Berliner Neutralitätsgesetz : Die Kreuzdebatte: Lehrerin bricht ihr Schweigen

Das „Kruzifix“ am Hals einer Lehrerin entpuppt sich als kleiner Anhänger, und der angeblich anstößige Fisch sieht aus wie ein Urlaubssouvenir. Die Geschichte eines Missverständnisses.

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Streitbare Anhänger: Über den Schmuck einer Lehrerin aus Wedding wurde viel diskutiert.
Streitbare Anhänger: Über den Schmuck einer Lehrerin aus Wedding wurde viel diskutiert.Foto: Thilo Rückeis

Das Kreuz war immer dabei. „Bei meiner Einstellung in Neukölln, 2004 beim Wechsel nach Wedding, einfach immer. Es gab nie ein Problem.“ Da ist sich Heike Mendel, die eigentlich anders heißt, ganz sicher. „Auch keine Beschwerden von Schülern oder Eltern“. Aber seit dem Januar 2017 ist alles anders, und seither hängt an ihrer Halskette ein kleiner Fisch. Aber auch der sollte weg. Oder auch nicht. So genau weiß das in diesen Tagen niemand.

Rund um das Berliner Neutralitätsgesetz ist ein großes Tohuwabohu entstanden. Erst wegen klagender muslimischer Lehrerinnen mit Kopftuch, inzwischen wegen Heike Mendel und ihres christlichen Kreuzes. Darum soll es zwölf Jahre nach Inkrafttreten des besagten Gesetzes im Sommer endlich eine „Handreichung“ geben, kündigt die Bildungsverwaltung an – die Schulen sollen wissen, was sie tun können, wenn das nächste Mal ein Fisch, ein Kreuz, ein Davidstern oder ein Kopftuch auftaucht.

Was ist erlaubt, was ist verboten? Diese Frage ist kaum zu beantworten, denn das Neutralitätsgesetz ist nicht eindeutig. Zwar steht dort scheinbar klar, dass in den Grund- und Oberschulen keine sichtbaren religiösen oder weltanschaulichen Symbole getragen werden dürfen, „die für den Betrachter eine Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religions- oder Weltanschauungsgemeinschaft demonstrieren“.

Aber: Was heißt schon „sichtbar“? Und was heißt „demonstrieren“?

Die Senatorin hat nichts gegen ein "Schmuckstück"

Eine kleine Interpretationshilfe lieferte Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) nach Bekanntwerden der Kreuz-Angelegenheit im April: Sie habe nichts gegen ein „Schmuckstück“. Im Übrigen spiele bei der Bewertung auch etwa die Größe eines Symbols eine Rolle.

Schmuckstück. Größe. Über das Kreuz von Heike Mendel wurde viel spekuliert. Mancher malte sich einen Anhänger päpstlichen Formates aus. Von einem „Kruzifix“, also einem Kreuz mit der Darstellung des gekreuzigten Christus, war gern die Rede. Und als dann vor zwei Wochen kolportiert wurde, dass Mendel neuerdings einen Fisch trage, der nach Art des christlichen Ichthys-Symbols gefertigt sei, schossen die Spekulationen erneut ins Kraut, was das Aussehen des Anhängers anbelangte.

„Mein Kreuz ist genau 2,8 Zentimeter groß“

Da ist Heike Mendel der Geduldsfaden gerissen. „Mein Kreuz ist genau 2,8 Zentimeter groß“, betont sie und holt es aus ihrer Handtasche. Sie hat es extra mitgebracht zum Tagesspiegel und stellt es für ein Foto zur Verfügung, damit sich die Öffentlichkeit ein Bild von dem umstrittenen Goldanhänger machen kann. Und an ihrem Hals hängt ein kleiner Fisch. Tatsächlich. Aber er ist noch kleiner als das Kreuz. Ganz filigran. Unvoreingenommene Betrachter würden ihn für ein Urlaubsmitbringsel halten.

Die Bildungsverwaltung sah das zunächst weniger entspannt. Es handele sich um ein christliches Ichthys-Symbol. Darum führe „die Schulleitung dazu mit ihr ein Gespräch“, lautete die Auskunft vor einer Woche. Allerdings trug die Lehrerin den neuen Anhänger da bereits seit vier Monaten: Offenbar war es den Verantwortlichen erst aufgefallen, nachdem es in den Medien aufgetaucht war. Sieht ja auch nur aus wie ein harmloser Fisch. Und ist bei genauer Betrachtung nicht einmal ein Ichthys-Symbol, denn die Linien laufen nicht offen aus, sondern sind hinten durch einen senkrechte Linie verbunden, sodass ihr Fisch eine dreieckige Schwanzflosse hat.

