Berliner Senat : Neues Institut für Alternative zu Tierversuchen geplant

Die Charité soll nach Informationen des Tagesspiegels mit Partnern ein Institut aufbauen, das Alternativen zu Tierversuchen erforscht. Der Senat gibt dafür bis zu 1,9 Millionen Euro im Jahr.

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Nicht nur an Mäusen wird geforscht. Jeder zehnte Tierversuch in Deutschland findet in Berlin statt.
Nicht nur an Mäusen wird geforscht. Jeder zehnte Tierversuch in Deutschland findet in Berlin statt.pa / Bodo Marks/dp

Der Senat möchte die zahlreichen Tierversuche in Berlin vermeiden – und dies in wenigen Wochen in einem Vertrag festschreiben lassen. Nach Tagesspiegel-Informationen wird eine diesbezügliche Vereinbarung als eigener Abschnitt im turnusmäßigen Vertrag zwischen Landesregierung und Charité enthalten sein. Demnach ist der Aufbau eines eigenen Instituts geplant, in dem Professoren und Laboranten dazu forschen, Alternativen zu Tierversuchen zu etablieren. Ab Herbst könnte das Vorhaben umgesetzt werden, der Charité-Vertrag gilt von 2018 bis 2022.


Konkret soll es darin heißen: Das landeseigene Hochschulklinikum werde mit den Universitäten, dem Berliner Institut für Gesundheitsforschung und dem Max-Delbrück-Centrum (MDC) das „Neudenken in der biomedizinischen Forschung mit dem Schwerpunkt auf der Entwicklung und Implementierung von Alternativmethoden zu Tierversuchen“ vorantreiben. Der Vertrag ist fast fertig, Charité-Chef Karl Max Einhäupl und der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) wollen ihn im Juli unterzeichnen.

Bürgermeister Müller: "Innovationen noch zu oft mit Tierversuchen verbunden"


Die rot-rot-grüne Koalition wird sich das geplante Institut demnach mehr kosten lassen, als die Vorgängerregierungen für ähnliche Versuche ausgegeben haben: Von 2018 bis 2022 sollen jedes Jahr zwischen 1,2 und 1,9 Millionen Euro für die neue Einrichtung bezahlt werden. Zu diesen Landesmitteln kämen womöglich Gelder, die von Stiftungen, Drittmittelgebern und Sponsoren stammen. Genaueres dazu dürfte im Sommer bekannt werden.
„Berlin ist ein Zentrum der Biomedizin, mit wichtigen Erkenntnissen für die Gesundheitsforschung“, sagte der Regierende Bürgermeister Müller dem Tagesspiegel: „Die Kehrseite ist, dass solche Innovationen noch zu oft mit Tierversuchen verbunden sind. Statt diese einfach nur einzuschränken, setzen wir auf die Entwicklung von Alternativmethoden und stärken so Tierschutz und Wissenschaft.“ Dafür stehe die rot-rot-grüne Koalition und dafür gebe es in der Stadt auch die notwendige Expertise.

Die Charité soll ein Institut zur Erforschung von Alternativen zu Tierversuchen aufbauen.
Die Charité soll ein Institut zur Erforschung von Alternativen zu Tierversuchen aufbauen.Spiekermann-Klaas

Berlin ist ein europaweit anerkannter Standort biomedizinischer Forschung. Zehn Prozent aller deutschen Tierversuche finden in Berlin statt. Infektionen, Erbkrankheiten und Tumore – in Berlin forschen Ärzte, Biologen und Chemiker in insgesamt 100 Laboren in Hochschulen, Kliniken und Pharmaunternehmen. Noch in diesem Jahr soll das In-Vivo-Pathophysiologie-Labor des MDC öffnen, darin dürften bis zu 12 000 Nager untergebracht werden – dafür allerdings wird ein anderes Haus geschlossen, es werden also insgesamt nicht mehr Tiere genutzt. Jedes Jahr stellen Berliner Forscher fast 400 Anträge auf neue Versuche an Tieren – vieles lasse sich, heißt es aus der Zunft, anders noch nicht testen. Genehmigt werden müssen diese Versuche vom Landesamt für Gesundheit und Soziales.

Versuche auch an Makaken und Fledermäusen

Zuletzt wurde neben Fischen, Lurchen und Vögeln auch an Säugetieren geforscht, meist Mäuse, Ratten, Schweine, Rinder, Pferde, Schafe, Ziegen, Meerschweinchen, aber auch Hunde, Katzen, Fledermäuse und Makaken.

Dabei verteidigen Pharmaforscher die Tierversuche nur ungern – denn eigentlich sind viele Experimente zu ungenau. Viele menschliche Stoffwechselprozesse kommen in Tieren nicht vor. Einige sagen: Von zehn aussichtsreichen Mitteln, die laut Tierversuch wirken sollten, scheitern bei den ersten Tests am Menschen neun. Da solche klinischen Studien Millionenkosten verursachen, wünschen sich Medikamentenentwickler also Alternativen.


In Berlin ist auch bislang schon erfolgversprechend danach geforscht worden, Tierversuche überflüssig zu machen. Biotechniker wollen noch in diesem Jahr den Menschen gewissermaßen auf eine Chipkarte bannen. Sein Gewebe und seine Organe sollen so miniaturisiert werden, dass wesentliche Stoffwechselprozesse im Labor simuliert werden können. Zudem gibt es an der Freien Universität eine Professur, durch die Alternativen zu Tierversuchen erforscht werden sollen. Kritikern aus der früheren Opposition, damals also Linken und Grünen, war das zu wenig. Im Koalitionsvertrag zwischen SPD, Linken und Grünen vom vergangenen November hieß es dann, „Berlin soll Hauptstadt der Erforschung von Alternativen zu Tierversuchen werden“.

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