Berliner Dom : Des Kaisers Kirche

Hunderte Schlüssel, 500 Türen, 700.000 Besucher jährlich: Ein Rundgang durch den Berliner Dom könnte Tage dauern – und selbst dann gäbe es noch unbekannte Ecken. Was verbirgt sich hinter der Fassade?

Christian van Lessen
Berliner Dom
Der Berliner Dom - Seine Majestät auf der Museumsinsel. -Foto: ddp

BerlinWie viele Schlüssel sind nötig, um alle Räume des Berliner Doms auf- und abzuschließen? Es sind hunderte. Domsprecherin Antje Zimmermann hat, wenn sie Gäste führt, ihnen unbekannte, nicht öffentliche Ecken vorstellt, ein Bund mit 20 Türöffnern dabei, die, fürs erste, für eine kleine Rundtour reichen. „Zehn verschiedene dieser Touren könnte ich machen.“ Und selbst sie, die den Dom kennt, würde immer wieder auf unbekannte Bereiche stoßen. Man wäre Tage unterwegs, um alles kennenzulernen. Die genaue Zahl der Schlüssel ist jedenfalls nicht bekannt, weil auch die Zahl der Räume im Berliner Dom nur eine Schätzgröße ist. Etwa 500 soll es davon geben. Ein Universalschlüssel existiert nicht. Ein Rundgang durch die Oberpfarr- und Domkirche zu Berlin ist auf jeden Fall ein Schlüsselerlebnis.

Die unbekannten Wege durch das Gotteshaus, das sich so prunkvoll unter der Hauptkuppel, so nüchtern in der Hohenzollerngruft gibt, führen nach oben. Sie offenbaren ein Gebäude, das die verschiedensten Eindrücke hinterlässt: stellenweise nüchterner Verwaltungsbau mit Büros, Computern, Faxgeräten. Dann wieder erinnert es an eine Burg mit Holztäfelungen, an englische Kastelle, an die Kulisse altehrwürdiger Debattierklubs. Daran fühlen sich gern Besucher aus der Londoner Partnergemeinde St. Paul’s Cathedral erinnert.

Ein Gang durch den Dom, von dem viele Berliner und Touristen allenfalls den Kuppelsaal kennen, zeigt das Ausmaß dieses Bauwerks: gewaltige Treppenhäuser mit schmiedeeisernen Geländern, moderne Aufzüge, stille, karge Ecken, die auch zu einem Kloster gehören könnten. Gäbe es nicht immer wieder die großen und kleinen Fenster, romantische Bögen, Besucher vergäßen fast, mitten in Berlin zu sein.

Wo führen einen die Schlüssel nicht überall hin: Auf den Emporen über den kleinen Kuppeltürmen sieht es aus wie auf Dachböden, die dann aber zu stählernen, steilen Wendeltreppen führen. Sie enden abrupt vor einer Tür, die natürlich auch aufgeschlossen werden muss, und dann stößt die Nase an ein Drahtgeflecht – zur Taubenabwehr. Dahinter sind drei Glocken in einem der vier Türme zu sehen, die sich um die Zentralkuppel gruppieren. Von hier schallt das große Geläut herab, der Stadt so vertraut.

Die kühle, enge Wendeltreppe hinunter, und es öffnet sich eine Tür, die geradezu in ein behagliches Wohnzimmer führt. Eigentlich ist es nur ein Raum mit Teppich, Ecksofa und Tisch, daneben ein hohes, gewölbeartiges Zimmer mit zwei Betten und einem Nachttisch mit Lampe dazwischen. Hier wohnen keine Gottesdiener des Doms, hier können Gäste des Hauses logieren, etwa aus Partnergemeinden. „Verschlafen kann hier keiner,“ sagt Antje Zimmermann. „Das Glockengeläut!“ Die Sicht aus dem „Domhotel“ ist nicht berauschend, die Fenster sitzen fast unter der hohen Decke.

Über den Treppenhäusern sind kühle Lichthöfe angelegt, die sich aber nicht nutzen lassen. Hier läuft niemand herum, dennoch sind die Wände mit Plakaten für Orgelkonzerte geschmückt. Die Lage der Stockwerke ist bei Rundgängen schwer zu ergründen, da schon das Erdgeschoss des Doms der erste Stock ist. Immer wieder geht es über Treppen und Flure, an Aufzügen vorbei. Schindler, Baujahr 1986. Türen, Portale, fast ein Labyrinth. Auch die rund 50 Dombediensteten brauchen Zeit, um sich zurechtzufinden. Dann öffnen sich Hörsäle, Relikte der Theologischen Fakultät, die vor einem Jahr ausgezogen ist, und deren Räume sich für Veranstaltungen mieten lassen. Garantiert ist ein einmaliger Blick über die Stadt. Hier oben sind auch Räume für Chorproben der Berliner Domkantorei, an einer der Türen steht „Loge M“, und die Besucher fragen, ob hier einst seine Majestät der Kaiser ein und aus ging. Stimmt aber nicht, der Kaiser hatte eine ganz andere Loge – aber die kommt erst später auf dem Rundgang.