Der Fisch ist plötzlich kein Problem

Sind Fische also generell tabu, sobald die Trägerin damit den christlichen Glauben assoziiert? Eher nicht: Kurz nachdem die Verwaltungssprecherin ausgeführt hatte, dass wegen des Fisches ein „Gespräch“ mit der Lehrerin geführt werden müsse, schlug Bildungsstaatssekretär Mark Rackles (SPD) im Abgeordnetenhaus einen anderen Ton an: „Der Fisch als solcher ist aus Berliner Sicht kein Problem und darf weiterhin in Schulen getragen werden“, stellte er auf Anfrage der CDU-Abgeordneten Cornelia Seibeld am 18. Mai im Plenum klar. Im Übrigen gehe es um „Abwägungsfragen“: Ein „Fischchen“ sei etwas anderes, als „wenn ich mit einem Holzkreuz in eine Klasse von Sechsjährigen komme und sage: Kinder, schaut her, es ist das Christentum!“

Damit wird die Sache vollends verworren, denn das Kreuz der Lehrerin ist so unauffällig, dass es zwölf Jahre lang trotz Neutralitätsgesetz keinen Anstoß erregte. Warum also dann im Januar? Wer hat das Kreuz beanstandet?

Dazu ist bislang nichts zu erfahren. Bekannt ist nur, dass es plötzlich die Aufforderung gab, es abzunehmen, und dass sich Heike Mendel daraufhin an ihren Seelsorger wandte, der den Vorfall anonym in der Synode thematisierte. So wurde die Sache im April bekannt.

Der Staatsekretär spricht über "Verfahren". Darf er das?

Inzwischen hat die Auseinandersetzung aber eine weitere Dimension bekommen, und das liegt an Staatssekretär Rackles. Er ließ im besagten Plenum am 18. Mai die Abgeordneten wissen, dass es „im konkreten Fall weit über die religiöse Frage hinausgeht“. In Bezug auf „diese Dienstkraft“ liefen „zurzeit verschiedene Verfahren“. Es gehe also „weniger um das Symbol als um das Gesamtverhalten“.

Das allerdings lässt aufhorchen. Wird da ein ganz neues Fass auf- und ein anderes zugemacht? Und wie kommt es, dass im Plenum einfach so über „Verfahren“ gegen öffentlich Bedienstete berichtet wird?

„So etwas sollte man nicht preisgeben“, wundert sich denn auch der Vizevorsitzende des Gesamtpersonalrats, Dieter Haase. Schließlich sei nicht klar, ob die Anonymität der Lehrerin auch künftig gewahrt werde, und an der Schule selbst sei diese Aussage des Staatssekretärs ja ohnehin leicht zuzuordnen.

Wie ein Talisman im rauen Alltag

Heike Mendel ist denn auch verunsichert durch Rackles’ Äußerung. Längst leidet sie unter der öffentlichen Diskussion, die sie mitunter als „eine Art Hexenjagd“ empfunden habe, fasst sie das zusammen, was über sie gekommen ist in den letzten Wochen. Etwa die Behauptung, dass sie mit ihren Kettenanhängern „provozieren“ wolle. Sie versteht nicht, wie es so weit kommen konnte. Ja, sie ist Christin, ja, das Kreuz hat sie aus Überzeugung getragen, seit sie es vor etwa 20 Jahren geschenkt bekommen hatte. Und als sie das nicht mehr durfte, da hat ihr der kleine Fisch geholfen, diese Lücke zu füllen – wie ein Talisman im rauen Alltag.

Und was ist mit den „Verfahren“, von denen Rackles sprach? Darüber darf sie nicht reden – eine Verpflichtung aus dem Beamtendienstrecht. Da möchte sie keinen Fehler machen. Aber so viel sagt sie dann schon: dass sie sich nicht alles gefallen lasse, dass sie Dinge thematisiere, die schlecht laufen. Das stoße eben auf Widerstand.

Und dann sagt sie noch, dass sie gern an ihrer Schule im Wedding bleiben möchte. Denn sie stammt aus Wedding, und dort fühlt sie sich zu Hause.

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