Berliner Dehoga-Chef zu Tourismus : „Ist doch klar, dass die Party machen“

Der Chef des Berliner Hotel- und Gaststätten-Verbandes, Willy Weiland, hält den in Kreuzberg geforderten Hotelplan für fatal. Er hat andere Ideen gegen exzessiven Tourismus.

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Auf Berlins Straßen bleibt in so mancher Partynacht viel Müll zurück.
Auf Berlins Straßen bleibt in so mancher Partynacht viel Müll zurück.Foto: picture alliance /Jens Kalaene

Entfremdung wächst in den von Touristen überrannten Bezirken. Friedrichshain-Kreuzbergs Baustadtrat Florian Schmidt (Grüne) fordert einen „Hotelplan“, um die Zahl der Betten zu begrenzen. Für den Chef von Berlins Hotel- und Gaststätten-Verband (Dehoga) Willy Weiland ist das fatal.

Herr Weiland, ganz Kreuzberg und halb Friedrichshain klagen über Berlin-Besucher, der Bezirk fordert einen Hotelplan zur Begrenzung des Zustroms. Ist das eine gute Idee?

Nein, das brauchen wir nicht. Wie leben in einer freien Marktwirtschaft. Angebot und Nachfrage regeln den Bedarf. Und überhaupt, wie soll das gehen? Rein juristisch ist das schon schwierig.

Aber ein Plan des Senats zur Begrenzung des Baus von Einkaufszentren gibt es auch.

Auch bei Ärzten und Apotheken gibt es Regeln. Aber beides hat zum Ziel, die Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen. Wer ein Hotel bauen will, sollte das dürfen. Zumal es im Stadtkern ohnehin nur noch wenig Bauland für Neubauprojekte gibt. Vielleicht ändert sich das, wenn die Stadt sich nach Schönefeld heraus entwickelt mit der Inbetriebnahme des Flughafens BER.

Fehlt es denn überhaupt noch an Hotels?

Aber ja, die Zimmer in den bestehenden Häusern sind im Jahresdurchschnitt zu 80 Prozent belegt. Die Stadt kann es sich nicht leisten, den mit immerhin zwölf Milliarden Euro wichtigsten Umsatzzweig Tourismus einfach hängen zu lassen.

Also noch mehr Hotels statt Wohnungen?

Täglich bieten Vermieter Ferienwohnungen zu Tausenden an, trotz Zweckentfremdungsverbot. Wenn die Bezirke hier durchgreifen, entstünde reichlich zusätzlicher Wohnraum.

Berliner sind Weltmeister im Meckern, aber die Touri-Allergie gibt es auch in anderen Städten. Haben Sie gar kein Mitgefühl?

Doch, aber das muss in den Bezirksämtern geregelt werden. Viele Berliner in zentralen Quartieren sind wegen des Lärms unzufrieden. Darüber haben wir mit Bezirksbürgermeisterin Monika Hermann diskutiert. Aber was nützt es, wenn Gaststätten und Hotels Terrassen pünktlich räumen, Spätis aber Alkohol und Chips die ganze Nacht lang verkaufen? Ist doch klar, dass die Menschen dort einkaufen und Party auf der Admiralbrücke machen. Wer daran was ändern will, müsste Spätis Schließungszeiten vorschreiben.

Es gibt auch Kneipiers, die sich nicht um Schließungszeiten kümmern, oder?

Das stimmt, viele halten sich an das Gesetz, einige nicht. Wir haben keine Möglichkeit, das zu kontrollieren. Das liegt in der Hand der Bezirke. Dort heißt es aber, es gebe kein Personal für mehr Kontrollen. Warum ziehen sie nicht Mitarbeiter des Ordnungsamtes ab von den Streifen gegen Falschparker und setzen sie eine Zeit lang dafür ein? Es fehlt ja nicht an Gesetzen in Berlin, wohl aber an deren Durchsetzung.

Ist das denn woanders besser?

Ja, in München machen die Biergärten um zehn Uhr Schluss, und dort wächst der Tourismus auch. Warum kriegen wir das hier nicht gebacken? Wir erleben eine Veränderung bei der Mobilität der Menschen. Jeder fährt gerne mal zwei bis drei Tage weg, und deshalb ist in der Hotellerie in den letzten fünf bis sieben Jahren vor allem das Angebot an günstigen Betten stark gestiegen. Das liegt auch am Wachstum von Fluggesellschaften wie Ryanair und Easyjet, die billige Stadtreisen anbieten. Diesem Trend kann sich die wachsende Stadt Berlin nicht entziehen.

Widerstand gegen die Umwandlung der Städte in eine Partyzone fürs Landvolk, das sich davon dann ein Jahr in der Provinz erholt, gibt es auch in Barcelona oder Mallorca, auch das ist ein Trend?

Barcelona kämpft mit der Akzeptanz von Touristen, weil dort große Kreuzfahrtschiffe ihre Gäste für ein paar Stunden durch die Ramblas schicken. Das ist in Berlin anders. Hier gibt es alle Arten von Gästen: Kulturtouristen, Konferenzteilnehmer oder Besuche von Familienmitgliedern. Wir brauchen eine Akzeptanz für den Tourismus, und daran müssen wir gemeinsam arbeiten.

Aber wie soll das gehen, wenn die einen im Kiez leben und arbeiten und die anderen nur zum Feiern kommen?

Eine Umfrage von „Visit Berlin“ hat gezeigt, dass 90 Prozent der Berliner kein Problem mit Touristen haben. Wir brauchen keinen Marshallplan, der alles verändert. Wir müssen da anpacken, wo die Probleme liegen: beim Lärm und der Sauberkeit in den Parks und Grünflächen, der Sicherheit in der S-Bahn und an öffentlichen Plätzen.

Die Fragen stellte Ralf Schönball.

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