Berlin-Mitte: EM-Fußballer als Stifter : Ihre guten Vorlagen

Ob Oliver Kahn, Manuel Neuer oder Toni Kroos: Viele Fußballstars helfen mit Stiftungen. Auch in Berlin.

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Teamplayer. Manuel Neuer hilft mit seiner Kids Foundation benachteiligten Jungen und Mädchen. So macht er längst nicht nur durch seine herausragende Tortwartleistung auch bei der EM 2016 von sich reden, sondern auch durch nachhaltiges soziales Engagement.
Teamplayer. Manuel Neuer hilft mit seiner Kids Foundation benachteiligten Jungen und Mädchen. So macht er längst nicht nur durch...Foto: AFP/Patrik Stollarz

Zum Titan wird man nicht von heute auf morgen, das hat Oliver Kahn im Laufe seiner früheren Profikarriere auf dem Platz selbst erfahren. Daher ist dem früheren Torwart der deutschen Fußballnationalmannschaft „das Thema Persönlichkeitsentwicklung von Jugendlichen wichtig: Ich möchte junge Menschen starkmachen. Sie sollen etwas aus ihrem Leben machen können, auch wenn sie aus schwierigen sozialen Verhältnissen kommen.“ Das hat der derzeitige Fernsehkommentator bei der laufenden Europameisterschaft in Frankreich schon mal dem Bundesverband Deutscher Stiftungen e.V. gesagt. Oft wird über das unverhältnismäßig hohe Einkommen der Profisportler im Fußball diskutiert. Einen Vorteil haben die Millionensummen allerdings: Es gibt kaum einen erfolgreichen Kicker, der sich nicht als Stifter für soziale Zwecke in Berlin, Brandenburg, Deutschland und der Welt engagiert.

"Du packst es"

So will Oliver Kahn mit seiner Stiftung in der Ruheplatzstraße in Wedding gemeinsam mit der internationalen Hilfsorganisation Amandla EduFootball e.V. und in Kooperation mit dem Bezirk Mitte ein Bildungszentrum mit Fußballplatz bauen. Nächstes Jahr soll der Bau des Centers voraussichtlich auch mit Nachhilfeangeboten, einem Jobcenter-Sitz und Traumaberatung für geflüchtete Jugendliche beginnen, ab Mitte 2018 könnte das Projekt starten. Es soll ein „Safe-Hub“, ein sicherer Rückzugsort sein. Die Oliver Kahn Stiftung arbeitete mittlerweile seit Herbst 2011 mit der Roland Berger Stiftung an Schulen in neun Bundesländern zusammen. Mithilfe des selbst entwickelten Programms „Du packst es“ sollen Jugendliche „lernen, sich beständig zu motivieren, um ihre Ziele zu verfolgen und einen adäquaten Platz in der Gesellschaft zu finden“, erläuterte Kahn dem Bundesverband Deutscher Stiftungen.

Der hat ermittelt, dass jede zehnte Stiftung in Deutschland sich dem Sport verschrieben hat. Dies seien 2000 von rund 20 800 rechtsfähigen Stiftungen bürgerlichen Rechts, teilte Matthias Deggeller vom Bundesverband auf Anfrage mit. Der frühere Tennisprofi und Beiratsmitglied des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen, Michael Stich, weiß um den Imagetransfer, der von einem Spitzenathleten zugunsten der guten Sache ausgeht: „Sportler und Sportlerinnen sind für viele Menschen in Deutschland Vorbilder. Denn sie verkörpern Fairness, Miteinander und Siegeswillen. Auch daher sind Sport und Stiftungen ein gutes Team.“ Kinder bekommen Anerkennung, die sie sonst nicht erhalten.

Poldis Pässe für Völkerverständigung

Ein gutes Dutzend Stiftungen ist von aktuellen oder ehemaligen Bundesliga-Spielern ins Leben gerufen worden. Auch im EM-Kader finden sich viele Stiftungsgründer: Manuel Neuer, der hat für benachteilige Kinder und Jugendliche im Ruhrgebiet gestiftet. Lukas Podolski fördert mit seiner Stiftung Fußball im Kinder- und Jugendbereich und auch Völkerverständigung. Toni Kroos wiederum ermöglicht gesundheitlich beeinträchtigten Kindern ihre Wünsche oder spezielle Therapien. Weitere Sportler engagieren sich in Stiftungen, wie Bundestrainer Joachim Löw, der die Til Schweiger Foundation für Flüchtlinge im Beirat unterstützt.

