Berlin : Berlin vor der Wahl: Mit dem Stimmungswind im Rücken läuft alles besser

Brigitte Grunert

Vor zwei Jahren feierte die CDU einen großen Wahlsieg, und die SPD landete auf ihrem historischen Tiefpunkt. Damals konnte der SPD-Spitzenkandidat Walter Momper machen, was er wollte, er kam einfach nicht gegen den Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen an. Jetzt ist der CDU-Spitzenkandidat Frank Steffel der Unglücksrabe, dem der Regierende Klaus Wowereit (SPD) davonfliegt. Der Wahlkampf wirkt regelrecht seitenverkehrt.

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Nichts ist erfolgreicher als der Erfolg. Das gab der CDU 1999 Schwung. Misserfolge machen eine Partei knatschig, und das Wahljahr 1999 war für die SPD von Anfang an verkorkst. Der Zweikampf um die Spitzenkandidatur zwischen dem Ex-Regierenden Momper und Klaus Böger hinterließ eine gespaltene Partei. Und das vor dem bundesweiten Panorama der Partei, die eine Landtagswahl nach der anderen verlor. "Eine Steilvorlage", frohlockte Diepgen jedes Mal. "CDU mitten im Leben, SPD voll daneben", witzelte sein damaliger Generalsekretär Volker Liepelt, jetzt CDU-Wahlkampfleiter.

"Diepgen rennt." Das kam an, eben weil er mit dem Stimmungswind im Rücken lief. Sein Turnschuh war der Clou. Noch einmal wurde der langjährige Regierende als jung und dynamisch gepriesen, passend zum neuen Berlin. "Willkommen Zukunft. Berlin bleibt doch Berlin", plakatierte die SPD holperig. Es sollte ein Bekenntnis zu Metropole und Kiez sein, aber alles meckerte bloß über den Widerspruch. Sie klebte "bunte Socken" gegen die - gewesene - Rote-Socken-Kampagne der CDU. Kam auch nicht an.

Ist die Stimmung in der eigenen Partei erst verhagelt, kommen die Fehler von alleine. Momper verplauderte sich im Fernsehen wegen seiner "schwarzen" Putzfrau, du heiliger Bimbam. Unter dem Eindruck des Abwärtstrends wurde die SPD vorsichtiger mit der rot-grünen Wahlaussage. Momper konnte sich nun auch die Fortsetzung der Großen Koalition vorstellen. Der Genosse Klaus Bölling riet seiner Partei mitten im Wahlkampf öffentlich, sie möge Momper doch noch gegen Böger austauschen. Ganz Berlin lachte. Und kläglich missglückte der Schlussspurt. Während die CDU nun erst Diepgen plakatierte, zog die SPD den Momper-Kopf aus dem Verkehr und klebte verzweifelt: "Wir kämpfen." Das wirkte wie ein Symbol: Diepgen bleibt, Momper geht.

Am Wahlabend des 10. Oktober 1999 war die CDU glücklich über ihre 40,8 Prozent, die SPD kreuzunglücklich mit ihren 22,4 Prozent. Es blieb mit Ach und Krach bei der Großen Koalition - und beim ewigen SPD-Gezänk, das Parteichef Peter Strieder abbekam. Doch einer kristallisierte sich heraus, ehe man es merkte: der neue SPD-Fraktionschef Klaus Wowereit, der seine Fraktion im Nu auf Linie brachte.

In der Politik soll es vorkommen, dass der eine sein Glück dem Unglück des anderen verdankt. Seit am 8. Februar jene Parteispende an Landowsky bekannt wurde, die sich zur Schmuddelaffäre und zur Krise der Bankgesellschaft auswuchs, obendrein vor dem Panorama der noch unverdauten Parteispendenaffäre der Bundes-CDU, fiel die Union aus der Schönwetter-Wolke, auf der nun die SPD Platz nahm. Diepgen schaffte die Krisensteuerung nicht. Landowsky ging auf Raten als Bankchef und Fraktionschef. Der Senat musste zur Rettung der Bankgesellschaft vier Milliarden Mark aufbringen. PDS, Grüne und FDP sammelten Unterschriften für vorzeitige Neuwahlen. Da flüchtete die SPD aus der ohnehin verhassten Koalition. Wowereit wagte den Tabu-Bruch, mit Hilfe der PDS Eberhard Diepgen zu stürzen. Er ist zwar bis zum 21. Oktober ein regierender Zwischenmeister, aber er nutzt seinen Amtsbonus - ganz wie früher Diepgen. Und die SPD strahlt einträchtig wie nie.

So gesehen ist es kein Wunder, dass Frank Steffel alles, was er anfasst, wie Sand durch die Finger rinnt. Der CDU-Generalsekretär Ingo Schmitt stürzte über unflätige Äußerungen über Klaus Böger ("Politnutte"). Der Spitzenkandidat versteckte sich vor Eierwürfen hinter Edmund Stoiber. Er erzählte in Bayern, dass er München für die schönste deutsche Stadt halte; die Berliner nahmen es prompt übel. Eine Illustrierte zitierte Steffel mit dem Vokabular seiner Pennälerzeit über Türken und Behinderte; die Selbstverteidigung glückte ihm nicht. Steffel holte sich namhafte Berater wie Lothar Späth, von denen man nichts mehr hört. In der CDU-Hochburg Zehlendorf schwelten monatelange Personalquerelen, die die Parteigerichte beschäftigten. In Charlottenburg-Wilmersdorf hätte der abgehalfterte Generalsekretär Ingo Schmitt um ein Haar den über die CDU hinaus geschätzten früheren Finanzsenator Peter Kurth "abgesägt". So knatschig gegen sich selbst reagiert nur eine unzufriedene Partei.

Die SPD hat ihren Wahlkampf auf Optimismus ausgerichtet und legt sich mit gar keinem an. Eigene Vertrauenswerbung ja, Angriffe gegen andere nein, ist die Devise. So will auch der SPD-Abgeordnete Holger Rogall Steffel nicht zu nahe treten: "Wenn der Trend erst rollt, dann rollt er, und der Unterlegene ist gleich unten durch." Rogall spricht ja auch aus Erfahrung.

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