Berliner Grüne stürzen ab : Die sind sich nicht mehr grün

Die Berliner Grünen und ihre Wähler haben sich irgendwie voneinander entfernt – das ist sogar in den Hochburgen zu spüren.

von und Karoline Kuhla
Die Grünen sind neben der FDP die größten Wahlverlierer.
Die Grünen sind neben der FDP die größten Wahlverlierer.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Autos rattern langsam über das Kopfsteinpflaster. An einer Laterne im Kreuzberger Graefekiez baumelt noch das bunte Wahlplakat: „Erststimme Ströbele“. Am Sonntag ist Grünenkandidat Hans-Christian Ströbele zum vierten Mal direkt in den Bundestag gewählt worden; aber selbst er, der 2009 spektakuläre 46,7 Prozent der Stimmen auf sich vereinen konnte, büßte sieben Prozentpunkte an Erststimmen ein. Und bei den Zweitstimmen waren die Verluste im Wahlkreis ebenso hoch. 20,8 Prozent der Kreuzberger und Friedrichshainer stimmten für die Grünen, vor vier Jahren waren es noch 27,4 Prozent. Vor allem in ihren Hochburgen – auch in anderen Bezirken wie Charlottenburg-Wilmersdorf oder Mitte – verloren die Grünen überdurchschnittlich viele Stimmen. Berlinweit liegt die Partei jetzt bei 12,3 Prozent und damit 5,1 Prozentpunkte unter dem Ergebnis von 2009.

Mittelschicht von Debatten der Grünen abgeschreckt

Susanne D. ist 55 und lebt seit 26 Jahren im Kiez, aber noch in diesem Jahr will sie hier wegziehen. „Kreuzberg hat seinen Esprit verloren“, erklärt sie. Das sei auch Grund für das schlechte Grünen-Ergebnis, meint sie: „Die neuen deutschen Spießer, die hier hergezogen sind, haben Schiss. Die wählen doch nur so lange Grün, wie keiner über Steuern an ihre Kohle will.“ Und als alteingesessene Kreuzbergerin, hat sie da grün gewählt? Ja, aber vor allem für den Tierschutz, sagt sie. Viele Bekannte hätten sich anders entschieden: „Denen sind die Grünen nicht mehr links genug, die bedienen jetzt ja die Mittelschicht.“

Aber gerade die Wähler aus der Mittelschicht sind nach Auffassung von Wahlforschern von den Debatten der Grünen abgeschreckt worden: Erst kam die Steuerdiskussion, dann der Veggieday und ganz zum Schluss noch einmal die richtig heftige Pädophiliedebatte. „Ich konnte es richtig auf der Straße spüren“, sagt Lisa Paus, die in Charlottenburg-Wilmersdorf vergeblich um ein Direktmandat kämpfte, aber über die Landesliste erneut in den Bundestag einziehen kann. „Bis August war es richtig Wellness-Wahlkampf, und zum Schluss waren wir dann die Schmuddelpartei.“ Paus war direkt von dem schlechten Abschneiden der Partei betroffen. Am Wahlabend war lange unklar, ob ihr dritter Listenplatz, der bei den Grünen seit Jahren eigentlich als absolut sichere Bank galt, noch ausreichend für ein Mandat ist. Erst mit der Veröffentlichung des vorläufigen amtlichen Endergebnisses gegen 2.45 Uhr hatte Paus Gewissheit.

In Berlin wird der Rücktritt der Grünen-Spitze begrüßt

Am Montagabend hat auch der Berliner Landesverband begonnen, das Wahlergebnis aufzuarbeiten. Der Landesparteirat, der den Vorstand berät, tagt. Beschlüsse waren aber vorerst nicht zu erwarten. Aber trotz der großen Verluste in Berlin scheint der Landesverband relativ gefestigt zu sein und der Wille groß, jetzt konstruktiv weiterzuarbeiten. Auch wenn es niemand laut sagt, ist klar, wo die Fehler verortet werden: bei der Bundesspitze. Dass der sechsköpfige Bundesvorstand am Montag seinen Rücktritt anbietet, wird deshalb durchaus wohlwollend zur Kenntnis genommen.

Daniel Wesener, einer der beiden Landesvorsitzender, hält jedoch einen Personalwechsel allein bei Weitem nicht für ausreichend. „Wir müssen genau analysieren, was falsch gelaufen ist und warum wir mit unseren Themen nicht durchdringen konnten“, sagt Wesener.

Bei den Wählern in Berlin kam das grüne Spitzenpersonal nicht an

Bei den Wählern auch in Kreuzberg kam das Spitzenpersonal aber eben nicht unbedingt gut an. „Ich wollte die CDU loswerden“, erklärt die 31-jährige Mareice Kaiser ihre Wahl. Bei der letzten Bundestagswahl 2009 habe sie noch die Grünen gewählt, aber diesmal hielt sie es für taktisch klüger, ihre Stimme der Linkspartei zu geben. Sie und ihr Mann hoffen auf eine rot-rot-grüne Regierung. „Und außerdem“, schiebt sie hinterher, „kann ich Jürgen Trittin nicht ab“. Dann setzen Kaisers mit ihren beiden Kindern den Spaziergang durch Kreuzberg fort. Vielleicht hätten sie sich noch einmal anders entschieden, wenn sie gewusst hätten, dass Hans-Christian Ströbele schon am Montag für Koalitionsgespräche mit der Linken Richtung rot-rot-grüne Koalition plädiert.

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