„Wer jetzt für den Fußball jubelt, feiert die Leistung auf dem Platz. Aber die EM ist auch ein Anlass, das Engagement vieler Fußballer für unsere Gesellschaft zu würdigen“, sagt Felix Oldenburg, Generalsekretär des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen in Berlin. Der frühere Nationaltrainer Jürgen Klinsmann hat laut dem Stifterverband bereits vor 20 Jahren eine eigene Stiftung ins Leben gerufen, um sich dort einzusetzen, wo er selbst aufgewachsen sei. So eröffnete die Stiftung unter anderem in Esslingen am Neckar ein Zentrum für benachteiligte Kinder – mit Kinderzirkus, kreativ-künstlerischem Gestalten und natürlich mit Sportkursen.

Und wie vielversprechend, wenn man zudem, sinnbildlich gesprochen, Jérôme Boateng als Nachbarn hat. Denn der Berliner EM-Torschütze und Abwehrspieler macht sich fürs soziale Miteinander stark, er engagierte sich bereits unter anderem für die You Stiftung der Unesco-Sonderbotschafterin Ute-Henriette Ohoven. „Unser erstes Projekt in Brasilien liegt mir persönlich sehr am Herzen, da die Kinder und Jugendlichen von der Straße geholt werden und ihnen neben einer soliden Grundbildung ein professionelles Umfeld gegeben wird, in dem sie unter professioneller Anleitung Fußball spielen können“, schreibt Boateng auf deren Internetseite über seine Motivation. Das Brasilien-Projekt „Living a dream“ sei kürzlich mit einem Award ausgezeichnet worden, der seit 2012 an junge Persönlichkeiten verliehen werde, die sich in besonderem Maße für einen sozialen Zweck engagieren. Somit ergab sich durch seinen Einsatz eine erweiterte Win-win-Situation.

Durch sein Engagement für die You Stiftung weist der Profikicker zudem öffentlich darauf hin, dass weltweit jede Minute 600 Kinder an Unterernährung sterben. „73 Millionen Kinder haben keinen Zugang zu Bildung, 100 Millionen leben alleine auf der Straße, 215 Millionen müssen arbeiten und 600 Millionen Kinder leben in absoluter Armut.“

Da erscheint eine Umverteilung der Gelder aus dem Profisport mehr als sinnvoll und wichtig. Vielfach erleben indes Stifter wie etwa Mark Zuckerberg von der Öffentlichkeit verächtliche Reaktionen, wenn sie sich engagieren. Da lauten Vorwürfe: Dem tut das ja nicht weh, der macht das aus Imagegründen oder: Der will nur Steuern sparen.

Gelder für immer zweckgebunden

Der deutsche Stifterverband sieht das pragmatisch. Sicher würden Initiativen auch aus Gründen der Steuerersparnis ergriffen. Dennoch müsse man sich vor Augen halten, dass einmal in eine Stiftung investierte Gelder für immer zweckgebunden verwendet werden müssen – und somit dem Stifter für andere Zwecke nicht mehr zur Verfügung stehen.

Derzeit gibt es rund 90 Stiftungen, die den Fußball als einen ihrer Zwecke nennen. „Als gewichtige Stiftergruppe haben in den vergangenen Jahren vor allem Sportlerinnen und Sportler, Verbände und Vereine von sich reden gemacht“, sagt Hans Fleisch, Generalsekretär des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen. Der Verband ist mit mehr als 4000 Mitgliedern und 7000 mitgliedschaftlich verbundenen Stiftungen der größte in Europa. Er vertritt rund drei Viertel des deutschen Stiftungsvermögens in Höhe von mehr als 100 Milliarden Euro.

Sportstars kümmern sich dann zumeist um jene Menschen, die ihnen berufsbedingt am nächsten stehen und die sie dank des Sports auf einen guten Weg bringen wollen. Wie der Berliner Arne Friedrich mit seiner noch jungen Arne-Friedrich-Stiftung (AFS). „Die AFS wird sich besonders den Themen Gesundheit, Bildung und Integration widmen. Der Schwerpunkt unserer Arbeit wird bei Kindern und Jugendlichen liegen. Ich möchte meine Zeit sinnvoll nutzen und möglichst vielen Kindern helfen ein besseres Leben zu führen, indem wir gezielt Projekte fördern und initiieren“, schreibt der einstige Herthaner zur Motivation.

