BERLINER Chronik : 10. August 1961

SED-Chef Ulbricht verstärkt den Druck gegen das „Störzentrum Westberlin“

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Mit einer täglich sich steigernden Propaganda-Aktion der SED werden die Ost-Berliner auf den Mauerbau vorbereitet, ohne dass ein Wort darüber fällt. Der Plan wird verschleiert, man soll nur ahnen, was sich anbahnt. Der SED-Chef und Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht spricht im Kabelwerk Oberspree „in einem Augenblick, da große Entscheidungen für unsere Stadt und die Nation bevorstehen“. Die Losung: „Für Frieden und Freiheit des Volkes. Für einen deutschen Friedensvertrag, gegen Krieg und kapitalistische Knechtung!“

Es sei „allerhöchste Zeit, den Friedensvertrag abzuschließen und die Westberlin-Frage zu lösen“, um die „Ausplünderung der DDR über das Störzentrum Westberlin“ zu beenden, so Ulbricht zum Thema Flucht und östliche Arbeitnehmer in West-Berlin. Es sei „mit der Ehre des Bürgers der DDR nicht vereinbar, für die Militaristen und Kapitalisten drüben zu schuften“.

In Washington gibt Präsident John F. Kennedy eine Pressekonferenz. Er werde alle diplomatischen Möglichkeiten nutzen, um eine friedliche Lösung der Berlin-Frage zu erreichen, mit der die Rechte der West-Berliner und der Westmächte in Berlin voll gewahrt bleiben, betont er. US-Außenminister Dean Rusk macht für die Berlin-Krise das „Ulbricht-Regime“ verantwortlich, das Moskau „unter Druck gesetzt“ habe. „Chruschtschow hat einen Mann in der Sowjetzone, der nicht das Vertrauen der Bevölkerung besitzt“, so Rusk bei einer Zwischenlandung auf dem Flughafen Paris vor Journalisten. Dieses Problem habe Rückwirkungen auf die Weltlage. Damit deutet er an, dass Ulbricht den Kreml-Chef gedrängt hat, grünes Licht für die Schließung der Sektorengrenze zu geben.

Im Westen sickern Chruschtschows Äußerung bei einem Empfang in Moskau durch. Dort sagte er, es sei ein Märchen, dass die Amerikaner für West-Berlin kämpfen wollten: „Wegen 2,2 Millionen Menschen wollen sie den Krieg erklären, und Hunderte Millionen Menschen sollen sterben! Welcher vernünftige Mensch könnte diesen Unsinn ernst nehmen!“

Der britische Stadtkommandant schickt Zelte ins Notaufnahmelager Marienfelde, damit Neuankömmlinge bei schlechtem Wetter nicht im Freien warten müssen. Soldaten stellen die Zelte auf. Am Vortag wurden in Marienfelde 1709 Flüchtlinge registriert, im August bisher 14 614. Täglich werden jetzt 1000 nach Westdeutschland ausgeflogen, wo das Notaufnahmeverfahren nachgeholt wird. Für die Unterbringung der in Berlin bleibenden Flüchtlinge gibt es etwa 90 Lager. Brigitte Grunert

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