Berlin : Berliner schlagen Brücken nach New York

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Der Honda Civic am Straßenrand verschwindet unter eine Decke von Staub, als hätte er hier ein Jahrhundert lang geparkt. „Welcome to Hell“, Willkommen in der Hölle, hat ein Passant auf die Heckscheibe geschrieben. Ein abgerissenes Bein liegt auf der Straße, die Sommersandale umschließt noch den Fuß. Wenige Schritte weiter tragen vier uniformierte Männer den toten Pater Mychal Judge aus dem Trümmerfeld, Asche bedeckt das Gesicht des Kaplans der New Yorker Feuerwehr. Eine verstaubte Gruppe Menschen tastet sich mit Tüchern vor dem Mund über einen schuttbedeckten Gehsteig.

„Ich habe versucht, mich zu erinnern, wie ich es damals erlebt habe“, sagt Steffen Schmidt vor den Fotos im Martin-Gropius-Bau, die wie Wäschestücke zum Trocknen an Leinen aufgereiht sind. Erinnerungen an die Terroranschläge vom 11. September in der Ausstellung „Here is New York“. Damals sei er geflohen vor der „Bilderflut“, die aus dem Fernsehen über ihn hinwegwogte. „Ich bin ins Kino gegangen“, erinnert sich der 37-jährige Jurist. Doch die Bilder aus New York habe er nicht vergessen können. „Alles war in Grau getaucht. Vielleicht“, sagt er „gefallen mir deshalb die Schwarz-Weiß-Aufnahmen besonders.“

500 Fotos dokumentieren die amerikanische Tragödie, die erst vor knapp acht Monaten die Welt erschütterte, aus dem Blickwinkel der New Yorker, die das Geschehen des 11. September mit der Kamera festhielten. Der Staub des zerstörten World Trade Center überzieht die Fotos mit einer Patina des Grauens. In den Schnappschüssen von Berufsfotografen und Amateuren verschwimmt die Perspektive zwischen Opfern und Zuschauern. Nur wenige Tage nach dem Fanal rief der Fotograf Charles Traub seine Mitbürger auf, ihre Fotos von der Katastrophe einzusenden. Mehr als 10 000 Bilder hat er bis heute gesammelt. Die Auswahl, die noch bis zum Jahrestag des 11. September im Martin-Gropius-Bau zu sehen ist, ruft die Erinnerungen, die jeder Besucher mitbringt, in Schlaglichtern wach. „In den Fotos treten die Einzelschicksale viel stärker hervor als in den Fernsehbildern“, sagt Mario Kauschat. Der Flugbegleiter ist mit Kollegen in die Ausstellung gekommen. Dennoch scheinen die Momentaufnahmen bereits ins kollektive Gedächtnis gedrungen zu sein. „Ich habe das Gefühl“, sagt der 38-jährige Angelo Pala, „alle diese Bilder schon einmal gesehen zu haben.“ Stephan Wiehler

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