Berlin : Berliner Mauer: Die Mauerstadt überlebt im Museum

Sonja Ernst

Ziemlich genau 545 000 Besucher zählte das Museum Haus am Checkpoint Charlie im vergangenen Jahr. Damit ist es nach dem Pergamonmuseum das zweitbeliebteste in der Stadt. Immer schneller versinkt die Zeit, von der die Ausstellung in dem Gebäude an der Friedrichstraße erzählt. Seiner Popularität ist das eher förderlich, wurde es doch zu dem zentralen Ort, der über die Zeit der Teilung informiert.

Die Besucher wollen vor allem das Leben und den Alltag der Bürger in Ost und West kennen lernen. "Was war das, die Mauer?" Kenneth und Iris Bonnice versuchen, sich ein Bild zu machen. Die beiden sind aus den USA zu Besuch. Den Einfallsreichtum vieler DDR-Bürger bei ihrer Flucht finden sie unglaublich. Die Geschichten über die Tunnelbauten seien ja fast unheimlich. Wie Melodie Radatti und John Kinnane aus Australien vermissen sie allerdings in der Ausstellung den Blick auf den Alltag im Osten. "War das sehr anders als im Westen?"

John und Peppie Grace sind aus England angereist. Es ist ihr zweiter Besuch in Berlin, und das Museum am Checkpoint steht wieder auf ihrer "Unternehmungsliste". John Grace war Geschichtslehrer, sein Interesse an der Vergangenheit ist fast unstillbar. Sie schauen sich einen Video an, das einen Zusammenschnitt der Geschehnisse an der Mauer am 9. November 1989 zeigt. Vor dem kleinen Fernseher verweilen viele der Besucher. Sie sind beeindruckt von dem Jubel und den lachenden und weinenden Menschen, die über den Bildschirm flimmern. Auch John und Peppie Grace sind begeistert. "Wir haben hier viele Eindrücke und Emotionen gesammelt."

Das Museum ist im Laufe der Jahre immer weitergewachsen. Es kamen neue Räume hinzu, heute erstreckt es sich auch in die angrenzenden Gebäude. Doch der Raum bleibt beengt. Treppe rauf und Treppe runter, Gedränge und Geschiebe, vorbei an den vielen Ausstellungsstücken. Oft erzählen sie Fluchtgeschichten von DDR-Bürgern: ein selbst gebautes Mini-U-Boot, das zugleich zu einer "revolutionären" Erfindung wurde, der selbst gebaute Heißluftballon, der 1979 einer Familie zur Flucht verhalf; ein monströses Schweißgerät. Es sollen Einzelschicksale erzählt werden, aber oft drängt sich das Kuriose in den Vordergrund. Man fühlt sich an James-Bond-Filme erinnert, fast als habe sein Waffenmeister Q hier miterfunden. In einem der ausgestellten Autos, einem schwarzen Mini, kann nach einer versteckten Puppe gesucht werden. Man findet sie im Beifahrersitz versteckt. Das Schaumstoffgesicht, das einen anblickt, kann wohl kaum die Angst der Frau widerspiegeln, die auf diesem Wege der DDR entfloh. Die Bildtafeln und Erläuterungen sind mit technischen Daten gespickt.

Auch wird nur wenig Aufmerksamkeit den unspektakulären Schicksalen geschenkt, wie dem der Familie Gerisch. Sie demonstrierte 1974 in Ost-Berlin gegen das Unrecht in der DDR. Die Eltern wurden zu vier und sechs Jahren Zuchthaus verurteilt, und die Kinder in staatlichen Heimen untergebracht.

Die Besucher Berlins wollen sich informieren und das Geschehene verstehen. Aber sollte Kurioses im Vordergrund stehen? Viele Aspekte der Teilung werden nicht behandelt. Das Leben vor und hinter der Mauer, was bedeutete es? Nur wenige Erinnerungen an die Bürgerrechtsbewegung lassen sich finden. Auch taucht zwischen den Ausstellungsstücken und den Bildtafeln, die nicht immer neuen pädagogischen Maßstäben entsprechen, immer wieder zeitgenössische Kunst auf. So bleibt die Ausstellung ein wenig ein Sammelsurium.

Das Museum am Checkpoint Charlie habe natürlich weniger Ausstellungsfläche als das Pergamonmuseum, aber das sei nicht weiter schlimm, sagt Alexandra Hildebrandt, Vorstandsmitglied des Museums und Frau des Direktors Rainer Hildebrandt. "Irgendwie geht das schon. Die Besucherzahlen können wachsen." Der Checkpoint sei der richtige Ort für das Museum, einen Umzug kann sie sich nicht vorstellen. Aber was hat Checkpoint Charlie an Authentizität bewahrt? Da ist das Originalschild, das weiterhin warnt "Achtung! Sie verlassen den amerikanischen Sektor." Der Nachbau des alliierten Kontrollhäuschens steht seit Mitte August wieder auf der Fahrbahnmitte der Friedrichstrasse. Der nahe DDR-Wachturm aber wurde in der vergangenen Woche abgerissen. Er erinnerte noch am ehesten an die Situation am Grenzübergang. Nun wich er dem Streben nach Profit.

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