Berlin : Berliner Kantoren: Liturgische Musik als Familiensache

Alexander Pajevi¿c

Einfache Worte, aber wohl das größte Lob, das man einem Kantor machen kann: "Er gehört da vorne einfach hin", sagt eine Besucherin der Synagoge Pestalozzistraße über ihren Kantor Isaac Sheffer. Dabei muss sich der 48-Jährige an einem hohen Maßstab messen lassen - bis zu seinem Tod zu Beginn dieses Jahres amtierte dort der legendäre Oberkantor Estrongo Nachama. Doch nicht nur Isaac Sheffer macht derzeit in der jüdischen Gemeinde von sich reden - seine Frau Mimi ist ebenfalls Kantorin und hat schon zum zweiten Mal die hohen Feiertage um das jüdischen Neujahrsfest in der Synagoge Oranienburger Straße bestritten. Dabei waren ursprünglich weder Mimi noch Isaac auf eine Karriere als Kantoren aus. Beide kommen aus der Oper und sind eher zufällig ins sakrale Fach gekommen.

Mimi - Sängerinnen sprechen nicht gerne über ihr Alter - ist in den USA geboren und in Israel aufgewachsen. Ihre Eltern waren, ungeachtet der wissenschaftliche Tätigkeit ihres Vaters als Bio-Physiker am Chaim-Weizman-Institut in der Nähe von Tel Aviv, orthodoxe Juden und achteten auf die Regeln der Religion. Mimi ging als Kind in eine Synagoge, in der Frauen hinter einem Vorhang getrennt von den Männern den Gottesdienst verfolgten. "Die Orthodoxie habe ich verlassen - ohne Streit", sagt sie heute jedoch. "Mein Weg hat sich einfach anders entwickelt." Musik spielte in der Familie stets eine große Rolle; ihre Großväter waren beide in den USA bekannte Musikpädagogen, und so besuchte sie anschließend in Jerusalem die Rubin Academy of Music und schloss eine Flötenstudium ab, bevor sie schließlich zum Gesang - Stimmlage Sopran - fand. Während ihrer Gesangsausbildung in Tel Aviv lernte sie Isaac kennen, der dort als Tenor in der Oper sang und für eine Aufführung von "Die Hochzeit des Figaro" in der Musikhochschule einsprang.

Isaac ist Kind rumänischer Holocaustüberlebender und wuchs in der Stadt Herzlia auf. Über seine Mutter, die zwar traditionelle, aber keine religiöse Jüdin war, kam er als Kind mit der liturgischen Musik in Verbindung. Er fing zwar auch früh an, sich für die Oper zu begeistern, wurde aber dennoch zunächst Sänger in einer Rockgruppe, die semi-professionell durch die Lande zog. Schließlich heiratete er seine erste Frau vor Mimi - mit der er zwei heute erwachsene und in Israel lebende Kinder hat - und arbeitete als Landvermesser und in einer Bank. Aber nebenher sang er in einem Chor und als schließlich Mitte der 80er Jahre eine neue Oper in Tel Aviv eröffnete, wurde er dort eingestellt.

Kantorin sein? Niemals!

Nach ihrer Hochzeit zu Beginn der neunziger Jahre gingen die Sheffers nach New York, um dort weiter an ihren Stimmen zu arbeiten und bei einer amerikanischen Lehrerin - Joan Caplan - eine neue Technik zu lernen. Zunächst war es Mimi, die eine Kantorenstelle in der West-End-Synagoge antrat, um zusätzliches Geld in die Kasse zu bekommen. "Ich hätte es mir zuvor nicht vorstellen können, Kantorin zu sein", sagt sie. "Ich hatte das wegen meiner orthodoxen Herkunft ja noch nie vorher gemacht." Es wurde bald mehr als ein Job. "Ich dachte, das mit der Religion hätte sich für mich erledigt, aber es war nicht so."

Auch Isaac hatte in den USA in einem Synagogenchor gesungen und sprang in der bekannten Hebrew Tabernacle Synagoge in New York für einen erkrankten Kantor ein. Mit Hilfe seiner mittlerweile in diesem Fach schon erfahreneren Frau bereitet er die Liturgie vor und wurde nach dem Gottesdienst von der begeisterten Gemeinde prompt gebeten, weiter zu singen. Dass der kantorale Gesang sein Weg sein könnte, wurde ihm selbst erst bewusst, als er am Holocaustgedenktag das Trauergebet "El Male Rachamim" sang. Er erkannte wie seine Frau zuvor, dass es für ihn mehr als Job war, in einer Synagoge die jüdische Liturgie zu singen. "Zum ersten Mal konnte ich fast nicht mehr weitersingen. Ich wurde nach meinem Großvater benannt, der in Rumänien ermordet wurde", sagt er. "Und damit kam alles zusammen - ich hatte das Gefühl, dass ich eine Aufgabe hatte."