Schlüssel rein, Schlüssel raus, nun öffnet sich die grandiose Orgelempore, auch kein Ort für die Öffentlichkeit. Das Instrument ist von unschätzbarem Wert, hat 7269 Pfeifen. Die Bombe, die im Krieg die große Kuppel zerstörte und bis hinunter in die Gruft schlug, sauste an der Sauer-Orgel vorbei, weil sie in ihrer Nische geschützt war. Aber in der Nachkriegszeit litt sie unter Feuchtigkeit, das Notdach der Kuppel war undicht, es gab Vandalismusschäden, Pfeifen wurden eingeschmolzen.

Wieder Gänge, Treppenhäuser, wieder ein Schloss: Es öffnet sich der Kaiserliche Aufzug, holzverkleidet, mit zwei bescheidenen Stühlen. Kaiser Wilhelm II. war begeistert von neuester Technik, die Orgel war auf modernstem Stand, auch der Fahrstuhl sollte es sein, importiert von Otis aus den USA, anno 1905. Er ist vergittert und nicht mehr in Betrieb, wird aber gern bei Sonderführungen, Tagen der offenen Tür und zur Langen Nacht der Museen geöffnet. Der Kaiser nutzte ihn weniger, aber seine Mutter ließ sich gern auf und ab bewegen. Dieser Aufzug führte direkt in die Kaiserloge, die bei Festgottesdiensten geöffnet wird, weil viele Besucher gerade hier sitzen wollen, obwohl nur die ersten beiden Reihen den Blick auf den Gottesdienst erlauben. Die zwei Original-Thronsessel sind nicht mehr erhalten.

Wenn der Kaiser auf einem der Sessel Platz nahm, ließ er sich gern von unten, vom Altarraum aus, fotografieren. Man sah dann nur den Kopf und als Hintergrund eine Wand aus rotem Samt, die noch vorhanden ist. Und eine Tür – wieder dreht sich ein Schlüssel – führt hinaus ins Kaiserliche Treppenhaus mit marmornen Wänden. Das ganze kaiserliche Ensemble, Treppenhaus und Loge, wird gern für festliche Veranstaltungen genutzt, und Orgelkonzerte gehören dazu. Auch für öffentliche Rundgänge böte sich hier ein Spaziergang an, vorbei an romantischen Nischen und holzgetäfelten Wänden, durch repräsentative Treppenhäuser. Ihre Fenster weisen auf die letzten Reste des Palastes der Republik, ganz nah heran reicht das letzte Stahlgerippe, und Antje Zimmermann erinnert sich an die schönste Seite dieses Bauwerks. Es war die, die sich dem Lustgarten und dem Dom zuwandte. Die Kirche spiegelte sich in den Scheiben, und die Domleute hatten sich beim Blick aus dem Fenster selbst im Auge.

Man hat schon überlegt, die Führungen zu erweitern, hat den Gedanken aber dann wieder verworfen. Viel Aufsicht wäre nötig, das Personal fehlt. Man fürchtet sich vor Graffiti. Das große Haus ist ständig in Betrieb, und doch strahlt es eine atemberaubende Ruhe aus. Es hat nichts von der verbrauchten Luft der langen Jahrzehnte in seinen Mauern konserviert, die Modernisierung liegt knapp 14 Jahre zurück. Die gelegentlichen Risse in den Wänden konnten den gepflegten Gesamteindruck nicht trüben.

Der Rundgang nähert sich seinem Ende, langsam geht es wieder hinab. Antje Zimmermann sucht die letzten Schlüssel, öffnet eine Abstellkammer, eine Teeküche, ein stilles Eckchen mit Sesseln, dann geht es erneut in eines der vielen Treppenhäuser mit Kronleuchtern. Ein Blick in die keine Kapelle, die Tauf- und Traukirche neben dem großen prunkvollen Gottesdienstsaal. Die Kapelle steht immer ein wenig im Schatten, wird von vielen Besuchern gar nicht beachtet, aber sie ist ein Kunstwerk für sich, hat, wie Antje Zimmermann meint, einen warmen, stillen Charakter. Wieder entriegelt sie eine Tür, schon ist der Raum hinter dem Altar erreicht, sonst für die Öffentlichkeit unzugänglich, mit dem Petrus-Altar und dem weißen Taufstein. Wieder zurück – ein Gang, eine Tür, vom Inneren des Doms geht es in die Kircheneintrittstelle, und gleich daneben ist das Büro der Oberpfarr- und Domkirchengemeinde zu Berlin, deren Gottesdienste sehr gut besucht sind. 600 Teilnehmer kommen im Durchschnitt, zuletzt waren es 1000. Die strenge Lithurgie wird geschätzt, und natürlich das ganze Ambiente, von dem Besucher aber nur einen kleinen Teil sehen. Holzgetäfelt sind die Räume der Sakristei, die eher nüchterne Küsterei liegt fast zu ebener Erde. Die Mitarbeiter Sibylle Greisert und Martin Hildebrandt haben fast das Gefühl, auf der Straße zu arbeiten. Hier ist, wie sie sagen, die „Info-Zentrale“. Es ist keine übliche Gemeinde im Berliner Dom, ihre Mitglieder können aus allen Teilen der Stadt kommen.

Am Ende des Rundgangs geht eine junge Frau mit der ankommenden Post vorbei. Die muss verteilt werden. Auch das ist im Berliner Dom mit seinen vielen Räumen nicht ganz leicht. Es gibt zwar einen Hausbriefkasten, aber der hat sechzehn verschiedene Namensangaben, alles Einrichtungen des Doms. Und jede Stelle hat ihren Briefkastenschlüssel. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

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