Berlin : Berlin – das Tor zur Mongolei

Von wegen Provinzflughafen: Von Tegel aus starten immer sonntags Flüge nach Ulan Bator. Und Reisende aus ganz Europa stehen Schlange

Christian van Lessen

Zude Otgontogtool hat sich mit seiner kleinen Tochter Borte um 12 Uhr als Erster vorm Abflugschalter aufgestellt. In genau zwei Stunden soll OM 136 der Mongolian Airlines von Tegel nach Ulan Bator starten. Die mongolische Freundin ist aus Wien angereist, um gleich mitzufliegen. Hinter den dreien sammelt sich eine italienische Reisegruppe, die aus Rom herbeigeflogen ist. Fast alles ältere Leute, die aufgeregt an ihren Rucksäcken zerren und die Tickets vergleichen. Eine kleine Gruppe französischer Frauen kam mit dem Flugzeug aus Paris, hat sich eine Touristenführerin gleich mitgebracht. „In Berlin sind wir nur im Transit.“ Zumindest für Mongolei-Flüge funktioniert die Stadt als internationales Drehkreuz, jeweils sonntags, 14 Uhr.

Wenn es nach Plan geht. Gestern ging es nicht. „Das Flugzeug kommt verspätet“, erfahren Reisende am Informationsschalter, als das Einchecken längst hätte beginnen müssen. Es komme eine Boeing 737-800, „mit der können Sie fliegen, die ist o.k“. Zude Otgontogtool glaubt nicht, dass es eine Boeing ist. „Ich rechne mit einem Airbus.“ Der junge Mann ist einer von rund 6000 Mongolen, die in Berlin leben. Er wohnt seit sechs Jahren in Charlottenburg, studiert an der FU Literaturwissenschaft, die Freundin deutsche Philologie in Wien. Acht Stunden, sagt er, dauert der Flug, nicht elf Stunden, wie im Internet zu lesen ist. Hin und zurück kostet er 740 Euro, Studententarif, inklusive eine Stunde Stopp in Moskau. „Um 7.30 landen wir zum Frühstück“, freut er sich. Für Europäer mag die Mongolei exotisch sein, für mich ist sie Erholung, ich vergesse den Stress.“ Er erzählt, dass er auf dem Land aufgewachsen ist, in einer Jurte, einem Zelt, lebte. Wie alle seine Freunde. In zwei Wochen muss er zurück – Diplomarbeit. Aber zum Nationalfeiertag am 11. Juli will er zu Hause sein.

Die Freundin freut sich auf den Service an Bord. „Der ist besser als bei der Aeroflot. Es gibt zweimal Essen: Würste und Quark.“ Die Italiener hinter ihnen zählen bereits die Stationen der geplanten Campingtour auf, durch die Wüste Gobi soll es gehen, alle freuen sich auf das Leben mit den Nomaden. Inzwischen hat sich die Warteschlange vor dem Schalter verlängert und mit Passagieren für Zürich und Salzburg vermischt. Alles wartet auf das Abfertigungspersonal der mongolischen Fluggesellschaft. Eine kleine Gruppe kommt mit Rucksäcken vorbei, sieht aus, als wolle sie zum Bergsteigen Richtung Salzburg. „Geht’s hier nach Ulan Bator?“, fragt Nadine Haberland. Drei Wochen Campingtour stehen der Tierärztin bevor, 850 Euro hat sie für den Flug bezahlt.„Ich bin gespannt auf die Steppe. Ich kenne Kanada, in der Mongolei soll es ähnlich sein.“

Auf mehreren Gepäckstücken fallen Neckermann-Schilder auf, etwa auf der großen Reisetasche von Rudolf Lang. Der Informatiker, bislang auf Reisen nach China programmiert, hat für 2000 Euro eine vierzehntägige Rundreise gebucht, Vollpension, mit Aufenthalt im Hauptstadt-Hotel, dann „gehobenem Camping“ in Jurtenhotels. Darauf ist er besonders gespannt. Er rechne mit „viel Natur, wenig Kultur“, sagt er. Zude Otgontogtool steht zu weit weg, um es zu hören. Dann hören rund 100 Reisende, dass mit dem Abflug wohl nicht vor 19 Uhr zu rechnen ist. Das Flugzeug kommt zu spät. Die Passagiere nehmen es mit mongolischer Gelassenheit. Ein Imbiss wird gereicht und Zude ruft bei der Familie an. Mit dem Frühstück morgen wird es leider nichts.

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