Berliner Kältehilfe : Notunterkünfte in Not

Die Berliner Kältehilfe rechnet mit einem Ansturm auf die Schlafplätze. Obdachlose konkurrieren dabei mit illegalen Flüchtlingen.

Jana Kugoth
Der Männerschlafsaal einer Notübernachtung für Obdachlose.
Der Männerschlafsaal einer Notübernachtung für Obdachlose.Foto: dpa

Der Winter hat noch nicht richtig begonnen, „doch wir sind jetzt schon voll“, sagt Jürgen Mark, Leiter der Notunterkunft für Wohnungslose in der Charlottenburger Franklinstraße. In den Räumen finden 73 Menschen an 365 Nächten im Jahr einen Schlafplatz.

In den Wintermonaten stellt die Berliner Kältehilfe zusätzliche Schlafplätze bereit. Am heutigen Sonnabend startet sie in die 25. Saison. Bis zum 31. März sind zwei Kältebusse und der Wärmebus des Roten Kreuzes auf den Straßen unterwegs, um Wohnungslosen in kalten Nächten Tee und Decken zu bringen, oder sie in die nächste Unterkunft zu fahren. Kirchen und Wohlfahrtsverbände wollen diesen Winter 500 Plätze in Notunterkünften und Nachtcafés anbieten. Über das Kältetelefon werden die freien Plätze koordiniert.

Dramatische Entwicklung in den letzten fünf Jahren

Doch das Angebot werde bei Weitem nicht ausreichen, befürchtet die Direktorin des Caritasverbandes, Ulrike Kostka. Die Entwicklung der vergangenen fünf Jahre habe gezeigt: Es gibt immer mehr Hilfesuchende, seit 2009 ist die Zahl der Übernachtungen pro Winter um 15.000 gestiegen. Auch das Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) ist jede Woche wieder überrascht über die steigenden Zahlen. „Teilweise verdoppeln sie sich von Woche zu Woche“, sagt Kostka. „Wenn der Winter kalt wird, rechnen wir mit einer dramatischen Situation.“. Berlin hat keine Räumlichkeiten für die Menschen von der Straße. Deshalb soll, wie schon im vorigen Jahr, wieder eine Traglufthalle am Innsbrucker Platz in Schöneberg aufgebaut werden. Damit entsteht zusätzlicher Platz für mehr als 100 Männer. Über den Aufbau weiterer Hallen werde noch beraten, hieß es.

"Knapp 40 Prozent unserer Gäste Ausländer"

Kamen vor 25 Jahren noch überwiegend Berliner in die Notunterkunft, sind heute „knapp 40 Prozent unserer Gäste Ausländer“, sagt Mark. Sie kommen aus Syrien, Afghanistan, dem Iran und Irak, und aus der Ukraine. Menschen aus 90 verschiedenen Nationen hat Mark im vorigen Jahr gezählt, die Hausordnung gibt es mittlerweile in 25 Sprachen. Diesen Winter rechnet die Kältehilfe darüber hinaus mit einer steigenden Anzahl wohnungsloser Flüchtlinge. Seitdem die Flüchtlinge vom Oranienplatz ihre Notunterkünfte verlassen mussten, leben viele von ihnen auf der Straße. Es ist damit zu rechnen, dass sie bei der Kältehilfe Schutz suchen. „Der alkoholabhängige Berliner, der unser Angebot schon seit Jahren in Anspruch nimmt, fühlt sich durch diese Menschen bedroht“, weiß Mark aus Erfahrung.. Er befürchtet: „Der Mix“ aus Drogenabhängigen, psychisch Kranken, älteren Menschen mit niedriger Rente, Kriegsflüchtlingen und Asylsuchenden führt zu Spannungen.“

Angesichts der Herausforderungen fordert Kostka den Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) zum Handeln auf: „Wir brauchen einen Koordinierungsausschuss, am besten schon nächste Woche.“

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