Berlin : Berliner Stadtschloss: Buh dem Baudirektor, Beifall dem Bundestagspräsidenten

Jörg Peter Rau

Vielleicht ist es der pseudobarocke Kulissenzauber, der Hans Stimmann so unbehaglich ist. Zwischen Vorhängen in gedecktem Orange und hölzernen Kandelabern mit Goldbronze-Anstrich fühlt sich der Senatsbaudirektor nicht wohl - dabei hatte die Urania alles getan, der Podiumsdiskussion "Braucht Berlin das Schloß als Zentrum der Stadt?" einen gefälligen Rahmen zu geben.

Stimmann sitzt auf der Kante eines Stuhls, der aus einem Requisitenfilm stammen könnte, und scheint zu hoffen, dass die Diskussion bald vorbei sein möge. Vielleicht ist er es aber auch leid, nochmals zu wiederholen, was er seit Jahren sagt: Erst über die Nutzung nachdenken, dann über die Architektur. Vielleicht fragt er sich auch, ob er es nötig hat, sich in der Urania vom Publikum ausbuhen zu lassen und Pfiffe zu kassieren, ob er die betriebsame Eloquenz seines Gegenspielers, Wilhelm von Boddien, eigentlich überhaupt noch ertragen kann.

Den anderen Herren auf dem Podium scheint nicht so unbehaglich zumute zu sein. Wilhelm von Boddien, Vorsitzender des Fördervereins Berliner Stadtschloß, hat die Gewissheit, dass acht von zehn Gästen im Saal Mitglieder seines Vereins sind oder die Idee vom Schloss-Wiederaufbau zumindest unterstützen. Peter Conradi, Präsident der Bundesarchitektenkammer, ist zwar Stimmanns Meinung, aber kann sich nicht so richtig über das Thema aufregen.

Bundestagspräsident Wolfgang Thierse ist ohnehin der Star und erntet Beifallsstürme. Und Peter-Klaus Schuster, Generaldirektor der Staatlichen Museen, sagt gar nicht viel. Er lässt Thierse Werbung für die Idee machen, im Stadtschloss mit den außereuropäischen Sammlungen seiner Häuser einen Kontrapunkt zur europäischen Kunst auf der Museumsinsel zu machen. Lea Rosh moderiert geschickt, doch viel Neues können auch ihre Fragen nicht zu Tage fördern. Thierse erwärmt sich immer mehr für die Idee, in einem rekonstruierten Stadtschloß eine Art Haus der Kulturen der Welt einzurichten.

"Wir haben doch eine Funktion für den Bau", sagt er unter donnerndem Applaus. "Eine menschenverträgliche Stadt gibt es nicht ohne geschichtliches Gedächtnis." Mit dem gleichen Argument ließe sich auch die Erhaltung des Palastes der Republik begründen. Aber den will sich Thierse "nicht als Identifikationsobjekt andienen lassen." Peter Conradi mahnt, dass jede "Rekonstruktion immer einen politischen Hintergrund hat." Das hören viele im Publikum nicht so gern - sie sind keine Monarchisten, keine Revisionisten. Auch Conradi mahnt zu Besonnenheit. Dass auf dem Areal zehn Jahre lang nichts passiert ist, ist für ihn nur gut. "Könnt Ihr denn nicht noch ein, zwei Jahre warten, bis die Kommission Historische Mitte einen Vorschlag gemacht hat?" Das Publikum ruft mehrheitlich "Nö!" und Conradi fragt zurück: "Habt Ihr Angst, dass was Besseres als eine Rekonstruktion rauskommt?".

So stehen sie Zeichen nicht besonders gut, als der Schlagabtausch auf der Bühne nach gut einer Stunde zu Ende ist.

Nun soll das Publikum fragen können. Doch was aus dem gut halbvollen Kleistsaal zu hören ist, sind - wie Leas Rosh es etwas schnippisch, aber zutreffend nennt - Referate. Eine Diskussion über die kunst- und architekturgeschichtliche Bedeutung des Schlosses kommt nicht in Gang. Conradi hatte gesagt, Nachbauten seien Fälschungen und einen "Na und"-Chor geerntet. Einzig ein junger Berliner Architekt will wissen, warum die Menschen im Saal, warum die Rekonstruktions-Befürworter so wenig Vertrauen in etwas Neues haben. Doch viele der Gäste an diesem Abend haben von Boddiens Vision von einem Wiederaufbau der alten Fassaden schon verinnerlicht.

Es geht an diesem Abend eigentlich nicht um Architektur, nicht um Denkmalschutz und auch nicht um Kunst. Sondern um Geschmack. Und der ist - wie die leidenschaftlichen Reaktionen der so gut organisierten Rekonstruktions-Befürworter beweisen - nun einmal eine Herzenssache. Und es lässt sich so trefflich über ihn streiten.

Die sachliche Diskussion wird vielleicht geführt, wenn die Kommission in die Gänge gekommen ist. Vielleicht, wenn Lea Rosh eine weitere Runde auf die Beine stellt. Mit Experten aus der Kommission und Berliner Architekten. Und ohne die "Referate", die letztlich immer nur eines sagen: Nun haben wir so viel modern gebaut, wenn wir nun unser schönes Schloss wiederhaben wollen, gebt es uns doch.

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