Berliner Originale : Der Kneipenwirt aus dem Wedding

Schon als Kind wollte Ernst Voß eine Kneipe haben. Im „Nachtschwärmer bei Ernst“ treffen sich Gäste am Tresen und Musiker auf der Bühne.

Lucia Jay Seldeneck
Lautstark. Seit 22 Jahren kümmert sich Ernst Voß um die Nachtschwärmer in Wedding.
Lautstark. Seit 22 Jahren kümmert sich Ernst Voß um die Nachtschwärmer in Wedding.Foto: Verena Eidel

Er ist überall. Am Tresen, an jedem einzelnen Tisch und auch im hinteren Raum mit der kleinen Bühne. Denn seine Stimme übertönt alles und jeden. Auch am frühen Abend, wenn sich die ersten Gäste im „Nachtschwärmer bei Ernst“ einfinden, denen Ernst Voß ohne ein Wort der Bestellung ein Bier zapft und zum Platz bringt, dröhnt seine Stimme bis in jeden Winkel der drei Räume. Wenn er mit seinem leicht norddeutschen Tonfall loslegt, dann hört sich das so an, als müsse Ernst Voß gegen einen brausenden Sturm ansprechen. Der Sturm ist seine Kneipe.

Seit nunmehr 22 Jahren kümmert er sich jetzt hier im Wedding um die Nachtschwärmer, die längst aus allen Teilen der Stadt zu ihm kommen. Jeden Abend. „Das ist mein Wohnzimmer.“ Mit ausladender Handbewegung deutet er auf die Decke über dem Tresen: „Oben drüber schlafe ich“, und zeigt dann auf die Wand: „Und nebenan ist das Büro.“

"Ihr seid laaaangweilig!“

„Ohne Ernst läuft hier nichts“, ruft einer vom Tresen rüber. Aber das hat man schon längst begriffen. Schon als man durch die Tür getreten ist. Denn Ernst Voß mustert jeden, der hier reinkommt. Er fragt nach dem Namen und wo man so herkommt. „Ich muss wissen, mit wem ich es zu tun habe“, schmettert er über alle Köpfe hinweg.

Manchmal kommt ein Kommentar aus einer entlegenen Ecke seiner Kneipe zu ihm zurück – dann sieht Ernst Voß zufrieden aus. Die Verbindung ist da. „Mein Job ist es, die Leute miteinander bekannt zu machen.“ Schließlich, beteuert er noch lauthals, wisse er ganz genau, wie jeder Einzelne hier ticke. Und wenn die Stimmung mal abzuflauen droht, dann braucht er nicht lange, um die Ruder wieder herumzureißen: „Ihr seid laaaangweilig!“ schreit er seinen Gästen zu, und zwar so lange, bis sich wieder etwas mehr regt.

"Heute kommt eine Band - total durchgeknallt!"

Und dann ist da noch die Musik. Freitag ist Jazz, Samstag ist Rock. „Das hat sich so ergeben.“ Die Ersten haben gefragt, ob sie mal auftreten können. Und inzwischen muss Ernst Voß sehen, dass er alle unterbringen kann auf der Bühne, die er vor einigen Jahren vergrößern musste. „Heute zum Beispiel“, ruft Ernst Voß, „kommt eine neue Band – total durchgeknallt“, fügt er freudig hinzu. Inzwischen kommen Musiker aus ganz Europa „nach Ernst“, erzählt er.

Und wenn es dann wieder mal rappelvoll ist, vorne, hinten, am Tresen – und niemand mehr durchkommt, dann, ja dann bekomme er schon mal die Manschetten, bekennt der Weddinger Wirt in leicht vornübergebeugter Haltung mit einem ihm eigenen und ganz und gar unnachahmbaren lautstarken Flüstern. „Und jetzt frag mal, was mir wirklich peinlich ist!“, poltert er kurz darauf wieder los. „Was ist dir wirklich peinlich? – „Wenn ich nachts um halb drei Leute wieder nach Hause schicken muss, weil es einfach zu voll ist.“ Er lacht.

„Jetzt bin ich hier der Seelsorger“

Schon als Kind war das hier sein Traum, erzählt er. Als neuntes von zehn Geschwistern habe er eigentlich nie etwas gemacht, was ihm keinen Spaß gemacht hätte. Er hat Koch gelernt, dann zu DDR-Zeiten in Pankow ein Lokal geführt, dann kamen die Kinder und dann die Wende. Und dann, ja dann hat jemand gefragt: „Mensch Ernst, willste nicht ne Kneipe haben?“ Und so kam irgendwie eins zum anderen. „Und jetzt bin ich hier der Seelsorger“. Er lacht und ruft so laut, dass es bestimmt auf der Straße auch noch zu hören ist: „Nee, Quatsch: Menschenfreund ist besser.“

Und zu besonderen Anlässen bekocht der Wirt auch seine Gäste. 100 Plätze gibt es dann. „Dann geht es mir richtig gut.“ Und das sei ja das Wichtigste, sagt Voß. „Denn, es ist schließlich mein Wohnzimmer, oder?“ Aber, so erklärt der Wirt, von allein laufe das ja auch nicht. Man müsse schon durchhalten können. Und gut organisiert sein.

Nach der Kneipe ist vor der Kneipe

Aber so langsam will sich der 60-Jährige aus dem Nachtleben zurückziehen. Und zwar im Sommer 2018. Dann will Ernst Voß eine Planwagenfahrt machen – bis hinter Sankt Petersburg in Russland. Und dann will er sich in sein blaues Häuschen im nordischen Flachland zurückziehen. Unten in dem Haus war mal ein chinesisches Restaurant, erzählt er. „Vielleicht mach’ ich da dann eine Kneipe auf“, überlegt er. „Der Tresen ist ja schon drin.“

Nachtschwärmer bei Ernst, Sprengelstraße 15, Wedding

Kneipenwirt Ernst Voß' Lieblingsort in Berlin:

Das Carillon im Tiergarten, John-Foster-Dulles-Allee 10

Was diesen Ort so besonders macht: „Wenn man am Sonntag eine Radtour in den Tiergarten macht so im Mai oder Juni, dann hört man das Glockenspiel schon von Weitem. Und dann setzt man sich unter dem Turm auf die Wiese – ob mit oder ohne Picknick – und hört zu. Das gefällt mir!“

Von den Autorinnen erschien bereits: „111 Berliner, die man kennenlernen sollte“ (Emons Verlag, 230 Seiten, 16,95 Euro). Nun begeben sich Lucia Jay von Seldeneck und Verena Eidel für uns auf die Suche nach noch mehr Berlinern. Bisher unter anderem erschienen: Lizzy Scharnofske, das lebende Schlagzeug - Andreas Zadonai, ein Bäcker der alten Schule - Sinan Simsek, der Buchhändler vom Kotti.

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