Berliner Bürgersteig : Steinernes Parkett

Jede Stadt ist mehr, als die Summe ihrer Häuser. Sie wird vom Raum dazwischen definiert. Dort, auf dem Gehsteig, vollzieht sich das Schauspiel des urbanen Lebens. Doch wer weiß schon um die Prinzipien von Pflaster und Platten?

Frank Peter Jäger
Berliner Plattentektonik. Ein für die Hauptstadt typisches Gehwegmuster. Foto: Frank Peter Jäger
Berliner Plattentektonik. Ein für die Hauptstadt typisches Gehwegmuster.Foto: Frank Peter Jäger

Ding, ding, ding. Helle, metallische Schläge auf etwas, das nur Stein sein kann, immer nur drei, vier Schläge in kurzer Folge, kurze Stille, dann von Neuem drei helle Hammerschläge. Ding, ding, ding. Das Geräusch und der Rhythmus, in dem es erklingt, sind unverkennbar.

Zwei Männer knien nebeneinander auf einem halbfertigen Gehweg in der Pappelallee in Prenzlauer Berg und schlagen routiniert Pflastersteine ins Sandbett. Nur um Sekunden versetzt ein zweites Ding, ding, ding, wie ein Echo. Jeden Stein nehmen sie einzeln von einem Haufen, drehen ihn in der Hand, drücken ihn neben den schon gesetzten in den Boden, wobei sie mit einer beiläufigen Bewegung zugleich etwas von dem grobkörnigen Sand an die Seiten drücken. So steht der Stein „gut im Futter“, wie die Pflasterer das umgebende Sandpolster nennen. Mit der spitzen Seite ihres Werkzeugs schlagen sie drei, vier Mal, bis der Stein eine Ebene bildet mit den Nachbarn. Nach jedem dritten Stein ziehen sie mit dem Pflasterhammer längs über die Steine. Von Beginn an auf eine plane Oberfläche zu achten, ist leichter, als Unebenheiten später mit der Pflasterramme oder dem Rüttler zu korrigieren.

Der Auftrag: jene gleichmäßige Textur herzustellen, die sich bei Berliner Gehwegen traditionell beiderseits der Plattenbahn findet, jenem Laufstreifen aus massivem schlesischem Granit, der das Herzstück des Gehweges in der Hauptstadt bildet und so charakteristisch für sie und ihre Herausforderungen an die Balance ist wie der holprige Jargon, wie das Berliner Bier.

Steinsetzer bei der Arbeit in der Pappelallee, deren ursprünglicher Gehweg nach Straßenbauarbeiten wiederhergestellt wurde. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Steinsetzer bei der Arbeit in der Pappelallee, deren ursprünglicher Gehweg nach Straßenbauarbeiten wiederhergestellt wurde.Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Haltungsfrage. Die Arbeit des Pflasterers ist schon immer hart gewesen. Der Rücken geht kaputt. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Haltungsfrage. Die Arbeit des Pflasterers ist schon immer hart gewesen. Der Rücken geht kaputt.Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Die schweren Gehbahnplatten werden mit einem Saugnapf ins Sandbett gesetzt. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Die schweren Gehbahnplatten werden mit einem Saugnapf ins Sandbett gesetzt.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Berlin als eine einzige Stolperfalle zu bezeichnen, geht natürlich zu weit. Aber nur um weniges. Mögen andere Städte gewöhnliche Bürgersteige haben, hier ist nicht nur alles eine Nummer breiter geraten - mit großer Kunstfertigkeit wird dem Bürger eine in Muster und Beschaffenheit komplexe Steinbühne in den Stadtraum gelegt, auf der sich seine Trittfestigkeit jederzeit neu zu bewähren hat. Keine Granitplatte liegt wie die nächste, aber darin sind sie sich gleich. Es ist etwas Besonderes, sich über diesen Untergrund fortzubewegen. Wer weiß schon um seine Prinzipien? Und dass das Einklopfen der Steine, das so einfach, fast stupide aussieht, einiges an Erfahrung und Geschick braucht? Gute Steinsetzer sind gesucht, sagt Heiko Petzoldt, der Polier dieser Baustelle.

