Berlin 2030 : Wie sieht die Berliner Medizin in 20 Jahren aus?

Die meisten Menschen kennen ihr Erbgut, ihre Stärken und Schwächen. Genomisch maßgeschneiderte Medikamente sind Alltag. Unsere Zukunftsserie beschäftigt sich mit Berlin im Jahr 2030. Heute: Wie die Berliner Medizin sich in den nächsten 20 Jahren wandelt.

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In Zukunft werden Arzneimittel für einzelne Patienten oder kleine Patientengruppen entwickelt - basierend auf Genforschung.
In Zukunft werden Arzneimittel für einzelne Patienten oder kleine Patientengruppen entwickelt - basierend auf Genforschung.Foto: dpa

2030 hat das genetische Zeitalter längst begonnen. Die meisten Menschen kennen ihr Genom, wissen um ihre genetischen Stärken und Schwächen. Die vollständige Sequenzierung des Erbguts kostet kaum mehr als 100 Euro. Detailliert sind die Risiken aufgeschlüsselt: Vorsicht, bei zu viel fettem Essen droht ein Schlaganfall mit 50. Und gegen den Darmtumor, der vermutlich um das 65. Lebensjahr auftreten wird, wird das genomisch maßgeschneiderte Medikament „Kolokur“ helfen. Alles bereits auf der elektronischen „Genecard“ des Berliners von übermorgen verzeichnet.

Zukunftsmusik, gewiss. Aber Experten sind der Meinung, dass es so oder so ähnlich kommen wird. „Wir werden viel mehr als heute damit beschäftigt sein, Arzneimittel für einzelne Patienten oder kleine Patientengruppen zu entwickeln“, sagt Andreas Busch, bei Bayer Schering Pharma für die Entwicklung neuer Medikamente zuständig. Ein Präparat für alle, das wird es kaum noch geben. Und: „Das Gleichgewicht wird sich in Richtung Vorbeugung verschieben. Auch mit Hilfe spezieller Wirkstoffe, mit denen wir das Ausbrechen von Krankheiten verhindern können.“

Was bedeuten diese großen Entwicklungen der Medizin für Berlin? Die Prognos-Studie „Eine Zukunft für Berlin“ sieht das Gesundheitswesen der Stadt in einer guten Ausgangslage. Neben dem Platzhirschen Bayer Schering Pharma ist eine Reihe weiterer Pharmafirmen in der Stadt vertreten, darunter Berlin Chemie, Pfizer und Sanofi Aventis. Insgesamt 140 Unternehmen sind auf dem Gebiet Biotechnik und Pharmazie tätig, 350 auf dem der Medizintechnik – darunter der international erfolgreiche Herzschrittmacher-Produzent Biotronik. In der Gesundheitsbranche Berlins sind rund 180.000 Menschen tätig.

„Berlin kann sich von Singapur viel abgucken“, sagt Detlev Ganten, ehemaliger Charité-Vorstandschef. Denn der Stadtstaat, berichtet Ganten, hat sich das Thema Gesundheit „in allen Bereichen“ auf die Fahnen geschrieben, exzellente Wissenschaftler in die Stadt geholt und eine hervorragende Gesundheitsversorgung eingerichtet. „Gesundheitsstadt Berlin“ heißt ein deutsches Pendant zu Singapur. Die Initiative will die Stadt zum führenden Gesundheits- und Medizinstandort Deutschlands machen. Wenn Berlin das nicht schon ist.

Das Rückgrat der „Gesundheitsstadt“ ist das Universitätsklinikum Charité, daran lassen Ganten und andere Fachleute keinen Zweifel. Ergänzt wird die größte Uniklinik Deutschlands durch eine Vielfalt von Hochschulen und Forschungsinstituten in der Region. Eine ideale Ausgangslage, damit die Berliner Medizin einen rasanten Aufschwung nimmt.

„Auch wenn der Weg noch weit ist: Berlin kann das Cambridge Europas werden“, sagt Sven Klussmann von der Biotechnik-Firma Noxxon. Klussmann meint das Cambridge an der amerikanischen Ostküste, nahe Boston. Medizinforschung von Weltrang wird hier an der Harvard-Universität, dem Massachusetts Institute of Technology und dem Whitehead-Institut betrieben. Karl Einhäupl, Charité-Vorstandschef, ist da etwas zurückhaltender. „Amerikanische Eliteuniversitäten bekommen das 20- bis 30-fache an finanziellen Zuwendungen, mit denen kann man nicht gleichziehen“, sagt Einhäupl. „Aber deutsche Unikliniken können stolz darauf sein, dass sie in der europäischen Spitzengruppe dabei sind.“ Für die Charité rechnet er sich aus, dass sie 2030 unter den ersten drei in Europa ist. „Das ist schon sehr ambitioniert.“

„Vernetzung“ ist das Gebot der Stunde. Die vielen Berliner biomedizinischen Forschungsstätten müssen besser zusammenarbeiten, damit „noch mehr Klasse aus der Masse entsteht“, wie Andreas Busch von Bayer Schering sagt. „Berlin hat Potenzial, aber es muss seine wissenschaftlichen Anstrengungen besser bündeln“, bestätigt Roland Hetzer, Ärztlicher Direktor des Herzzentrums Berlin. Erkenntnisse der Grundlagenforschung sollen den Patienten rasch nützen. Hetzer veranstaltet nun mit Walter Rosenthal, Vorstandschef des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin (MDC), gemeinsame „Schnupper-Symposien“. Wissenschaftler von MDC und Herzzentrum stellen ihre Arbeit vor und loten eine Zusammenarbeit aus.

„In Berlin gibt es eine Mecker- und Nörgel-Mentalität“, kritisiert Detlev Ganten. „Stattdessen sollten wir gemeinsam handeln und optimistischer in die Zukunft sehen.“ Noch mehr Unterstützung erhofft sich Ganten von der Politik: „Heidelberg oder München sind da vorbildlich“.

2030 wird es ein europäisches Gesundheitssystem mit Kopfpauschale und Zusatzversicherungen geben, prophezeit Günter Stock, Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Auch Stock sieht gute Chancen für Berlin. Neben den Themen Gen-Analyse und Vorbeugung sieht er große Fortschritte in der Regeneration und Rehabilitation voraus. Und die Telemedizin wird Menschen unabhängiger von Kliniken machen, ihre Betreuung kann oft nach Hause verlegt werden. „Die Kiezkrankenhäuser werden zu telemedizinischen Zentren“, glaubt Stock.

Die Grenze zwischen Wissenschaft, Medizin und Wirtschaft wird viel durchlässiger, meinen Experten wie Stock, Ganten und Busch. Nicht nur, weil die Charité sich bei den Finanzen nicht mehr allein auf den Staat verlassen kann. Für eine Medizin nach Maß werden Ärzte, Ingenieure und Arzneihersteller viel stärker kooperieren müssen.

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