Berlin : Berlin-Marathon: Marathon-Hase

Thomas Loy

Marathon ist eine Tortur. Zehntausende von Sprungschritten zwischen Start und Ziel stecken noch Monate später in den Knochen. Diese sollten deshalb möglichst leicht gebaut sein. Und nicht unnötig lang. Kleine zähe Steppenläufer wie die Kenianer sind geeignet. Bei ihnen fällt die eigene Schwerkraft kaum noch ins Gewicht. Michael Gottschalks Anatomie hingegen ist viel zu teutonisch für die Langstrecke. Keine Chance auf Sieg, aber zum Siegermachen taugen seine Knochen allemal. Michael Gottschalk ist ein Tempomacher, ein "Pacemaker".

Intern werden solche Läufer auch "Hasen" genannt. Das kommt von den Windhundrennen. Der Hase gibt das Tempo vor, an dem sich die favorisierten Läufer orientieren können. Er bricht eine Schneise in den trägen Strom der Läufer und nimmt den Athleten viele kleine Entscheidungen ab, damit sie sich voll auf das störungsfreie Funktionieren ihres Laufmotors konzentrieren können. Mit Hilfe des Hasen kann der Läufer seinen inneren Schweinehund niederringen. Das befreit von innen her. In diesem Jahr betreut Michael Gottschalk zusammen mit fünf weiteren Hasen die schnellsten Frauen des Feldes, die Kenianerin Tegla Loroupe und die Japanerin Naoko Takahashi. Hängen Läuferinnen im Schlepptau, werden Hasen zu Bodyguards, die ihre Schutzbefohlenen nach allen Seiten hin abschirmen. Besonders gefährlich seien "übereifrige Männer", sagt Hase Gottschalk. Gerade in der Startphase versuchen sie, mal an der Spitze der Feldes zu laufen oder zumindest vor den Damen.

Wenn alles nach Plan läuft, wird sich Michael Gottschalk bei Kilometer 21 aus der Strecke verabschieden. Bis dahin sollten ungefähr eine Stunde und neun Minuten vergangen sein - genau das Doppelte wäre auf der Gesamtstrecke neuer Frauen-Weltrekord. Und das ist der eigentliche Job der Hasen: Weltrekorde vorbereiten und den Ruhm des Berlin-Marathons mehren. Dafür werden sie vom Veranstalter eingekauft.

Michael Gottschalk hat selbst schon einige Siege eingefahren - auf seiner 1500-Meter-Paradestrecke -, aber zur internationalen Spitze reichte es bisher nicht. 1996 bei den Olympischen Spielen in Atlanta erlebte er ein sportliches Fiasko. Beim dritten Vorlauf rannte ihm der Rest des Feldes einfach davon. Gottschalk kam nicht nur als Letzter ins Ziel, sondern auch noch 100 Meter hinter dem Vorletzten. Das Publikum klatschte zum Trost, doch der Nachwuchssportler war "psychisch zerstört" und traf eine Lebensentscheidung - gegen das Profilaufen. Inzwischen ist Gottschalk auf die 5000-Meter-Distanz gewechselt und studiert an der TU. Den Job als Tempomacher empfindet er als "Auszeichnung". Letztes Jahr lief Gottschalk als Hase für die Männer mit - ein "fantastisches Gefühl", sagt er. Ein Hasen-Kollege zog aus der Euphorie ungeahnte Reserven, blieb mit Erlaubnis des Veranstalters im Rennen und gewann. Eine gewitzte Hasen-Taktik? Nicht für Gottschalk. Einen Marathon ist er noch nie durchgelaufen. Er weiß nicht, wie es ist, wenn bei Kilometer 35 die Knochen zu bersten beginnen, die Psyche implodiert und der Darm wie ein Rauhaardackel winselt. Ein Hase würde sich das nicht antun.

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