Berlin-Marathon : Grenzenlos laufen - im Westen

Zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer führt beim Berlin-Marathon noch immer nur knapp ein Viertel des Kurses durch das frühere Ost-Berlin. Warum ist das so?

Eva Kalwa

Flach, schnell und touristisch interessant: Der Berlin-Marathon gilt als gleichermaßen attraktiv für Spitzensportler, Hobby-Läufer und Zuschauer an der Strecke genauso wie vor dem Fernseher. Doch warum führt zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer noch immer nur knapp ein Viertel des Kurses durch das frühere Ost-Berlin? Und obwohl das Motto des diesjährigen Marathons "20 Jahre grenzenlos laufen" heißt?

Thomas Steffens, Pressesprecher des Veranstalters SCC-Running, hat dafür mehrere Erklärungen: Vor allem die Schnelligkeit des Kurses, auf dem bereits sechs Weltrekorde aufgestellt worden sind, zuletzt 2008 von dem Äthiopier Haile Gebrselassie. "Was sich so bewährt hat, verändert man nur ungern", sagt Steffens. Denn Richtung Friedrichshain oder auf der Bernauer Straße nach Prenzlauer Berg wäre die Strecke nicht mehr so flach und entsprechend weniger geeignet für Spitzenzeiten. "Außerdem ist das auch eine Frage der Infrastruktur", so Steffens. Die nötigen Verkehrssperrungen im Osten wären teilweise gravierend und daher sei nicht klar, ob sie von den Bezirken auch genehmigt würden.

Sogar der Bezirksbürgermeister von Pankow, Matthias Köhne (SPD), möchte auf den Marathon in seinem Bezirk verzichten, weil sonst die weltweite Bedeutung der Veranstaltung eingeschränkt würde: "Dann gäbe es ein zusätzliches Gefälle durch die Barnimer Hangkante, und Weltrekorde wären kaum mehr möglich", so Köhne, der selbst am Sonntag am Marathon teilnehmen wird. Christina Emmrich, Bezirksbürgermeisterin in Lichtenberg, fände es schön, wenn die Strecke durch ihren Bezirk führte: "Die vielen Zuschauer könnten die Schönheiten des Bezirks aufnehmen und so zu einem weiteren Besuch angeregt werden", so die Politikerin der Linke.

Historisch gesehen ist der Berlin-Marathon ein Kind des Westens: Ins Leben gerufen wurde er 1974 durch eine Gruppe Läufer des SC Charlottenburg. Damals starteten 286 Läufer aus vier Nationen in der Waldschulallee am Mommsenstadion. 1981 wurde das Rennen dann ins Stadtzentrum von West-Berlin verlegt. Am 1. Oktober 1989 starteten über 15 000 Läufer von der Straße des 17. Juni aus in Richtung Westen - die Mauer und das Brandenburger Tor im Rücken. Im folgenden Jahr, drei Tage vor der Wiedervereinigung am 30. September 1990, fand die große historische Wende auch für den Marathon statt: 25 000 Teilnehmer aus 61 Ländern liefen zum ersten Mal durchs Brandenburger Tor. Seit 2003 befindet sich hier das Ziel, und gleich bei der Einweihung der Strecke lief der Kenianer Paul Tergat neuen Weltrekord in 2:04:55 Stunden.

Auf dem heutigen Kurs überqueren die Läufer viermal die ehemalige Demarkationslinie: Nach sieben Kilometern auf der Kronprinzessinnen-Brücke, nach 14 Kilometern am ehemaligen Übergang auf der Heinrich-Heine-Straße, nach 38,5 km auf dem Potsdamer Platz und zuletzt am Brandenburger Tor. Einen großen Vorteil aus Ost-Berliner Sicht bringt diese Strecke auf jeden Fall mit sich: Richtung Ziel am Brandenburger Tor laufen die Teilnehmer vom Potsdamer Platz über die Leipziger Straße und Unter-den-Linden. Damit liegt einer der attraktivsten Streckenabschnitte im ehemaligen Ost-Bezirk Mitte.

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