Berliner CDU : Vor dem Büro des Widersachers

Stefanie Vogelsang (CDU) macht jetzt Bundes- statt Bezirkspolitik und muss sich erst einmal einrichten

Werner van Bebber
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Wartet auf den Einzug. CDU-Politikerin Stefanie Vogelsang gehört zu den Neulingen im Parlament. Foto: Mike Wolff

Der große Moment kommt wohl erst noch. Stefanie Vogelsang, CDU-Abgeordnete aus Neukölln, wird sich vermutlich erst am 27. Oktober dieses Jahres voll und ganz als frei gewählte Abgeordnete des deutschen Volkes fühlen. Am 27. Oktober soll der 17. Deutsche Bundestag erstmals zusammentreten. Jedes Mitglied wird dann namentlich aufgerufen. Stefanie Vogelsang, von 39 618 Bürgern Neuköllns direkt gewählt, erwartet von diesem Tag so etwas wie einen Moment der Klarheit.

Zu viel Pathos? Eher nicht. Noch hat Vogelsang Einzug in den Bundestag etwas Vorläufiges. So steht denn auch „Vorläufiger Abgeordnetenausweis“ auf dem Papier, mit dem sie sich am Eingang zu den Bundestagsgebäuden ausweist. Derzeit ist der parlamentarische Politikbetrieb im Übergang. Vogelsang hat, wie alle Neuen, noch nicht mal ein Büro. Das Büro Ingo Schmitts würde sie gern beziehen, der Lage wegen. Doch Ingo Schmitt, der CDU-Mann, der aus dem Bundestag ausscheidet, weil er im Wahlkreis Charlottenburg-Wilmersdorf gescheitert ist, muss seines noch nicht räumen. Damit hat er bis zum 20. Oktober Zeit.

Für Schmitt geht in diesen Tagen etwas zu Ende. Doch über große Gefühle will der CDU-Mann nicht öffentlich reden. Er hat sich nach der Niederlage am 27. September schnell gefangen. Nach dem Intensiv-Wahlkampf genieße er die Freiheit, kaum Termine zu haben, sagt er. Der Auszug aus dem Bundestag sei für ihn „eine ganz normale Abwicklung“. Bis zum Jahresende will er „in Ruhe darüber nachdenken“, ob er politisch aktiv bleibt, sagt der Mann, der so lange in der Berliner CDU Politik gemacht hat.

Dass womöglich Stefanie Vogelsang in Schmitts Büro ziehen wird, hat einen ironischen Zug. Schließlich hatte die Neuköllnerin den vormals mächtigen Mann von der Landesliste verdrängt, auf der er seine Kandidatur absichern wollte. Nun findet sie sich in den Politikbetrieb Bundestag hinein. Ein Handbuch für Abgeordnete hat sie erhalten und Faxe: Darauf soll sie der Fraktionsführung mitteilen, in welchen Ausschüssen sie gerne arbeiten möchte. Wer welches Büro bezieht und wer in welchen Ausschuss darf, wird in der „Teppichhändler-Runde“ der Union besprochen. Ihr gehören die Mitglieder der Fraktionsführung und die Landesgruppenvorsitzenden an. Wer wie viel zu sagen hat, hängt von der Größe der Landesgruppen und vom persönlichen Standing der Unterhändler ab – die Berliner CDU gehört da nicht zu den einflussreichsten Verbänden. Nun sitzt Vogelsang in der Cafeteria des Paul-Löbe-Hauses, guckt auf die Spree und hofft, dass sie in den Sozial- oder Gesundheitsausschuss gehen kann. Das sind nicht gerade die spektakulären Gremien. Aber Vogelsang will politisch ein Thema verfolgen, das ihr aus ihrer Zeit als Stadträtin wichtig ist – die Aufwertung der Pflegeberufe. Vogelsang gehört, auch wenn sie sich gern an machtpolitischen Rangeleien in der Berliner CDU beteiligt, zu denen, die einen Sinn für Sachpolitik haben. Den hat sie im Bezirksamt entwickelt. So gesehen ändert sich nur die Umgebung. Werner van Bebber

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