Berlin : Berliner Caritas: "Brocken" für die Armen sammeln

Amory Burchard

Wenn sich Hubert Pohl an das Auffanglager für Flüchtlinge aus der Sowjetzone in der Kuno-Fischer-Straße in Charlottenburg denkt, sieht er nicht die Notbetten vor sich. Er sieht nicht die Wäscheleinen, die quer durch den Raum gespannt waren und nicht die Schlangen vor der Essensausgabe. Es ist die "freudige Atmosphäre", die sich dem heute 75-Jährigen, damals zuständig für die Organisation der ehrenamtlichen Arbeit beim Berliner Caritasverband, für immer eingeprägt hat: "Diese Menschen waren einfach froh, in West-Berlin angekommen zu sein."

Hundert Jahre Caritas in Berlin - die Chronik, die der Verband der freien Wohlfahrtspflege jetzt zum Jubiläum herausgegeben hat, ist eine Geschichte der Not in der Großstadt. "Sich der Not der jeweiligen Zeit stellen" ist denn auch für Pohl das Motto seiner über 40-jährigen Caritas-Arbeit. 1949 kam er als junger Sozialarbeiter nach Berlin, um hier die Ausbildung von katholischen Fürsorgern nach dem Freiburger Modell einzuführen. Nach dem Wiederaufbau der ehrenamtlichen Arbeit leitete Pohl bis Anfang der 70er Jahre die soziale Gerichtshilfe der Caritas, die Haftentlassenen Wohnung und Arbeit besorgte: "Wir haben versucht, sie aus diesem Teufelskreis rauszuholen: Keine Wohnung keine Arbeit, keine Arbeit, keine Wohnung.". Von 1972 bis 1991 war er dann Direktor der Caritas - der erste übrigens, der kein Geistlicher war.

In den 100 Jahren seit der Gründung ist vieles Geschichte geworden, was die Arbeit des "Katholischen Charitasverbandes für Berlin und Vororte" einst prägte. Die "Brockensammlung" war es wohl, die die Caritas stadtbekannt machte. Der Fabrikant Andreas Schepmann war Schatzmeister des Verbandes und hatte eine packende Idee. Er stellte Räume, Wagen und Personal, um in ganz Berlin per Anzeige gesuchte "Brocken" zu sammeln: Kleidung, Hausrat, Bücher. Brüder des Vinzenzordens verteilten sie dann an Bedürftige.

Geschichte ist auch die Kindererholung. Allein 1953 verschickte die Caritas im Sommer 1045 blasse kleine Berliner nach Belgien, Holland, Frankreich und Österreich und 500 in westdeutsche Erholungsgebiete. Sie kamen braungebrannt und aufgepäppelt zurück. Bis in die 90er Jahre gab es Caritas-Reisen für Kinder, dann machten Sparmaßnahmen des Landes Berlin den Reisen ein Ende. Aber auch von der Kirche werden die Zuwendungen jährlich um fünf Prozent gekürzt. Inzwischen hat sich die Caritas aus der Straffälligenhilfe und aus der Familienpflege weitgehend zurückgezogen.

Im Jahr 2001 musste sie mit einem Jahres-Etat von 78 Millionen Mark auskommen. Kurz nach der Wende waren es über 80 Millionen Mark. Der kleine Landesverband Ost wurde mit der großen Westberliner Caritas vereinigt und eine Reihe von neuen Beratungsstellen und Sozialstationen mussten aufgebaut werden. Im Sitz der Ost-Caritas in der Großen Hamburger Straße gibt es jetzt ein Beratungszentrum für Suchtkranke, Familien und Schuldner. In der Manetstraße in Hohenschönhausen wurde ein Krisendienst aufgebaut.

Von den heute 19 Sozialstationen für Hauskrankenpflege und soziale Beratung soll vorerst keine geschlossen werden. Zu den weiteren Angeboten gehören die psychologische Beratung für Frauen und Familien, der Adoptions- und Pflegekinderdienst, ein Frauenhaus, der fahrbare Mittagstisch, ein Hospiz-Betreuungsdienst, Suchtberatung und Beratung von Obdachlosen.

Caritas-Veteran Hubert Pohl erlebte satte Zeiten. Der Wiederaufplan für Berlin, die vielen Bundesmittel, die in die Stadt flossen, um sie zum "Schaufenster zum Osten" zu machen: Wie alle Wohlfahrtsverbände profitierte die Caritas davon. Mit üppigen Entschädigungen für Kriegsverluste konnte der Verband in den sechziger Jahren viele Kindergärten und Altenheime bauen. Eines aber habe der Senat falsch gemacht, sagt Pohl: "Zu wenige soziale Aufgaben wurden an die freie Wohlfahrtspflege abgegeben."

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