Berliner Kirchen : Alle Jahre wieder: Wegen Überfüllung geschlossen

Am Heiligen Abend stürmen die Berliner die Gotteshäuser - gute Plätze sind da knapp. Für den Berliner Dom werden deshalb Eintrittskarten an Gemeindemitglieder ausgegeben, die ihnen einen Sitzplatz garantieren. Was halten Sie von dieser Lösung? Ist es gerecht, Kirchensteuerzahler bevorzugt zu behandeln? Diskutieren Sie mit.

Claudia Keller
Gottesdenst
Bis auf den letzten Platz. Im Berliner Dom brachte der Besucherandrang Heiligabend oft Ärger mit sich. -Foto: ddp

Auf den meisten Kirchenbänken findet man das Jahr über ohne Probleme einen Platz. Nicht aber am Heiligen Abend. Wer dann einen Sitzplatz haben will, muss vielerorts schon eine halbe Stunde früher anstehen. Und von Jahr zu Jahr werden es mehr. Vergangenes Weihnachtsfest besuchten 246.000 Berliner die evangelischen Heiligabend-Gottesdienste. An einem normalen Sonntag im Kirchenjahr sind es im Schnitt 17.000.

Besonders groß ist die Platznot in den prominenten Kirchen wie dem Berliner Dom. Vor zwei Jahren hatten sich dort am Eingang Besucher laut darüber beschwert, dass sie nicht eingelassen wurden, weil die Kirche schon überfüllt war. Es kam zu Tumulten, man fürchtete um die Sicherheit der Besucher, sagt Dom-Sprecherin Antje Zimmermann. Sie kann aber auch die Empörung der Gemeindemitglieder verstehen. „Es ist schon misslich, wenn Mitglieder der Gemeinde, die das ganze Jahr über zum Gottesdienst kommen, gerade am Heiligen Abend nicht eingelassen werden.“ Deshalb konnten sich vergangenes Jahr Mitglieder der Domgemeinde kostenlose Karten im Gemeindebüro abholen, die ihnen einen Sitzplatz garantierten. Die Domgemeinde hat 1100 Mitglieder, der Dom hat 1600 Sitzplätze. Man hatte einen Block von 300 Plätzen für die Gemeinde frei gehalten, Gemeindemitglieder mit Karte wurden durch einen extra Eingang eingeschleust. Das System habe sich bewährt, sagt Zimmermann. Deshalb werde man auch dieses Jahr wieder Einlasskarten vergeben.

Nun hat die Domgemeinde den Vorteil gegenüber anderen Gemeinden, dass es leicht festzustellen ist, wer dazu gehört und wer nicht. Da der Eintritt in den Berliner Dom etwas kostet, hat jedes Gemeindemitglied sowieso einen Ausweis, der den Gratisbesuch ermöglicht.

Jesus kennt keine Zwei-Klassen-Gesellschaft

Auch die beliebte Hochzeits- und Ausflugs-Kirche St. Peter und Paul auf Nikolskoe am Wannsee gibt Eintrittskarten für die Gottesdienste am Heiligen Abend aus, schon seit über zwanzig Jahren. Ausschlaggebend ist hier nicht die Gemeindezugehörigkeit, sondern die rechtzeitige Anmeldung. Ab Oktober konnte man sich per Brief, Telefon oder Internet bewerben, Ende November seien die 400 Karten weg gewesen. „Es muss sich nun niemand umsonst auf den langen Weg zu unserer abgelegenen Kirche machen“, sagt der Küster. Die beiden Gemeinden scheinen bisher die einzigen in Berlin zu sein, die Einlasskarten vergeben. Die Mariengemeinde am Alexanderplatz versucht, „alle in die Kirche zu bekommen“. Bislang habe man das immer geschafft, sagt Pfarrer Johannes Krug, auch wenn die Menschen auf den Stufen sitzen und stehen mussten. Die Marienkirche bietet Platz für knapp 1000 Menschen, zu den Gottesdiensten am 24. Dezember um 15.30 Uhr und um 17 Uhr würden sich 1500 Menschen drängen.

Andere lehnen das System mit den Einlasskarten grundsätzlich ab, wie etwa Stefan Förner, der Sprecher des Erzbistums. „Es darf nicht der Eindruck entstehen, dass es eine Zwei-Klassen-Gesellschaft in der Kirche gibt“, sagt er. Jesus habe alle zum Gottesdienst eingeladen. „Jesus würde nicht fragen, ob jemand Kirchensteuer zahlt oder getauft ist.“ Wer zeitig komme, werde auch eingelassen. Außerdem zeige die Erfahrung: Eine volle Kirche könne immer noch voller werden. Außerdem glaubt er, dass der organisatorische Aufwand mit den Einlasskarten zu groß wäre für eine normale Gemeinde.

Pfarrer Martin Germer von der Gedächtniskirche versteht die Argumente der Kollegen vom Berliner Dom, die die eigenen Mitglieder nicht abweisen wollen. Er ist aber froh, dass er sich die Frage mit den Einlasskarten noch nicht stellen musste. Die Gedächtniskirche ist wegen ihrer Schlichtheit und wohl auch Kühle, die die blauen Glaswände ausstrahlen, nicht die begehrteste Heilig-Abend-Kirche. Trotzdem empfiehlt Germer den Besuchern, eine halbe Stunde früher zu kommen.

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