Mike Wegner und Steffen Borchert, zwei Steinsetzer aus seiner Truppe, knien auf Gummischonern auf dem Gehweg. Sie sind ein eingespieltes Duo, wie von selbst wächst die Oberfläche der Steine unter ihren Händen. Ein ausgelernter Geselle schafft acht bis zehn Quadratmeter Mosaikpflaster pro Tag. Die Pflasterraupen, längliche Steinhäufchen, liegen so im Sand, dass die Männer nur den Arm ausstrecken müssen, um nach einem passenden Stein zu langen.

„Man sollte schon knien, nicht hocken“, sagt Borchert, ein Mann von Ende vierzig, mit wettergegerbtem, gebräuntem Gesicht, über den vielleicht demütigsten Beruf der Welt. Wenn man nicht in der richtigen Haltung sitze und nicht alle 45 Minuten eine Pause mache, gehe die Arbeit zu sehr auf den Rücken.

Ob es sinnvoll sei, zum Ausgleich andere Arbeiten einzuschieben?

„Zur Abwechslung ein paar Quadratmeter Gehwegplatten schleppen?“

Sie lachen herzlich. Sie mögen die Platten nicht, den Fels, der noch im behauenen Zustand etwas Fremdes, Rohes, Archaisches in die moderne Stadt bringt. Was sonst ist hier so alt?

Getane Arbeit. Das Bernburger Muster stößt gleichmäßig an die Granitplatten. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Getane Arbeit. Das Bernburger Muster stößt gleichmäßig an die Granitplatten.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Polier Heiko Petzoldt, Mitte 40, lebendige dunkle Augen, liebt die Arbeit an der Straße und ist froh, dass er nicht im Hochbau gelandet ist. „Bei unserer Arbeit kann man den Bauherrn nicht täuschen“, sagt er, „jeder Mangel ist ja mit einem Blick zu sehen.“ Bei einem schlechten Fugenbild lässt er die Steine auch schon mal herausreißen und neu setzen. Er sagt aber auch: „Ich würde nicht bis zur Rente auf der Straße sitzen wollen und die Steine einschlagen. Das ist nicht jedermanns Sache, je älter man wird. Und viele Arbeiten nimmt uns bis heute keine Maschine ab.“

Was wie ein zufällig sich diagonal über den Fußweg ziehendes Muster erscheint, ist in Wirklichkeit Präzisionsarbeit. Beim „Bernburger Mosaik“ dürfen die Fugen zwischen den Steinen nur sechs Millimeter breit sein. Ursprünglich ein würfelförmiges Kalksteinpflaster mit etwa fünf Zentimetern Kantenlänge aus Steinbrüchen im anhaltinischen Bernburg, wird es heute meist aus Granitklötzen gesetzt, die günstiger sind. „Mit Granit“, sagt Borchert, „schafft man mehr Fläche als mit Bernburger, und die Schlagung fällt weg.“ Denn die „Bernburger Passe“, wie diese Verlegeweise genannt wird, setzt man im Winkel von 45 Grad zur Hauswand respektive dem Rand der Plattenbahn. Für diesen Winkel braucht man beim Kalkstein dreieckige Steine, die erst zugeschlagen werden müssen. Das kostet Zeit und produziert Ausschuss. Bei Mosaik aus Granit ist ein 30-Grad-Winkel üblich. Den erreichen die Steinsetzer, indem sie natürliche Unregelmäßigkeiten der Steine nutzen, um Stein für Stein vom rechten Winkel in die Diagonale zu gelangen. Den umlaufenden Randabschluss bildet ein Läuferstein; eine Steinreihe, die das Mosaik parallel zur Hauswand oder Plattenbahn abschließt. Manchmal, etwa am Kurfürstendamm oder auf Plätzen, wird sie aus schwarzem Kalkstein gelegt.

Oberstreifen (zum Haus) und Unterstreifen (zur Straße) verlegt man in letzter Zeit häufig wieder aus historischem Material, mit sehr unterschiedlichen Steingrößen und Steinqualitäten. Gebrauchte Steine bauchen jedoch bisweilen nach unten aus, was den Abstand zum Nachbarstein vergrößert. Dafür haben sie dann schon „Schmiegen oder Ecken“, wie Petzoldt es nennt, also Rundungen und Eckformen, die es erlauben, sie dicht an andere Steine zu legen. Denn: Weil die Steine immer wieder gegeneinander versetzt sind, bilden sie einen soliden Verband, der die ins Sandbett geschlagenen Steine ohne Mörtel oder Zement stabilisiert und unempfindlich werden lässt gegen mechanische Kräfte. Auf diese Weise können sie hunderte Jahre unbeschadet überdauern.

300 Millionen Jahre ist das Granitgestein alt

Die Geschichte der Berliner Gehwege reicht zurück bis ins Biedermeier, als man in der Friedrichstadt begann, feste Bürgersteige anzulegen. Doch nicht etwa der Berliner Magistrat gedachte dafür großformatige Granitplatten zu verwenden. Auf diese Idee kam Lutter & Wegner, Berliner Weinlokal und Weinhandlung. Das Unternehmen ließ die schweren, unhandlichen Steine im Jahr 1825 auf eigene Kosten vor seiner Niederlassung am Gendarmenmarkt verlegen. Bezahlt werden muss das Gehwegpflaster übrigens bis heute von den angrenzenden Hauseigentümern.

Erst fünf Jahre später schloss sich der Magistrat der Initiative von Lutter & Wegner an und begann seinerseits, Platten zu verlegen. Bis dahin waren die Straßen Berlins selten befestigt. Und wo es der Fall war, „lagen unregelmäßige spitze Steine, auf denen schon ein kurzer Spaziergang schmerzende Füße machte“, wie der Schriftsteller Adolf Streckfuß die Misere noch in den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts beschrieb.

Foto: Frank Peter Jäger
Foto: Frank Peter Jäger

Umso mehr beeindruckte von nun an der großzügige Standard der alsbald stadtweit vom Berliner Magistrat angelegten gepflasterten Straßen und Gehsteige - wie auch der logistische Kraftakt, den es erforderte, die Ausbeute ganzer Steinbrüche aus den niederschlesischen Städtchen Strzegom (Strigau) sowie Strzelin (Strehlen) auf Kähnen über Oder und Spree nach Berlin zu schaffen, später auch mit dem Zug. 300 Millionen Jahre ist das Granitgestein alt, besteht aus Feldspat und kleineren Anteilen Quarz und Glimmer, die für die schimmernden Einschlüsse sorgen.

Beim Gang durch die Stadt begegnen einem die blankgelaufenen Großplatten mit ihren kleinen Ereignissen im Stein überall, besonders in historisch erhaltenen Straßenzügen. Die Platten werden zweireihig gegeneinander versetzt verlegt, sodass keine parallelen Längsfugen auftreten. Unter den Füßen breitet sich ein Farbspiel grauer oder warmgelber Oberflächen aus, bald ganz homogener, bald von vulkanisch wirkenden schwarzen Bändern oder von Wolken lebhafter Körnung durchzogener Exemplare. Normalerweise ist ihre Oberfläche blassgrau und stumpf. Doch verwandelt sie sich nach einem Regenschauer in einen glänzenden Spiegelboden: Da tritt die Maserung des Steins mit Macht zutage, zeigt sich, dass er in Wirklichkeit noch in viel feineren Schattierungen und Körnungen schimmert, rostrote Adern leuchten hell aus der Fläche.

Schon bald nach 1900 fand der Berliner Magistrat die Granitplatten nicht mehr zeitgemäß und begann, sie durch Kunststeinplatten zu ersetzen. Heute bestimmen diese diagonal verlegten „K-Platten“ das Straßenbild - Betonplatten mit einem Natursteinvorsatz an der Oberseite. Sie bilden ein einfaches, aber ausgesprochen variables System: Da die 35 mal 35 Zentimeter großen Platten in der Diagonale genau einen halben Meter messen, lassen sie sich an jede Situation anpassen, wobei Dreiecksplatten und die fünfeckige „Bischofsmütze“ den seitlichen Abschluss bilden.

Daneben fanden allerlei andere Materialien Verwendung, kleinformatige oder sehr großformatige Betonplatten ebenso wie die in den 1970er Jahren aufgekommenen „Knochensteine“, also Betonformsteine. Weder in puncto Langlebigkeit noch ästhetisch brachten sie einen Gewinn; Bezirke, die den Wert der Stadtbildpflege erkannt haben, verfolgen daher das Ziel, die Erscheinung ihrer Gehwege sukzessive wieder auf die beiden tradierten Materialien zurückzuführen.

Ausgebesserter Granit in der Kastanienallee Foto: Frank Peter Jäger
Ausgebesserter Granit in der KastanienalleeFoto: Frank Peter Jäger

Vor allem der stadtgestalterische und materielle Wert der Granitplatten ist inzwischen unumstritten. Allerdings steht ihrer Verlegung oft ein praktisches Problem entgegen. Denn sobald die Grundsanierung einer Berliner Straße fällig ist, gelten die Vorschriften für den Straßenneubau - und die erlauben „Abweichungen von der Ebenflächigkeit innerhalb einer vier Meter langen Messstrecke“ nur in der Größenordnung von höchstens sechs bis zehn Millimetern, wie es in der Planungsvorschrift heißt. Weil so geringe Höhenunterschiede und präzise Anschlüsse mit den gründerzeitlichen Granitplatten oft nicht zu leisten sind, können sie nur nach aufwendiger Aufarbeitung wiederverwendet werden. Kein Bezirk will verklagt werden, weil Passanten auf Gehwegen gestolpert sind. Die historische Oberfläche musste weichen, die Alt-Platten wurden lange Zeit entweder durch Neuware ausgetauscht oder so gründlich aufgearbeitet, dass sie kaum noch als Originale erkennbar blieben.

Und dann ist da der Argwohn der Straßenarbeiter. Sie mögen die alten Platten nicht, denn bis vor einigen Jahren fehlte geeignetes Gerät, und die Arbeiter mussten die Platten mit primitiven Hubvorrichtungen oder schlicht mit dem Radlader aus der Straße wuchten. Das war mühselig, und viele Platten wurden beschädigt, sodass sie noch schlechter zu verwenden waren. „Schweinebäuche“ nennen sie die Platten wegen ihrer unregelmäßigen Ausbauchungen an der Unterseite. Ein Gegenstand mit ausgeprägter Doppelnatur, an seiner Oberseite geglätteter Zivilisationsbaustein, an der Unterseite noch Fragment des Gebirges, dem er entstammt. Jeder auf seine eigene Weise geformt, erfordert er ein deutlich tieferes und individuell ausgehobenes Sandbett.

Jedoch wird in einer „barrierefreien“ Stadt die historische Abnutzung des Materials zu einem Hinderungsgrund: Bisweilen führen Vertreter von Behindertenverbänden „Berollungen“, also Fahrtests auf historischen Bürgersteigen durch - um zu demonstrieren, wie mühsam diese nutzbar sind. Manchem Bezirk dient das als Argument für eine radikale Totalerneuerung. Architekt Georg Wasmuth vom „büro west“ arbeitet als Kontaktarchitekt der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung bei städtebaulich sensiblen Straßenumbauten. Er setzt sich seit Jahren für einen umsichtigen Umgang mit dem Bestand ein - und rät den Ämtern, Umbauten zu minimieren. „Das historische Material einfach mal liegen lassen, mehr reparieren, weniger Aktionismus“, sagt er zusammenfassend. Bei einem Vor-Ort-Termin mit Geh- und Sehbehinderten machte er die Erfahrung, dass einige auch durchaus Verständnis für den Wert der historischen Pflasterung hatten und sich dagegen aussprachen, sogenannte „taktile Platten“ ins historische Pflaster einzubauen. Sein Fazit: „Wir brauchen ein Miteinander bei den Lösungen und kein falsch verstandenes Stellvertretertum seitens der Ämter.“

Alle hatten zugestimmt - bis auf die Anwohner

Als 2010 die Grundsanierung der Kastanienallee, also der südwestlichen Verlängerung der Pappelallee, anstand, wehrten sich die dortigen Anwohner gegen die geplante Modernisierung. Mehrere Bürgerinitiativen formierten sich. Der Streit zwischen Anwohnern und Gewerbetreibenden einerseits und dem Bezirk mit seinen wohlmeinenden, aber recht technokratisch agierenden Planungspolitikern andererseits wurde um die Verkehrssicherheit und Breite der Bürgersteige sowie den Charakter der Straße ausgetragen.

Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Foto: Kitty Kleist-Heinrich

„Aus der Kastanienallee soll eine Straße gemacht werden, wie man sie in jeder westdeutschen Kleinstadt finden kann“, beklagte seinerzeit Till Harter von der Bürgerinitiative „Stoppt K21“. In der Tat präsentiert sich die Allee heute mit schmaleren Gehwegen, flankiert von eingeschobenen, etwas kleinkariert wirkenden Parkbuchten, wie man sie in jedem x-beliebigen Stadtrandwohngebiet findet. Die Gehwege mit ihren Granitplatten, denen man ihre 130 Jahre mit allen Zeit- und Nutzungsspuren ansah, sind eingeebnet, aber auch gesichtsloser geworden.

Vonseiten der bezirklichen Planung heißt es, an der Kastanienallee, die städtebaulichen Denkmalschutz genießt, seien nahezu alle noch vorhandenen Granitplatten und auch das ursprüngliche Mosaikpflaster an Ort und Stelle wiederverwendet worden. Dennoch schmälert jede Straßensanierung die Klarheit des ursprünglichen Gesamtbildes.

Dass es durchaus anders geht, zeigte die Sanierung der Oderberger Straße in Prenzlauer Berg: Dort wollten Denkmalpflege und Anwohner das Bild, wie es daliegt, erhalten. Die Bewohner fragten: Warum muss dieser Bereich überhaupt saniert werden? Und warum sollen dafür die sichtbaren Zeitschichten der Pflasterungen verschwinden? Etwa unterschiedliche Pflastermaterialien mit Kennzeichnung von ehemaligen Vorgärten, Entwässerungsmulden und Schriftzüge. Es wurde lange diskutiert und der Planer verlor allmählich die Nerven. Es war doch alles abgesprochen! Alle hatten zugestimmt - bis auf die Anwohner. Die Einigung brauchte Wochen. Es folgten noch viele Besprechungen. Schließlich wurden denkmalpflegerische Fenster festgelegt: Ein halbes Dutzend Bereiche unterschiedlicher Größen wurden bestandsgetreu gezeichnet und später wieder Stein für Stein, wie sie lagen, eingebaut. Eine völlig neue Herangehensweise.

Als letztes fährt die Französische Pflasterramme herab

Langsam wird Berlin sensibler für das historische Erbe seiner Straßenzüge. Einige Bezirke wie Mitte und Pankow legen inzwischen Wert auf Material, das aus europäischen Nachbarländern stammt. Vor allem in städtebaulichen Denkmalbereichen werde bevorzugt mit aufgearbeitetem Material gearbeitet, sagt Claudia Reich-Schilcher, die bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung für den öffentlichen Stadtraum zuständig ist. Ein weiteres erfreuliches Beispiel: Bei der Sanierung der Pappelallee fanden neben den sorgfältig aufgearbeiteten Alt-Platten rötlich marmorierte Platten Verwendung, die den ursprünglichen in ihrer Erscheinung recht nahe kommen. „Antikisierte Granitplatten“ nennt sie ein Straßenplaner vom Bezirksamt Pankow. Erstmals bei der erwähnten Sanierung der Oderberger Straße verbaut, kommen sie nun vielerorts im Bezirk zum Einsatz. Sogar die breiten Bordsteine aus schlesischem Granit baute man an der erneuerten Pappelallee wieder ein.

Einschlüsse und Glimmer. Als wäre der Himmel in den Stein gesprungen. Foto: Frank Peter Jäger
Einschlüsse und Glimmer. Als wäre der Himmel in den Stein gesprungen.Foto: Frank Peter Jäger

Wenige Meter neben den Pflasterern heben die Straßenarbeiter an einem Sommermorgen neue Granitplatten mit einem am Minibagger befestigten Sauggerät in die Plattenbahn. Die Granitplatte muss „satt liegen“ in ihrem Sandbett, sagt Petzoldt und meint damit: so stabil, dass sie nicht seitlich wegkippen kann, die Gehfläche plan bleibt. Damit das gelingt, nimmt der Arbeiter von der Mitte des Sandbetts, in das sie eingelassen werden soll, eine oder zwei Schaufeln Sand weg. Den Rest macht die schwere Platte selbst, deren Gewicht den Sand von der Mitte wegdrückt.

Vollendet wird das Werk mit einigen Stößen der etwa 20 Kilogramm schweren Französischen Pflasterramme, einem hölzernen, knapp meterhohen Stempel, der in einem Griff ausläuft. Einer von Petzoldts Mitarbeitern hebt die Ramme mit beiden Händen und versetzt der Platte zwei, drei gezielte Stöße. Sitzt. Dann wird das nächste Feld vorbereitet.

Letzter Arbeitsschritt ist das „Einschlämmen“ der Bahn. Die Arbeiter lassen ein Wasser-Sand-Gemisch über die Platten laufen, so- dass sich die Fugen schließen und die Feuchtigkeit Sandbett und Platten verbindet.

Die Pfeffer-und-Salz-Anmutung ist typisch für den Strigauer Granit. Die Platten sind fast immer einen Meter breit. Ihre Länge variiert. Manche messen 70 Zentimeter, andere sind fast zwei Meter lang und wiegen mehr als eine Tonne. Lebhafte Körnung und Farbigkeit, Einschlüsse oder Ausbrüche - die kleinen Besonderheiten in der Platte, die Variation des Ähnlichen in ihr ist es, was den Reiz einer Stadt ausmacht. Das Unverkennbare findet man im Beiläufigen wieder. Es ist das Gegenteil des planungsversessenen, auf dauernde „Abwechslung“ zielenden Nebeneinanders von mehrerlei Pflaster, Hochbeeten, Stadtmöbeln aus Beton, Holz und Stahl, wie man es von zu Tode gestalteten Plätzen kennt.

Foto: Tim Brakemeier / dpa
Foto: Tim Brakemeier / dpa

Der blank gewetzte Granitstein scheint von der Zeit und dem Leben, das über ihn hinweggeht, nichts zu wissen. An seiner Oberfläche treffen Jetzt und Ewigkeit unvermittelt aufeinander, die Ewigkeit des Felsens und die Gegenwart des Lebens, das sich auf ihm abspielt. Dazwischen gibt es nichts.

Setzt sich denn die vergangene Zeit nirgendwo in den Dingen fest? Die Berliner Granitplatte kennt nur den unversehrten Zustand oder jenen vollständig abgebrochener Partien. Die Spuren der Zeit können sich nur auf den Stein legen, ihn allenfalls zerbrechen, in seine Tiefe aber dringen sie nicht.

Fachliche Beratung: Georg Wasmuth und Christina Kautz. Der Text ist die überarbeitete Fassung eines Beitrags aus dem Buch „Berlin - die Schönheit des Alltäglichen“ von Herausgeber Frank Peter Jäger. Es erschien im März 2017 bei Jovis und kostet 28 Euro.

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