Berlin und die Spree : Nah am Wasser gebaut

In Strandbars an der Spree, am Wannseebad oder einfach am plätschernden Brunnen lebt der Berliner auf. H 2O ist sein Element und selbst die Wasserbetriebe bewerben ihr Produkt als "gesundes Lebensmittel".

Christian van Lessen
Spreewasser
Die Stadt vom Wasser aus zu erkunden, bietet mitunter erstaunliche Einsichten - zum Beispiel den Blick auf versteckte Strandbars....Foto: Mike Wolff

Was für ein Gefühl, was für eine Aussicht! Es rauscht wie an einem Bach und sieht nach Gebirge aus. Ein frischer Hauch weht hinweg, zieht sich wie ein perlend dünner Schleier über das Ufer, es ist berauschend, vor allem, wenn sich über dem Nass ein Regenbogen bildet. Wer die beseelten Menschen am Wasserfall im Kreuzberger Viktoriapark sieht, versteht die Magie des Wassers und auch die Magie dieser Stadt: Hier, wo sich mitten im Häusermeer Grün und Wasser treffen, sind Berliner in ihrem Element.

Am Wasser gibt es auch kein Vorbeikommen in dieser Stadt: Sieben Prozent ihrer Fläche sind nass. Berlin ist die Badegewässerhauptstadt der Welt, vermeldet das Landesamt für Gesundheit und Soziales. Der internationale Kongress der Wasserwirtschaft „Wasser Berlin“ hat sich nicht ohne Grund diese Stadt als Tagungsort ausgesucht. Die Stadt ist dabei, ihre Chance, die ihr die Wasserlage bietet, zu nutzen. Es leuchten sandige Strände an der Spree, wo es vor Jahren nur hässliche Brachen gab. Die Strandbars haben von Berlin aus andere Großstädte erobert, sofern sie mit Wasser gesegnet sind, wie Hamburg.

Berlin hat „Wasserstädte“ gebaut, die ihren Bewohnern die Möglichkeit geben, von den ausufernden Reizen der Stadt zu profitieren. Vom Wohnzimmer aus auf schillerndes Wasser mit Booten zu blicken – das ist ein recht maritimes Gefühl. Berlin war immerhin einmal Hansestadt.

Es gibt sogar Wasser im Wasser: Das Badeschiff in Treptow ist auch ein Erlebnis fürs Auge: Türkisfarbenes Poolbadewasser inmitten der dunklen Spree, mit Blick auf die sich schließende Wasserkante des Osthafens. Alte, modernisierte Speicher und neue Geschäftsbauten lassen ahnen, wie künftig das Projekt „Mediaspree“ den Fluss flankieren wird. Dagegen gibt es eine Protestinitiative, die auch der Drang zum Wasser treibt. Sie will, dass der Blick auf die Spree nicht doch noch von Investoren verbaut wird.

Hinter Mauern und Fabrikhinterhöfen verborgen – das waren die Spree und die Kanäle über hundert Jahre lang. Als seien sie nicht vorzeigbar. Die gebaute Stadt drehte dem Wasser die Kehrseite zu, gut genug für Abflüsse. Menschenwürdig war das nicht. Das Volk aber drängte es zum Wasser, es gab zu Zilles Zeiten sogar etliche Badestellen in der Spree, die Leute sprangen mutig rein oder waren einfach zufrieden, am Wasser zu sitzen, nur die Füße zu kühlen und die frische Brise zu spüren. Heinrich Zille wusste, an welchen Orten er das Volk treffen konnte, wenn es wirklich glücklich war: an Seen, Flüssen und Kanälen, so richtig heiß musste es draußen gar nicht sein. Er zeichnete rührend freche Szenen des Badelebens. Auch heute hätte Pinselheinrich seine Freude, gelagert wird überall, wo es plätschert.

Wasser schafft Kontakte. Auf Schiffen, in Strand- und sonstigen Bädern, an den vielen sprudelnden Brunnen, an Seen: In keiner anderen Millionenstadt, das ist vom Senat amtlich verbürgt, gibt es so viele Bademöglichkeiten an natürlichen Gewässern. Die Schifffahrt erlebt einen Boom, draußen auf den Seen und mitten in der Stadt. Die Spreestrecke zwischen Berliner Dom, Museumsinsel, Reichstag, Hauptbahnhof und Bundeskanzleramt gehört zu den dichtesten Wasserausflugsrouten der Welt. Berlin erschließt sich vielen Touristen – zu Mauerzeiten unvorstellbar – vor allem vom Wasser aus.

Und ohne Wasser macht dem Berliner ein Ausflug nur halb so viel Spaß. Nichts wie rein in den Tiergarten, sagen sich die Leute – aber der Neue See muss wenigstens in der Nähe sein. Der Wannsee und der Müggelsee sind wie Wasserbetten, auf denen das Bootsvolk lümmelt. An den Ufern freuen sich die Wirte der Ausflugslokale, allein die Wasserlage verspricht selbst in kalter Jahrezeit gute Geschäfte.

Die Wasserbetriebe wünschten sich mehr fürs Geschäft. Die Berliner lieben so das kühle Nass, dass sie sparsam damit umgehen. Gut 110 Liter nutzen sie pro Kopf und Tag, der Wasser-Wessi mehr als der Ossi. Der profitiert von modernen, sparsamen Apparaturen, die nach der Wende installiert wurden. Was ihr geliebtes Trinkwasser kostet, wissen die wenigsten Berliner: 1000 Liter sind für 2,216 Euro zu haben. Gefördert wird es aus 800 Grundwasserbrunnen, dann enteisent und mit Berliner Luft „verdüst“. Es enthält viel Kalzium und Magnesium,wird nicht gechlort und ist ein „gesundes Lebensmittel“, wie die Wasserbetriebe versichern. Im bundesweiten Vergleich ist es als „Gut plus“ bewertet. Und den Berlinern schmeckt es. „Beim Wasser ist der Mensch gefühlig“, sagt Stephan Natz von den Wasserbetrieben. Beim Karneval der Kulturen gab es zu Pfingsten sieben Wasserbars, es wurde geschlürft wie Champagner.

Gerade hat sich eine Britin bei den Wasserbetrieben beschwert, sie habe in zwei bekannten Mitte-Restaurants kein Leitungswasser bestellen können. Das Wasser sei nicht trinkbar, habe das Personal versichert und der Kundin teures Mineralwasser gebracht. Die Wasserwerke fühlen sich in ihrer Ehre gekränkt. Und nicht nur sie, der gute Wasser-Ruf der Stadt steht auf dem Spiel: Die Tourismus-Marketing-Gesellschaft soll schon eingeschaltet worden sein.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben