Berliner Mauer : Fotos aus der Fremde

Die Neugier auf die Geschichte des "antifaschistischen Schutzwalls" wächst von Generation zu Generation. Zum Jahrestag der Errichtung der Mauer haben die Buchhändler besonders viel zu tun, der großen Nachfrage nachzukommen. Immer häufiger sind Bildbände gefragt, weil die Geschichte für viele so unvorstellbar ist.

Lothar Heinke

Gleich vorn am Eingang zu dem weiträumigen Geschäft Unter den Linden 26 steht eine Mauer aus Büchern. Sie haben alle das gleiche Thema: The Wall. Le Mur. Il Muro. El Muro. Das steinerne Monstrum gibt es außerdem als Hauptdarsteller im Film, auf DVD oder zu handlichen Bröckchen zerschreddert mit Echtheitszertifikat fürs heimische Bücherregal. In der Buchhandlung Berlin Story in den Kaiserhöfen hat alles, was mit dem Bau der Mauer und seinen Folgen zusammenhängt, oberste Priorität. 47 Jahre nach der Errichtung des „antifaschistischen Schutzwalls“ am 13. August 1961 und 19 Jahre nach dem Fall des Betonwalls, der die Stadt zu Lande und zu Wasser geteilt hatte, stehen die Wünsche nach Einzelheiten zur Mauer an erster Stelle. „Die Zeugnisse unserer jüngsten Zeitepoche haben die der Nazi-Zeit hinter sich gelassen und alles Preußische auf den dritten Platz verwiesen“, sagt Wieland Giebel, der Buchhändler und Verleger. „Wir leben in einer Stadt, in der Preußen, das ,Dritte Reich‘, der zweite Weltkrieg und die Teilung ihre Spuren hinterlassen haben. Damit ist eine unglaubliche Neugier entstanden. Die nimmt nicht ab, sondern wächst, vor allem bei der jungen Generation, die heute an die Spree kommt, guckt und staunt.“

Die Touristen, deren Zahlen stetig steigen, reisen mit ihren Stadtführern in der Hand gut vorbereitet herum. Waren früher lange Texte über das Leben beiderseits der Mauer gefragt, sind es heute vornehmlich Fotos und Bilder, die Authentizität vermitteln. „Und dann prasseln die Fragen nur so auf uns ein“, sagt Katharina Schering, eine aus Giebels Berlin- Story-Team. Zuerst möchten die Leute wissen, ob sie hier im Osten oder im Westen sind – den Osten haben sie sich viel grauer und zerfallener vorgestellt. „Dann fragen sie, aus welchem Teil Berlins wir kommen. Und wir erzählen, wie das war mit der Mauer quer durch die Stadt, durch die Spree, durch Familien, Telefonleitungen, Straßen, Plätze und Stromkabel.“ Das Erstaunen ist groß, denn was sie hören, die Gäste aus der Ferne, ist unvorstellbar, wahrhaft einmalig – und doch erst vor kurzem zu Ende gegangen.

Wieland Giebel meint, dass eigentlich keine Stelle in der Stadt existiert, die den Schauer der Mauer zu vermitteln vermag, „vielleicht noch das Checkpoint-Charlie-Museum, weil es mit seinen Sach- und Zeitzeugnissen große Emotionen weckt.“ So sind Bilderbücher gefragt, immer neu und immer mehr. Zuletzt eins über SO 36, in dem Peter Frischmuth Kreuzberger Tage und Nächte aus dem Jahr 1982 mit denen von 2007 vergleicht. „Die Berliner Mauer 1961 – 1989“ ist, versehen mit einer DVD, deshalb so spannend, weil zum Teil noch nie gezeigte Fotos aus dem Landesarchiv versammelt und von Volker Viergutz mit klugen Texten versehen sind. Dies Bilderbuch gibt es in vielen Sprachen, es ist der Renner schlechthin. Wieland Giebel: „Lieber verkaufe ich ein Stückchen Mauer als einen Berliner Bären, denn mit jedem Brocken nimmt der Gast ein bisschen Geschichte aus dieser zersplitterten Stadt mit nach Hause.“

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