Berlin : Berlinale 2001: Bitte Stille vor dem Schuss!

Andreas Conrad

Was man als Vater so alles erlebt! Und wenn man dann noch Schauspieler ist... "Falsches Spiel mit Roger Rabbit", das war für Bob Hoskins der erste eigene Film, in den er auch seinen Jungen mitgenommen hat. Mittlerweile ist der fünfzehn, hat anderes im Kopf als Cartoons, aber damals... Zwei Wochen hat er nach dem Kinobesuch nicht mehr mit seinem Vater gesprochen, dann brach es aus ihm heraus: Wieso Daddy, wenn er doch Roger Rabbit, Daffy Duck und all die anderen persönlich kenne, nie einen mit nach Hause gebracht habe?

Russisches Roulett im Hotel Adlon, letzte Runde. Journalistenrunden rotieren durch die Zimmer, von Star zu Star, oder umgekehrt. Blessuren erleidet man allerdings bei diesem Spiel keine. Schließlich geht es immer um den selben Film, "Enemy at the Gates", Stalingrad im Trommelfeuer der Frage und Antworten. Erst Jude Law, der Scharfschütze, dann Regisseur Jean-Jacques Annaud, schließlich Bob Hoskins alias Nikita Chruschtschow. Natürlich, sein Aussehen, seine Figur, kamen der Rolle entgegen, aber er hat sie sich sorgfältig erarbeitet - bis zu dem Punkt, bei dem er in Chruschtschows Weise dachte. Worauf es Hoskins ankommt: Nicht einfach ein Klischee bieten, beispielsweise einen Gangster wie AI Capone nicht einfach als Gangster, sondern als ein komplexes Wesen zeigen.

Nein, die anderen Stalingrad-Filme von Frank Wisbar und Joseph Vilsmaier hat er nicht gesehen, so etwas störe ihn nur. Annaud hatte auf die Frage nach der Filmgeschichte ähnlich geantwortet, und wie für Hoskins war auch für ihn Stalingrad weitgehend ein weißer Fleck auf der persönlichen historischen Landkarte. Stalingrad? Leningrad? Das ging für Annaud früher ineinander über. Und noch in einem weiteren Punkt treffen sich der Regisseur und sein Darsteller. Ja, die Geschichte in ihrer Grundstruktur habe viel von einem Western.

Zuerst war es nicht mehr als die Anekdote, die ihn reizte: Eine Riesenschlacht, vor deren Folie die Propaganda einen einzelnen Zweikampf in den Vordergrund schiebt. Der Held, der von dieser Propaganda erst produziert wird. Und dann die Konsequenzen, die der Zweikampf gewinnt, seine symbolische Kraft, die Bedeutung, die es für das Kräfteverhältnis in Stalingrad erhielt. Der Sieg Frankreichs in der Fußballweltmeisterschaft 1998 - für Annaud hatte dies ähnliche symbolische Kraft, plötzlich entschieden die zuvor von Depressionen geplagten Franzosen, dass sie wieder Gewinner seien.

Den deutschen Gegner des russischen Scharfschützen hat Annaud bewusst mit dem Amerikaner Ed Harris besetzt, nicht mit einem Deutschen. Bloß keine Klischees! Er, Annaud, bleibt lieber neutral. Und Stars wollte er auch keine. Als er die Rollen besetzte, kannte noch kaum jemand Joseph Fiennes und Jude Law.

Mittlerweile hat sein Heckenschütze die erste Oscar-Nominierung, für "Der talentierte Mr. Ripley", den Law auf der letzten Berlinale vertrat. Man habe ihn gerade mal wieder mehrmals in die Luft gesprengt, erzählte er damals. Der erste Drehtag war weitaus stiller, totenstill: Vasslili auf der Lauer, vom Morgen bis zum Abend, immerhin mit Mittagspause. Vor dem Stalingrad-Film hatte Law noch nie eine Waffe in der Hand gehalten. Erschreckend, wie leicht sie zu bedienen war. Eine nur scheinbar simple Szene. Die Aufgabe: keine wilde Ballerei aus der Hüfte, stattdessen äußerste Konzentration, ja, schon so etwas wie Meditation. Doch, er hat sich die beiden anderen Stalingrad-Filme angesehen, und auch alles, was er an Dokumentarfilmen in die Finger bekam. "Enemy at the Gates" sieht er, nun, nicht gerade als historischer Dokumentarfilm, es bleibt eine Fiktion, eine Geschichte darüber, wie Menschen sich in Konflikten verhalten. Aber der Film vermag doch, so hofft Law, die Zeit zu überwinden, als eine Dokumentation des Menschlichen.

Der Kriegsfilm, der ihn darin am meisten beeindruckt hat? "The Young Lions", mit Marion Brando. Er spielt übrigens in Berlin.

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