Bürgerstiftung beriet

Bevor er seine eigene Stiftung gründete, wollte er aber selbst praktische Erfahrungen bei karitativen Einrichtungen sammeln. „Daher habe ich im Frühling 2015 einige Monate im Rahmen eines Projekts der Bürgerstiftung Berlin wertvolle Erfahrungen sammeln können – das betrifft die Zusammenarbeit mit Kindern ebenso wie den richtigen Umgang mit gesellschaftlich relevanten Themen wie Armut, Flucht und Asyl.“ So sei in Kooperation mit der Bürgerstiftung Berlin das Projekt „Verantwortung–Integration–Freundschaft“ konzipiert worden. Darüber hinaus liege Friedrich „das Wohl kranker Kinder am Herzen. Schon zu meiner aktiven Zeit als Fußballer ist der Kontakt zum Deutschen Herzzentrum Berlin (DHZB) entstanden und ist bis heute nicht abgerissen.“

Laut dem aktuellen Stiftungsreport „Stark im Geben: Stiftungen im Sport“ wurden mehr als die Hälfte der sportfördernden Stiftungen innerhalb der vergangenen zehn Jahre errichtet. Von den Stiftungen mit Sportbezug sitzen die meisten in den Regierungsbezirken Stuttgart (134), Darmstadt (120) und Schleswig-Holstein (107). Knapp vier Prozent der sportfördernden Stiftungen haben demnach ein Kapital von mehr als zehn Millionen Euro. Im Vergleich zu anderen Stiftungen sind Stiftungen mit Sportbezug überdurchschnittlich häufig fördernd tätig (65,9 Prozent/sonst: 61,3 Prozent) und setzen selten ausschließlich eigene Projekte operativ um (5,4 Prozent/sonst: 18,2 Prozent).

Stiftungen bewegen einiges im Sport – in der Spitze wie in der Breite, bilanziert der Stifter-Bundesverband: Sie fördern hoffnungsvolle Olympiatalente oder unterstützen Trainer und Trainerinnen, die sich ehrenamtlich engagieren. Wieder andere Stiftungen nutzen Sport als Hebel, um sich für mehr Gleichberechtigung oder Gesundheit einzusetzen, zum Beispiel mit Boxcamps für Mädchen oder auch mit Sportkursen für Flüchtlinge.

Der Bundesverband Deutscher Stiftungen veröffentlichte den Stiftungsreport 2015 selbst in in Kooperation mit Wohltätern; mit der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach Stiftung, der BMW Stiftung Herbert Quandt, der Dietmar Hopp Stiftung und der Heinz Nixdorf Stiftung.

Selbst von Herzfehler betroffen

Oftmals hat der Einsatz der Sportler auch etwas mit persönlicher Verbundenheit zum Ort des Wirkens zu tun – und ihrer eigenen Geschichte. So kümmert sich die Stiftung von Ex-Schalke-Stürmer Gerald Asamoah – der selbst einen Herzfehler hat – um herzkranke Kinder; seine Stiftung fördert Präventiv- und Forschungsarbeit sowie die Anschaffung medizinischer Geräte für Herzstationen in Deutschland und Afrika.

Neue Perspektiven für Schulkinder will auch die Ende 2006 gegründete Christoph Metzelder Stiftung („Training fürs Leben“) schaffen. Zu seinem Engagement sagt der ehemalige Verteidiger dem Stifter-Dachverband: „Ich komme aus einer großen Familie, war Messdiener und bin in einem Umfeld aufgewachsen, wo gesellschaftliches Engagement einfach dazugehört.“ Dann wollte er seine eigene Prominenz gewinnbringend auch für andere einsetzen. Die Stiftung setzt sich nun etwa für gleiche Chancen beim Start ins Berufsleben ein. Neben der Bekämpfung von Kinderarmut liege der Schwerpunkt „auf der Förderung von Projekten in den Bereichen Bildung, Ausbildung und Integration.“ Für Metzelder gibt es aber noch weitere Gründe, sich für eine eigene Stiftung zu entscheiden: „Ich habe immer eher unternehmerisch gedacht und diese Organisationsform Stiftung hat auch was mit Unternehmertum zu tun“, bilanzierte er gegenüber dem Stifterdachverband. So sitze der Ex-Kicker im Vorstand der Stiftung, kümmere sich mit um Aufgaben wie Finanzen, Kontakte zu Unternehmen oder Projektmanagement.

Auch nach dem Sportler- Karriereende helfe die nachwirkende Prominenz bei der Stifterarbeit, so die Erfahrung von Metzelder, der auf die Kooperation mit Unternehmen baut. Ihn überzeugt wie viele andere Fußballer-Stifter auch der nachhaltige Ansatz, der mit einer Stiftungsgründung verbunden sei: „Sich wirklich über eine komplette Lebenszeit zu engagieren und da in Verantwortung zu gehen – und hoffentlich etwas zu schaffen, was auch meine Lebenszeit überdauert“, das habe ihn gereizt.

Der nun auch in und für Berlin aktive Ex-Torwart Oliver Kahn freut sich wie viele seiner EM-Stifterkollegen zudem einfach auch über „den Spaß“, den er beim Besuch der Schulen habe und „das positive Feedback“ der Kinder und Lehrer. „Auf dem Fußballplatz lernen sie schnell, wie man sich verbessern kann, wie man sich gegenüber seinen Mitspielern fair verhält oder wie man mit Niederlagen umgeht.“

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