Berlin : Berliner Leder

In Berlin kann jeder einen passenden Fußballverein finden

Martín E. Hiller

Jeder kennt die Geräuschkulisse: Es wird gebrüllt und gejohlt, dumpfe Schläge sind zu hören, wenn der Fuß das runde Leder trifft. Dazu sieht man Spieler in bunten Trikots oder aber auch verschwitzte kugelbäuchige Herren im Freizeitlook über einen Platz rennen. Ein Bild, das sich dem Berliner überall in der Stadt bietet. Keine Frage, Berlin ist eine Fußballstadt, und zwar nicht nur, was den professionellen Fußball betrifft.

Gerade für Freizeitkicker, die sich nicht unbedingt zu beständigem Training aufraffen, aber dennoch einen halbwegs geregelten Spielbetrieb haben wollen, existiert ein immenses Angebot. Für jene Hobbymannschaften werden offizielle Spiele angesetzt und nicht minder offizielle Tabellen erstellt. Mehr als 500 Mannschaften ringen außerhalb der Vereinsebene um gute Platzierungen. Eine exakte Zahl kann nicht angegeben werden, da sich immer wieder Teams ab- oder neu anmelden.

Zwischen Zoo und Feuerwehr

Teilweise können diese auch auf- und absteigen wie im richtigen Vereinsfußball. Es müssen nur genügend Mannschaften am Start sein, um verschiedene Spielklassen aufzustellen – so wie es etwa im Betriebssport der Fall ist. Inklusive Senioren und Kleinfeldspielern kämpfen derzeit 168 Betriebsmannschaften aus den verschiedensten Bereichen um Punkte und Positionen. Der Zoo ist ebenso vertreten wie das Auswärtige Amt oder die Feuerwehr. Und da geht es schon um viel Prestige. Es kursieren Gerüchte von Unternehmen, die in der Vergangenheit Fachkräfte eingestellt haben sollen, die nichts zum Vorankommen des eigentlichen Betriebes, dafür aber umso mehr zum Erfolg der Werksmannschaft beitragen konnten.

Ein wenig entspannter geht es da in der aus immerhin fünf Klassen bestehenden Bistumsliga Berlin zu, wo sich aus katholischen Mitbürgern zusammengesetzte Mannschaften sportlich begegnen, wo etwa Heilig Kreuz gegen Maria Frieden antritt. Die Bistumsliga ist übrigens keinesfalls zu verwechseln mit der auch Evangelen offenen Kirchenliga Berlin, die ihrerseits einen eigenen, in zwei Spielklassen gegliederten Spielbetrieb aufgezogen hat.

Nicht nur die Religion, auch der gemeinsame Studiengang, die nationale Herkunft oder die Kiezzugehörigkeit können zur Basis einer Fußballmannschaft oder gar einer ganzen Liga werden. Es gibt eine Drogenliga, in der ehemalige Suchtkranke sich zusammengefunden haben, und eine Fußball-Tennis-Liga, in der Anhänger des weißen Sports dem Leder nachjagen. Der FC Bundestag, das Ü-100-Team der Schwergewichtigen, der Schwerhörigen SC, der Schwule SV Vorspiel – da ist kaum eine gesellschaftliche Gruppe, die sich nicht auch in einer Fußballmannschaft zusammengefunden hätte.

Viele dieser Mannschaften treten in einer der neun Ligen des Verbandes für Freizeitfußball an oder auch in den fünf Staffeln der Parallelorganisation, der Freizeitliga des Berliner Fußballverbandes (BFV). Durch Übertragung vieler organisatorischer Merkmale des Vereinsfußballs schuf der BFV in seinen Freizeitligen eine Struktur, die der des Vereinssports schon recht ähnlich ist.

Zu ähnlich, meinten Mannschaften, die das Kicken wirklich rein zum Vergnügen, respektive als Rahmenveranstaltung zum Biertrinken betreiben. Sie fallen oft durch originelle Namen auf, so wie „Helmut-gib-alles“, deren einziger halbwegs kompetenter Spieler Helmut heißt. Solche Gruppierungen sind häufig in der von der Zentraleinrichtung Hochschulsport (ZEH) betriebenen TU-Liga anzutreffen, in der das Spiel nicht ganz so ernst angegangen wird wie unter der Regie des BFV.

Bereits 1969 gegründet, ist die TU-Liga, in der trotz ihrer Bezeichnung nicht nur Studenten und schon gar nicht nur Angehörige der Technischen Universität am Ball sind, die traditionsreichste ihrer Art in Berlin. Stefan Figura, der mit dem von ihm betreuten Team „Studentendorf“ seit Beginn mit dabei war und einer der ersten Meister wurde, berichtet von den Anfängen: „Im ersten Jahr gab es genau vier Mannschaften, die den Titel unter sich ausmachten. Heute sind es 58 Mannschaften in vier Ligen.“ Der Primus der ersten Liga darf sich Berliner Hochschulmeister nennen und vertritt die Stadt bei den Nordostdeutschen Ausscheidungsspielen zur Deutschen Hochschulmeisterschaft.

Der größte Verein der Welt

„Die lange Vorgeschichte unserer Liga hilft auch, wenn es darum geht, Plätze zu bekommen“, erzählt Figura. Wie andere Freizeitligen muss sich auch die TU-Liga jede Woche bei den Bezirksämtern um Spielorte kümmern. Die Nachfrage ist vor allem in den Innenstadtbezirken groß. Freizeitmannschaften werden erst berücksichtigt, wenn die Vereine versorgt sind. Da schadet es nichts, wenn man den Mann im Bezirksamt und den Platzwart seit Jahren mit Namen kennt. So ist es bei der TU-Liga, die in den Achtzigerjahren an die 100 Mannschaften zählte. „Wir sind der größte Fußballverein der Welt“, sagte damals Armin Kuhlmann, der Gründer der Liga. Berlin ist eben eine Fußballstadt.

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