Berlin : „Berlin hat drei Superunis“

Exzellenter Anspruch: Dieter Lenzen, Präsident der Freien Universität, will die ganze Stadt voranbringen

Herzlichen Glückwunsch, Herr Lenzen. Sie sind jetzt Präsident der einzigen Berliner Eliteuniversität. Wie feiert die FU ihren Erfolg – vielleicht mit einem festlichen Tag der offenen Tür?

Wir werden in der nächsten Woche mit denen feiern, die einen Beitrag zu diesem Erfolg geleistet haben, und mit denen, die uns zuverlässig begleitet haben. Eine öffentliche Veranstaltung wäre aber schlicht nicht bezahlbar. Es gibt natürlich viele Gelegenheiten, die FU als Exzellenzuniversität zu feiern und sie kennenzulernen, etwa bei der Immatrikulationsfeier. Den Begriff Eliteuni lehne ich übrigens ab, er weckt die falsche Assoziation, hier werde nur die Elite ausgebildet.

Hätten Sie zu Beginn des Wettbewerbes gedacht, dass die FU statt der ehrwürdigen und auch favorisierten Humboldt-Universität gekürt werden könnte?

Wir hatten natürlich schon die Befürchtung, dass es am Ende eine Entscheidung gegen uns geben könnte, die vielleicht sachfremde Motive mit hineinnimmt. Das ist nun nicht der Fall gewesen. Es ist bedauerlich, dass nun nicht auch die Humboldt-Uni den Exzellenzstatus errungen hat. Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass die HU gleichfalls eine hervorragende Universität ist.

Wie hat es die FU geschafft, ihren Ruf als linke, hoffnungslos unterfinanzierte Massenuniversität zu überwinden?

Durch Zuversicht und Selbstdisziplin. Einmal haben wir seit 1999 die Entscheidungsstrukturen reformiert und allen Entscheidern vom Präsidenten bis zur Institutsdirektorin persönliche Verantwortung gegeben. Zweitens gehen wir mit öffentlichen Mitteln verantwortlich um: Aus dem Geld, das uns das Land Berlin gibt, machen wir das denkbar Beste. Und drittens gibt es seit einigen Jahren ein kollektives Gefühl: Wir lassen uns nicht mehr an den Rand drängen. Wir wissen um unsere Qualität, und wir machen sie auch sichtbar. Das scheint uns geglückt zu sein.

Was bedeutet das Ergebnis für die Konkurrenz der Berliner Unis untereinander?

Wir haben jetzt eine entspanntere Situation. Mit den Präsidenten der HU und der TU bin ich mir einig, dass wir die Kooperationen intensivieren sollten. Wir haben unser Zukunftskonzept von der Freien Universität als „Internationale Netzwerkuniversität“ ja von vornherein so aufgebaut, dass die drei Zentren von allen Unis und wissenschaftlichen Einrichtungen genutzt werden können: Im Zentrum für Clusterentwicklung können wir Forschungsvorhaben für ganz Berlin entwickeln. Das Zentrum für internationalen Austausch ist ebenfalls für andere offen. Auch die Dahlem Research School für die Doktorandenausbildung ist mit den anderen eng verbunden. Wir sind nun durch das Ergebnis des Exzellenzwettbewerbes in die Mitte eines Kreises gestellt worden, aus dem sich eine besondere Verantwortung und ein Angebot an die Stadt ergibt.

Das klingt ja so, als ob die FU jetzt die Keimzelle für die von Wissenschaftssenator Zöllner geplante „Superuni“ werden könnte, in der die exzellenten Bereiche aller Berliner Unis vereint werden sollen.

Berlin braucht keine Superuni, Berlin hat drei Superunis. Und unter diesen dreien hat eine, die FU, im Augenblick besondere strategische Bedeutung und Möglichkeiten. Die Unis wollen ihre Allianz auch mit den außeruniversitären Forschungseinrichtungen in allen Feldern verstärken, um die Erfolge noch weiter auszubauen. An einer zusätzlichen Universität werden wir uns aber auf keinen Fall beteiligen.

Sie bekommen für den Elitestatus über 20 Millionen Euro jährlich. Wie kann eine Universität mit diesem Betrag zu einer Internationalen Spitzenuniversität aufsteigen?

In der Summe bekommt die FU aus dem Wettbewerb immerhin 150 Millionen Euro. Trotzdem sind wir weit entfernt von den drei Milliarden Euro Jahresetat der Harvard-Universität. Harvard ist in fast allen Bereichen Weltspitze – auch bei der Betreuung der Studierenden, die wirklich auf Händen getragen werden. Dafür braucht man so viel Geld, vor allem auch in der Verwaltung. Wir können aber versuchen, in den Bereichen, in denen wir schon heute erste Klasse sind, in die Weltspitze zu kommen. Wir wollen weltweit unter die 100 besten Universitäten, langfristig unter die ersten 50.

Haben Sie schon international renommierte Wissenschaftler im Blick, die Sie jetzt anwerben wollen?

In den Bereichen, die wir jetzt weiter ausbauen wollen – den Regional-, den Bio- und den Geisteswissenschaften – haben wir sehr klare Vorstellungen, die wir auch umsetzen werden.

Werden die Studierenden die Leidtragenden des Wettbewerbs sein, wenn die besten Forscher aus der Lehre abgezogen werden?

Wir lehnen es ab, Spitzenkräfte aus der Universität herauszunehmen. Es ist zwar richtig, exzellente Wissenschaftler in der Lehre zu entlasten, bei uns sollen sie aber weiterhin vier Stunden pro Woche unterrichten. Von den hervorragenden Leuten sollen alle etwas haben, denn die Studierenden von heute sind ja die Hoffnungsträger für die nächste Generation. Als Vizepräsident der Hochschulrektorenkonferenz habe ich jetzt einen Zehnjahresplan für die Lehre vorgeschlagen: Die Betreuungsrelation muss verbessert werden, und der akademische Unterricht muss neu konzipiert werden – hin zu einem problemorientierten Unterricht in bestimmten Fächern, der explizit auf Berufe vorbereitet. Ein Studiengang, der die gesamte Bandbreite der Disziplin glaubt abbilden zu können, ist nicht mehr zeitgemäß.

Braucht eine Eliteuni Studiengebühren?

Studiengebühren sind sozial selektiv, wenn sie nicht durch ein breites und reichhaltiges Stipendiensystem kompensiert werden. Solange sich das nicht ändert, bin ich weiterhin entschieden gegen Studiengebühren.

Die Exzellenzinitiative soll fortgesetzt werden. Würden Sie einem Verfahren zustimmen, nach dem sich die Eliteunis alle fünf Jahre dem Wettbewerb stellen müssten, um den Titel behalten zu dürfen?

Ob die jetzt ausgezeichneten Unis weiterhin exzellent arbeiten, sollte nach zehn Jahren überprüft werden, nicht nach fünf. Für die Realisierung des Zukunftskonzepts sind ja schon fünf Jahre vorgesehen. Die Effekte dieses Aufbaus sind dann noch nicht in allen Feldern messbar. Dafür muss jetzt ein Bewertungssystem aufgebaut werden.

Die Fragen stellte Amory Burchard.

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