Berlin : Bekannte Schuld

Wie ein Unternehmer auf seine Zeit bei der Waffen-SS zurückblickt

Gerd Nowakowski

Er ist nicht fern von Danzig in Ostpreußen aufgewachsen, er war mit 18 Jahren bei der Waffen-SS – aber damit hören die Ähnlichkeiten mit Günter Grass schon auf. Der 1925 geborene Otto-Ernst Duscheleit ist nicht Schriftsteller, sondern Unternehmer. Seine Spirituosenfirma war in Berlin, wohin es ihn nach dem Krieg verschlug, jahrzehntelang ein Begriff. Umgetrieben aber hat ihn zeitlebens seine Verstrickung in den Vernichtungsapparat der Nazi-Herrschaft. Otto-Ernst Duscheleit war Täter, aber auch Opfer. Anders als Grass hat er früh die Scham überwunden, sich seiner Schuld gestellt und dies in einem ehrlichen Buch verarbeitet.

Als Junge glaubt er den Versprechungen der Nazis, ist mit 16 Jahren Hauptscharführer der Hitlerjugend. Die furchtbaren Nachrichten seiner Brüder von der Ostfront und seine eigenen Erfahrungen der Erniedrigung beim Arbeitsdienst ernüchtern ihn, lassen ihn aber nicht aufbegehren. Ein Schicksal wie das von hunderttausenden anderer Jugendlicher, die zum Kanonenfutter werden. Freiwillig will er nicht zur Waffen-SS. Doch als die SS in seiner Arbeitsdienstbrigade wirbt und sich niemand meldet, werden die jungen Männer vor die Alternative gestellt: entweder zur Waffen-SS oder ins Strafbataillon. Bis zum Kriegsende kämpft Duscheleit in einer Panzereinheit der SS-Division Nordland, er ist vor Leningrad eingesetzt, erlebt den Zusammenbruch der Ostfront und den unaufhaltsamen Vormarsch der Sowjetunion, kämpft bis zum Ende an der Westfront gegen die Amerikaner.

Die grausame Ideologie und den Terror der SS-Führer selbst gegen die eigenen Soldaten hat er erlebt und erlitten, als etwa ein 17-Jähriger standrechtlich erschossen wird, weil er zu spät vom Urlaub zurückkehrt. Ein Bruder fällt, der zweite Bruder begehrt auf, kommt ins Strafbataillon und nimmt sich das Leben, um nicht schuldig zu werden und die Mutter engagiert sich in der „Bekennenden Kirche“. Otto-Ernst Duscheleit aber passt sich an, tut seine „Pflicht“. Diese Schuld hat den Unternehmer nicht losgelassen, wie auch die furchtbaren Erlebnisse immer wieder- kehrten in seinen Träumen. Aus Schweigen und Vergessen hat er seit mehr als zwei Jahrzehnten seinen schwierigen Weg der Versöhnung gesucht. Das Buch lässt die Seelenqual des Autors spüren, der sich im Friedensdienst engagiert und bei der Friedensgruppe „one by one“. Duscheleit beschreibt, wie er vor Schülern spricht und sich den Angehörigen ermordeter Juden stellt: eine Schuld, die Verpflichtung wurde.

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