Berliner Norweger trauern : In Gedanken daheim

Berlins Norweger sind über die Anschläge vom Freitag entsetzt. Vor der Botschaft werden Blumen abgelegt, ein Kondolenzbuch hilft bei der Trauerarbeit.

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Foto: dapd

Die Flaggen der skandinavischen Staaten wehen auf halbmast. Vor dem Banner Norwegens haben Menschen Blumensträuße niedergelegt. Drinnen, im „Fælleshus“ der nordischen Botschaften an der Rauchstraße in Tiergarten, läuft der Fernseher. NRK 1, das norwegische Staatsfernsehen, berichtet live aus Oslo. Touristen und Botschaftsangestellte haben sich vor dem Bildschirm versammelt – sie sind sichtlich entsetzt über den Bombenanschlag in Oslo und den Amoklauf im Sommerlager der Arbeiterpartei auf Utøja, bei dem am Freitagabend über 90 Menschen ums Leben kamen.

„Das war ein absoluter Schock“, sagt Torjus Sivertsen. Am Donnerstag ist er aus seiner Heimatstadt Stavanger im Südwesten Norwegens für ein verlängertes Wochenende nach Berlin gekommen, am Freitag schaltete er kurz den Fernseher an. Da sah er im deutschen Fernsehen die Bilder aus Norwegen, der Tatverdächtige ist offensichtlich ein Rechtsextremer. „Nie, niemals habe ich mir so etwas in Norwegen vorstellen können“, sagt der Leiter eines Unternehmens für Sozialdienstleistungen. „Wir sind doch ein friedliches Land.“

Zur Botschaft sei er gekommen, um sich zu informieren – in Deutschland könne man das norwegische Fernsehen sonst ja nicht empfangen. „Ich hoffe, dass es wirklich nur ein Verrückter war, dann ist es für unser Land leichter zu ertragen“, sagt Sivertsen. Ähnlich sieht es Geir Myklebust: Der Mitarbeiter der norwegischen Seemannsmission macht sich Sorgen um die Eltern, die ihre Kinder im Ferienlager auf Utøja hatten. „Man muss sich nur einmal vorstellen, was das für Eltern bedeutet – nicht zu wissen, was mit ihren Kindern ist.“ Der Norweger hofft, dass sich sein Heimatland durch den Anschlag nicht zu sehr verändern wird. „Aber für uns war das am Freitag so wie ein neuer elfter September.“ Und die Norwegische Gesandte in Berlin, Merete Wilhelmsen, spricht von einem „schrecklichen Anschlag auf unsere Gesellschaft“.

Noch am Sonnabend wurde ein Kondolenzbuch in der Botschaft ausgelegt, in dem auch die rund 1100 in Berlin lebenden Norweger ihre Anteilnahme zum Ausdruck bringen können. Am Sonnabend standen viele Berliner schon in einer Schlange an. Der Vorsitzende der Berliner SPD, Michael Müller, legte Blumen nieder, um seine Solidarität mit der norwegischen Arbeiterpartei auszudrücken, wie zudem SPD-Parteichef Sigmar Gabriel. Auch Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit, Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck und der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Präses Nikolaus Schneider, verurteilten die Anschläge.

Gemeinsam getrauert wurde gestern auch in der Schöneberger Zwölf-Apostel-Kirchengemeinde. Dort hatte die ökumenische Rogate-Initiative ihr an jedem Samstag stattfindendes Mittagsgebet den Opfern der Anschläge gewidmet. „Für uns Christen ist es eine Pflicht, denen beizustehen, die in Not sind“, sagt Frater Franziskus. „Und das Gebet zu Gott ist dabei die vornehmste Aufgabe eines Christenmenschen.“ Während das Totenglöckchen des Gotteshauses erklang, zündeten die gut 20 Menschen in der Kirche Kerzen an – am Feuer der Osterkerze, deren Licht in den christlichen Kirchen die Hoffnung auf die Auferstehung symbolisieren soll. Alte Choräle wie Martin Luthers „Ein feste Burg ist unser Gott“ gaben den Menschen in der Kirche Kraft, auch einer Vertreterin der norwegischen Gemeinde, die das Evangelium auf Norwegisch vorlas. Am heutigen Sonntag will die kleine Kirchengemeinde, die sich in der Wilmersdorfer Landhausstraße ihre Räume mit der schwedischen Victoriagemeinde teilt, selbst eine Fürbittandacht feiern – ohne Pastor Tormod Westermoen, der sich gerade auf Urlaub in Norwegen befindet. „Dass bei uns, in unserem kleinen Land, so etwas passieren kann“, sagt Gemeindesekretärin Kjersti Hersthagen Kazior, die in Berlin die Stellung hält. „Man ist einfach fassungslos.“

Das ganze Wochenende über will die Gemeindesekretärin die Kirchenräume offen halten: Norweger, die gerade in Berlin sind, sollen einen Ort haben, um mit Landsleuten ins Gespräch kommen zu können, alles verarbeiten zu können.

Anderswo dagegen ging das Leben weiter: Im Norwegischen Restaurant Munchs Hus am Bülowbogen war Kellner Dennis eher irritiert vom großen Medieninteresse, das nach den Anschlägen plötzlich über Berlins einziges norwegisches Restaurant hereinbrach. „Der Chef ist im Urlaub in Norwegen“, sagte der Mitarbeiter, während er die Regale mit den Spirituosenflaschen putzte. Ansonsten sei das für das Restaurant ein ganz normales Wochenende: Dass sich die Anschläge in Oslo plötzlich in mehr oder weniger Gästen niederschlagen, könne er sich nicht vorstellen.

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