• BERLINER FLUGHÄFEN Unsicherheit in Schönefeld, Unterschriften für Tempelhof: Sammlungsbewegung

BERLINER FLUGHÄFEN Unsicherheit in Schönefeld, Unterschriften für Tempelhof : Sammlungsbewegung

Gestern begann das Volksbegehren zur Offenhaltung des Zentralflughafens

Stefan Jacobs

Die beste Geschichte zum Flughafen Tempelhof gibt es am abgelegensten Ort. Volkshochschule Wilmersdorf, den Gang bis ans Ende, dann links und noch mal links. Sechs Leute haben hier am Tisch in einer schlecht gelüfteten und schlecht beleuchteten Ecke bis zum Mittag unterschrieben: Ja zur Offenhaltung des Flughafens über 2008 hinaus. Sechs von mindestens 170 000, die bis zum 14. Februar dafür votieren müssen, damit das von der „Interessengemeinschaft City-Airport Tempelhof e.V.“ (ICAT) mit freundlicher Unterstützung der Berliner CDU initiierte Volksbegehren Erfolg haben kann.

Die Geschichte geht so: Einer, Mitte 30 vielleicht, hat beim Unterschreiben gesagt, wenn Tempelhof nicht gewesen wäre, hätten sich seine Eltern nicht kennengelernt. Folglich gäbe es ihn nicht, ergo auch nicht seinen kleinen Sohn. Deshalb müsse der Flughafen offen bleiben. So erzählt jedenfalls die Frau vom Amt die Geschichte, die hier auf Kundschaft wartet und das düstere Kabuff als Arbeitsplatz passabel findet: Vorher habe sie sogar auf dem Flur sitzen müssen. In der Poststelle im Rathaus sei das gewesen. „Ich bin nämlich aus dem Zep“, sagt die Frau. Das ist der zentrale Stellenpool, und die Unterschriftensammlungsbetreuung ihre wohl letzte Aufgabe vor der Rente.

Im Rathaus Schöneberg ist keine Zeit für lange Geschichten, weil der Andrang zu groß ist. Rund 200 Leute haben bis zum frühen Nachmittag an dem Ort unterschrieben, der sich – „Ich bin ein Börlinner“ – für symbolträchtige Gesten eignet. Zeitweise sei es „schwarz gewesen vor Antragstellern“, sagt die Empfangsfrau. Allerdings handelte es sich dabei um eine organisierte Traube, die von mehreren Fernsehkameras sowie CDU- Fraktionschef Friedbert Pflüger angeführt wurde. Jetzt sind viele ältere Leute da, nostalgische wie pragmatische: „Ich nutze Tempelhof nicht. Aber die Arbeitsplätze und so“, sagt eine Frau in den 50ern. Dann verlangt ein 18-Jähriger das Formular. Sascha, elfte Klasse, hat letztes Jahr in der Schule am Beispiel Tempelhof das Diskutieren geübt. „Ich war in der Gruppe, die dafür war“, sagt er. Insofern findet er sein heutiges Votum nur folgerichtig. Und der Fluglärm? „Mein Vater wohnt da. So laut ist das gar nicht.“

Während in den vier Köpenicker Ämtern zusammen erst 81 Bürger unterschrieben haben, sind es im Gesundheitsamt Tempelhof, südlich der Einflugschneise, allein schon 60. Der Pförtner weiß das, „weil ich ein korrekter Typ bin“ und vor ihm eine Strichliste liegt. Der erste Strich steht für ihn selbst. Er war es auch, der die Formularausgabe so gut ausgeschildert hat, damit sie ja keiner verfehlt. „Wenn der Flughafen geschlossen wird, hätten wir für Jahre eine Brache, die ein Heidengeld kostet“, sagt der Pförtner. Und fragt, ob man nicht auch unterschreiben wolle. Stefan Jacobs

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