Berlin : Berliner sind nur am Tresen zufrieden

Umfrage: Unter 15 Großstädten belegt Berlin den vorletzten Platz – nur Duisburger nörgeln noch mehr

Ariane Bemmer

Man hat sie gefragt, und sie waren nicht zufrieden: Bei einer Umfrage der „Perspektive-Deutschland“ durften fast 30000 Berliner ihre Meinung zur Stadt sagen – und das Ergebnis ist ernüchternd. „Alles in allem kann man in dem Ort, wo ich wohne, sehr gut leben“, hieß die Behauptung, der die Bewohner aus 15 Städten mit mehr als 400000 Einwohnern zustimmen konnten. In Berlin sagten dazu 59 Prozent: Ja – in Stuttgart 85 Prozent. Berlin liegt damit auf Platz 14. Unzufriedener mit ihrer Stadt sind nur die Duisburger.

Bei der Vorstellung des Umfrageergebnisses der „Perspektive Deutschland“ – einer Initiative der Unternehmensberatung McKinsey, des Magazins Stern, von ZDF und AOL – fand Schirmherr und Alt-Bundespräsident Richard von Weizsäcker die Worte: „Berlin ist eine lebendige, nicht ganz frei von Chaos dahinlebende Stadt.“

Das Chaos drückt sich in der Umfrage in gesteigerter Angst vor Kriminalität aus. Sachbeschädigungen, Verschmutzungen, Gewalt an Schulen, rücksichtsloses Verhalten im Straßenverkehr: In allen Punkten übertraf die Zustimmung der Berliner Befragten zur These, es handele sich hier um ein Problem, deutlich die aus anderen Regionen. 72 Prozent der Berliner halten Sachbeschädigungen für ein Problem, im Bundesdurchschnitt denken so nur 45 Prozent.

Ein großes Problem, das die Berliner mit ihrer Stadt haben, ist Geld. Angst vor finanziellen Einbußen haben 61 Prozent der Befragten, Angst davor, im Alter zu verarmen, haben 58 Prozent. Dazu kommt die trübe Lage am Arbeitsmarkt. Um ihren Job zu retten, würden 61 Prozent mehr arbeiten für weniger Geld. Nur 21 Prozent der Befragten glauben, dass sie, sollten sie jetzt arbeitslos werden, in der Region eine neue Stelle finden werden, was nicht verwundert bei einer Arbeitslosenquote von über 19 Prozent. Das ist im Städte-Vergleich Platz 14 von 15, den letzten Platz belegt Dresden. Platz eins hat München (Arbeitslosenquote: 8,9 Prozent): Dort glauben 46 Prozent der Befragten, wohnortnah einen neuen Job zu finden. Auch, was Berlins Zukunft angeht, sieht es düster aus: Nur 34 Prozent der Befragten, glauben, hier könne man in fünf bis zehn Jahren gut leben. Diese triste Sicht wird nur noch in Duisburg (letzter Platz), Bremen, Essen und Nürnberg übertroffen. Als beste Großstadt steht in vielen Bereichen München an erster Stelle. Das war bereits 2004 so, bei einem Ranking des Magazins „Wirtschaftswoche“. Damals belegte Berlin von 50 Rängen den kläglichen 47. Platz.

Dass das auch nicht letzte Wahrheit ist, sah man im Jahr davor bei einer Umfrage der Unternehmensberatung Mercer Human Resource Consulting. Da war Frankfurt am Main beste deutsche Stadt vor München, Düsseldorf und Berlin. Im Vergleich mit 215 internationalen Städten hieß das für Berlin Rang 15. Ein Punkt fand in der Mercer-Umfrage eine extra Erwähnung: die „große Auswahl an alkoholischen Getränken“, die es in Berlin gibt. Offenbar ein Pluspunkt mit Bestand. Auch in der Umfrage von „Perspektive-Deutschland“ erkennen 75 Prozent der befragten Berliner an, dass es hier am Kneipen- und Restaurantangebot nichts zu meckern gibt. Beim „kreativen Szeneleben“ übertrifft die Berliner Zufriedenheit die der Restrepublik gar um 38 Prozentpunkte. Ein „lebendiges Vereinsleben“ dagegen loben nur 40 Prozent.

Allzu große Sorgen muss die tendenzielle Unzufriedenheit der Berliner mit ihrer Stadt vielleicht nicht auslösen. Wie sagt es der Aphoristiker Werner Mitsch: „Zu tief angesetzte Zufriedenheit ist ein Hemmschuh deiner Möglichkeiten.“

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