Berliner Bezirke : Ausstellung mit nur einem Exponat kritisiert Kulturfinanzierung

Die Schau "Raum der Menge" in der Alten Feuerwache in Friedrichshain zeigt nur eine einsame Uhr unter Glas. Damit wird das System der Kulturfinanzierung für die Bezirke kritisiert, in der Angebote nach Stunden der öffentlichen Verfügbarkeit gefördert werden.

Veronique Rüssau
Tick, tick, tick: Die Uhr im Glaskasten ist das einzige Exponat der Ausstellung.
Tick, tick, tick: Die Uhr im Glaskasten ist das einzige Exponat der Ausstellung.Foto: Veronique Rüssau

Es ist womöglich die kleinste Ausstellung Berlins: Nur ein einziges Exponat liegt im Kulturhaus Alte Feuerwache in Friedrichshain aus, eine einsame Uhr unter Glas. Und doch nennt sich die Schau „Raum der Menge“. Damit ist aber nicht die Zahl der Exponate gemeint – sondern der Begriff spielt kritisch auf das System an, nach dem das Kulturangebot der Bezirke finanziert wird.

Hier gilt nämlich: Menge bringt Geld. Je mehr Stunden ein kulturelles Angebot für die Öffentlichkeit zugänglich ist, desto mehr Geld bekommt der Bezirk vom Senat. Eine Ausstellung, die zehn Stunden am Tag geöffnet hat, ist also wesentlich besser für die Kassen als eine Theatervorstellung, die nur zwei Stunden vor Publikum stattfindet – auch wenn dafür viele Proben nötig sind.

Kristine Jaath (Grüne) brachte das Thema in die Bezirksverordnetenversammlung von Friedrichshain-Kreuzberg ein. Ihre Forderung war es, über eine leere Ausstellung die Absurdität des Finanzierungsmodells zu visualisieren. „Es geht nur darum, wer am meisten Menge macht. Dadurch entsteht ein Wettbewerb, bei dem sich die Bezirke überbieten müssen“, sagt Jaath.

Berlinweit festgelegt nämlich wird die Summe, die jede Stunde Kultur wert ist. Dabei geht es danach, wie viel die Bezirke in der vergangenen Haushaltsperiode in die Kultur investiert haben. Aus dem Ausgabenranking wird der mittlere Wert herausgegriffen und daraus ein neuer Stundenpreis berechnet. Er gilt in der Folgeperiode für alle Bezirke. Wer mehr Stunden anbietet, bekommt absolut mehr Geld – und wer in Kultur investiert, die pro Stunde teurer ist, muss die Differenz selbst tragen.

„Dieses System muss reformiert werden“, sagt Jaath. Es werde ein Anreiz geschaffen, so wenig wie möglich auszugeben. „Für Theater ist das desaströs“, sagt auch Sabine Weißler, Kulturstadträtin von Mitte. Ihr Bezirk gehört zu den Glücklichen, die durch das System Gewinn machen. Diese fließen aber nicht in die Kultur zurück, sondern „in defizitäre Bereiche“, erklärt Weißler. „Die Bezirke bekommen eine Globalsumme, wie sie diese dann verteilen, ist ihre Sache.“

Die Senatsverwaltung für Finanzen steht aber trotz der Kritik zu dem System: „Die Kosten- und Leistungsrechnung ist ein seit Jahren bewährtes Instrument, mit dem die Globalsumme für die Bezirke berechnet wird“, sagt Sprecher Jens Metzger. Diese Globalsumme stehe den Bezirken zur eigenverantwortlichen Verwendung zur Verfügung.

In der Alten Feuerwache liegt unterdessen die Uhr, auf der gezählt wird, wie viele Angebotsstunden der „Raum der Menge“ dem Bezirk schon eingebracht hat. Sie tickt und tickt und tickt. Und jede Sekunde tut der Bezirkskasse gut.

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