Berlin : Berlin schwenkt Schwarz-Rot-Gold

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Von Moritz Schuller

Zuerst die gute Nachricht: Die deutsche Fahne ist in Berlin nicht, wie es im Radio hieß, ausverkauft. Der Nachschub ist zwar seit dem Finaleinzug der Deutschen in Stocken geraten, in vielen Geschäften sind nur noch die kleinen, 60 mal 90 Zentimeter messenden Fahnen erhältlich (Preis zwischen 17 und 20 Euro). Doch bei Macflag ist noch alles zu haben: sogar die 5 mal 7 Meter-Fahne, wie sie auch auf dem Reichstag hängt, ist dort erhältlich „Nach oben“, sagt die Verkäuferin, „sind die Größen offen.“

Als nach dem 11 . September ganz Amerika in einer einzigen Flagge verschwand, schrieb der Publizist Henryk M. Broder: „Die Art, wie die Amerikaner ihren Patriotismus inszenieren, wird in Deutschland als primitiver Nationalismus empfunden.“ Auf eine solche Idee, schrieb er, „kämen in Deutschland höchstens durchgeknallte Rechtsradikale.“

Inzwischen haben die Berliner nachgezogen, keineswegs die Rechtsradikalen, sondern glückliche Fußballfans: Nach jedem noch so kümmerlichen Sieg der Nationalmannschaft, schwenkten sie am Breitscheidplatz die nationale Fahne, in allen Größen hing sie aus den Autofenstern. Dass diese Feiern weniger frenetisch, aber auch besoffener gefeiert wurden als etwa bei den Türken, gehört möglicherweise dazu: Noch muss sich vielleicht der eine oder andere Mut antrinken, um solche Ereignisse als national und normal zu empfinden.

Berlin, das jahrzehntelang seine Identität aus einer Bären-Fahne sog, hat sich verändert: Aus jener entnationalisisierten Zone, wo viele beim Thema Fahne beschämt nur an die erste Zeile des Horst-Wessel-Liedes denken konnten, ist nun eine Hauptstadt geworden, in der die deutsche Fahne allerorten Einzug gehalten hat. Mit der Wiedervereinigung fing es an, wo so mancher ergriffen war von dem „Meer von schwarz-rot-goldenen Fahnen“ (E.Stoiber). Heute hängt die deutsche Fahne an jedem zweiten Gebäude in Mitte. Berlin hat lernen müssen, im Umgang mit diesem nationalen Symbol unbefangener zu werden.

Für Herfried Münkler von der Humboldt-Universität lässt sich daran ein altes Modell erkennen: Über die Fahne „werde das kleine Ich in das große Ich hineinerweitert. So hat man Teil am Erfolg.“ Das sei schon bei der WM ’54 nicht anders gewesen. Neu, so Münkler, sei die öffentliche Zelebrierung von Erfolgen. Die sei erst „spät und auch in nur in bescheidener Form von unsren europäischen Nachbarn übernommen worden“. Insofern bedeute die Fahnenfeierei auch eine „Normalisierung der Kollektivbildung“, die politisch und moralisch durchaus unverwerflich sei.

Der Transfer nationaler Jubelmuster setzt sich fort: Seit einigen Tagen weht vor einem indischen Restaurant in Charlottenburg eine Fahne des Landes. Viel gerissen hat der indische Fußball bei der WM zwar noch nicht, doch ohne Fahne möchte dieses stolze Volk in diesen Tagen auch nicht dastehen.

Doch Berlin wäre nicht Berlin, wenn sich gegen die vielen Fahnen nicht auch Widerstand formieren würde: Der Künstler Peter Kees hat vor wenigen Tagen eine Performance veranstaltet, bei der er alle Nationalflaggen mit weißer Farbe beschoss. „White Flags“ schafft aus Fahnen weiße Flächen: „Das Aufheben dieser politischen Form erfordert ein übergreifende demokratische Neubeschriftung des neuen weißen Feldes.“ Ein Projekt für die Zeit nach der Weltmeisterschaft.

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