Schon während ihre Zeit in der USA hatten sie geplant, nach Abschluss ihrer dortigen Ausbildung in Deutschland zu arbeiten. Obwohl Mimi die amerikanische Staatsbürgerschaft besitzt, hatte sie Schwierigkeiten mit der amerikanischen Kultur und da beide sich hier bessere Chancen als Künstler erhofften, kamen sie 1994 schließlich nach Berlin. Es sollte sich jedoch als sehr schwer für sie erweisen, als Außenstehende in der künstlerischen Szene Fuß zu fassen, so dass sie zunächst in einem völlig anderen Bereich jobbten. Isaac begann schon Mitte der neunziger Jahre, gemeinsam mit Estrongo Nachama zu den hohen Feiertagen zu singen: "Das hat ihn und mich angestachelt, noch besser zu werden." 1998 wurde er dann einer von derzeit drei fest angestellten Kantoren der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. "Als Kantor reicht es nicht, nur singen zu können", sagt Isaac. Man müsse die ganze Liturgie auch selbst emotional erfahren. "Als Kantor möchte ich die Synagoge mit Leben erfüllen."

Mimis Karriere schien hingegen zunächst in einer Sackgasse gelandet zu sein. "Irgendwann dachte ich, dass ich nie wieder singen würde", sagt sie. 1998 trat jedoch eine weitere Änderung in ihr Leben: Die Sheffers bekamen einen Jungen. "Nachdem Shalev da war, wollte ich auch wieder singen", sagt Mimi. Sie begann wieder, Konzerte zu geben. Da sie vorher schon Gesangsunterricht gegeben hatte, bekam sie über eine Schülerin Kontakt zur Synagoge in der Oranienburger Straße, wo erst seit kurzer Zeit wieder Gottesdienste abgehalten werden. Schließlich wurde ihr im vergangen Jahr erstmals angetragen, auch zu den hohen Feiertagen zu singen. Obwohl ihr Auftritt dort eine einmalige Aktion sein sollte, hat sie sich entschieden, auch in diesem Jahr wieder dabei zu sein. Es reizt sie jetzt, dort eine neue, eigene Tradition gemeinsam mit den Betern zu schaffen, mit der sie die verschiedenen Strömungen in der als liberal geltenden Synagoge zusammenzubringen könnte.

Eine CD mit dem Dom-Organisten

Beide treten auch weiterhin in anderen Fächern auf. Unlängst hat das Ehepaar gemeinsam mit dem Organisten des Berliner Doms Michael Seifried eine CD aufgenommen, Mimi ist im Rahmen des Kirchentages im vergangenen Jahr mit dem Klarinettisten Giora Feidman aufgetreten. "Inter-Religiösität ist mir sehr wichtig", sagt Mimi. "Es wird keinen Frieden ohne gegenseitiges Kennenlernen geben." Isaac hat vor kurzem sogar mit zwei anderen Sängern das Belcanto-Repertoire der drei Tenöre aufgeführt; unter anderem in der St. Marien-Kirche in Wittenberg, wo noch heute die mittelalterliche Abbildung einer "Judensau" zu sehen ist, dem mittelalterlichen antisemitischen Spottbild. Darunter mahnt eine neuzeitliche Gedenkplatte, die Geschichte des Holocausts nicht zu vergessen. Genau dort sang Isaac wieder das "El Male Rachamim". "Als er da stand und sang, da wurde mir bewusst, wofür das Schicksal uns hergeführt hat", sagt Mimi.

Dass sie in Deutschland leben, war für die beiden nie ein Problem - "eher für unsere Umgebung", sagt Mimi. Sie selbst empfindet, dass die Geschichte in Deutschland intensiv aufgearbeitet wird, dass hier ein Bewusstsein für die historische Verantwortung und eine Bereitschaft zum Dialog vorhanden sind - ein Dialog, in den sie gerne eintritt.

Am 9. November sang Isaac vor der Neuen Synagoge abermals das "El Male Rachamim" - so, wie es Estrongo Nachama es stets getan hatte: mit der Nennung aller Vernichtungslager der Nazis. Obwohl mehr als Hunderttausend gekommen waren, um gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus zu demonstrieren, wurde die Menge während des Gesangs sehr still.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar