Berliner Geschichte : Nordberliner Milljöhstudie

Was wäre die Stadt ohne den guten, alten Wedding, ohne Moabit und Gesundbrunnen? Kaum vorstellbar Vor 150 Jahren wurden die Vororte eingemeindet – das wird ab heute in der Arminiusmarkthalle gefeiert

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Einer aus dem Arbeiterkiez. Bevor Harald Juhnke Karriere machte, wohnte er im Bezirk. Auf dem Mittelstreifen der Fordoner Straße erinnert ein Gedenkstein daran. Die Inschrift: „Weddinger Junge“. Fotos: André Görke, Kai-Uwe Heinrich, Kitty Kleist-Heinrich, Thilo Rückeis, AFP, Ullstein/KPA
Einer aus dem Arbeiterkiez. Bevor Harald Juhnke Karriere machte, wohnte er im Bezirk. Auf dem Mittelstreifen der Fordoner Straße...Foto: ullstein - KPA

Den amüsantesten Reim auf Wedding machten sich die Blödelbarden von Insterburg & Co: „Ich liebte ein Mädchen in Wedding, die wollte immer nur Petting“. Das geschah in den Sechzigern, die Verse waren Teil eines von Ingo Insterburg besungenen erotischen Triumphzugs durch Berlin, Deutschland, die Welt, bis hin zum Mars. Für Moabit und Gesundbrunnen konnte er sich keiner Eroberungen rühmen. Das ist schade, sonst hätte sich der Song vielleicht zur heimlichen Hymne der heute startenden Feierlichkeiten entwickelt, mit denen der Bezirk Mitte das 150. Jubiläum der Eingemeindung von Wedding, Moabit und Gesundbrunnen ins Berliner Stadtgebiet begeht.

Eine indirekte Erinnerung an diesen bereits am 1. Januar 1861 erfolgten Verwaltungsakt findet sich überraschenderweise auf dem Mittelstreifen der Kreuzberger Stresemannstraße: ein Nachbau der alten Akzisemauer, die seit den Zeiten des Soldatenkönigs Friedrich Wilhelms I. Berlin umgeben hatte, Mitte des 19. Jahrhunderts aber überflüssig und hinderlich geworden war. Mit der plötzlichen Vergrößerung des Stadtgebiets um nahezu 70 Prozent verlor sie ihre Funktion vollends und wurde abgetragen. Denn es kamen 1861 ja nicht nur die Vororte Moabit und Wedding samt Gesundbrunnen zu Berlin, sondern ebenso die nördlichen Teile von Tempelhof und Schöneberg, so dass die Einwohnerzahl erstmals die halbe Million überstieg.

Angesichts der Entwicklung von Wirtschaft und Bevölkerung im nahen Umland war die Eingemeindung konsequent, konnte aber nur gegen erhebliche Widerstände und nach langen Verhandlungen der beteiligten Ämter, Behörden und Kommunen mittels „Allerhöchster Cabinetts-Ordre“ durchgesetzt werden. Die Stadtväter waren alles andere als erfreut über den Zuwachs im Norden mit seiner ärmlichen Bevölkerung, dessen Infrastruktur man nun auf städtischen Standard bringen musste, von der Armenfürsorge ganz zu schweigen. Der Landkreis Teltow dagegen hatte sich lange gesträubt, von den steuerkräftigen Gemeinden südlich Berlins einige Teile herauszurücken. Aber das Wachstum Berlins war ebenso wenig aufzuhalten wie bei der Norderweiterung des Stadtgebiets 1841 oder bei der Bildung von Groß-Berlin 1920. Und heute ist es kaum mehr vorstellbar, dass vermeintlich Ur-Berliner Stadtteile wie Wedding, Moabit, Gesundbrunnen einmal nicht dazugehört haben. Und vielen ist nicht bewusst, dass bestimmte Namen, die heute ganz selbstverständlich mit Berlin assoziiert werden, ohne die Eingemeindung von 1861 keinerlei Veranlassung zu lokalpatriotischen Gefühlen gäben.

Für viele verbinden sie sich mit Blau und Weiß, den Farben von Hertha BSC. Seit 1924 war das 50 Jahre später abgerissene Stadion am Gesundbrunnen, genannt „Plumpe“, die Heimstatt des Vereins. Zur Wirtschaftsgeschichte der drei Jubilare gehören beispielsweise Firmen wie die Meierei C. Bolle, Borsig, AEG, Rotaprint und Schering, Teile gehörten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu „Feuerland“ in der Oranienburger Vorstadt, so genannt nach den vielen metallverarbeitenden Betrieben, die sich damals dort angesiedelt hatten. In der sozialen und politischen Geschichte waren die Moabiter Krawalle von 1910 und der Weddinger Blutmai von 1929 besonders dunkle Kapitel. In Moabit stand, nahe dem heutigen Hauptbahnhof, das berüchtigte Zellengefängnis, mit Moabit verbunden ist das Kriminalgericht. Und die menschenunwürdigste Form hatte die Mietskaserne wohl in Meyers Hof in der Ackerstraße gefunden: sechs Hinterhöfe, über 250 Wohnungen, 2100 Menschen.

Die Bilder dieser Lebenswelten werden heute oft als pittoresk missverstanden, als „Zille sein Milljöh“, dessen Sujets sicher auch Wedding, Gesundbrunnen und Moabit entstammten, wenngleich Heinrich Zille selbst nie dort wohnte, anders als der Maler Otto Nagel, ein gebürtiger Weddinger. Auch Harald Juhnke kannte die jetzt gefeierte Gegend sehr gut. Geboren wurde er in einer Klinik in Charlottenburg, doch aufgewachsen ist er in Gesundbrunnen. Ähnlich sieht es bei Eberhard Diepgen aus: Geboren in Pankow, aufgewachsen in Wedding.

Auch Moabit hat sehr unterschiedliche Berühmtheiten hervorgebracht: An der Lübecker Straße 13 erinnert eine Gedenktafel daran, dass hier Kurt Tucholsky geboren wurde. In der Birkenstraße 57 lebten die wegen ihres Geschicks als Geldschrankknacker legendären Gebrüder Sass. Und gut möglich auch, dass die Weltgeschichte anders verlaufen wäre, hätte Lenin auf seiner Europareise, die ihn 1895 auch nach Berlin führte, im schicken Charlottenburg oder Zehlendorf Quartier genommen – und nicht für sieben Wochen als Untermieter in der Flensburger Straße 12.

Die Reihe der Jubiläumsveranstaltungen startet am 4. Juni, 14 bis 18 Uhr, bei freiem Eintritt in der Arminiusmarkthalle, Arminiusstraße 2–4, mit Musik, Aktionen und dem Auftritt „historischer Persönlichkeiten wie Carl Andreas Julius Bolle, Albert Borsig, Rudolf Virchow, Emil Rathenau, Heinrich Zille und dem „Eckensteher Nante“. Weitere Informationen unter www.berlin-wird-groesser.de.

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