan Bales, Referatsleiter im Ministerium.

In der Senatsgesundheitsverwaltung hätte man eine Teilnahme Berlins ebenfalls sehr begrüßt. „Das wäre wünschenswert gewesen“, sagt Gesundheitsstaatssekretär Hermann Schulte-Sasse. Aber die AOK Berlin habe sich dagegen entschieden. „Die AOK Baden-Württemberg nimmt an dem Feldversuch teil, deshalb müssen wir die dort gesammelten Erfahrungen nicht noch einmal in Berlin machen“, sagt Gabriele Rähse, Sprecherin der Berliner Krankenkasse.

Die Kosten spielen dabei sicher auch eine Rolle. Nach Schätzungen des Bundesgesundheitsministeriums sind für die 2005 anlaufende letzte Testphase mit jeweils 100000 gesetzlich Versicherten pro Bundesland zwischen 14 und 18 Millionen Euro nötig. Dies teilen sich Länder und Krankenkassen. Die Gesamt-Einführung der Karte soll schätzungsweise bis zu 1,7 Milliarden Euro kosten.

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