Berliner Straßen : Schmelzendes Eis offenbart Schlaglöcher

Erst war es das Eis, jetzt sind die Krater auf den Straßen das große Ärgernis in der Stadt Der Senat will 40 Millionen Euro zur Reparatur geben – doch selbst die SPD fordert doppelt so viel.

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Weggebröselt. Viele Straßen sind mit Löchern übersät, weil der Straßenbelag seit Jahren nur noch notdürftig repariert wird. Foto:...

Es rumpelt und kracht wie auf einer unbefestigten Buckelpiste, man muss Slalom fahren und auf die Bremse treten, um Felgen und Reifen große Schläge zu ersparen: Seit es in Berlin taut, sind auf den Straßen die vielen Löcher zu sehen – und zu spüren. Der Winter hat dem Asphalt stark zugesetzt. Zahllose kleine und große Schlaglöcher sind entstanden. Das Ausmaß der Schäden wird von Tag zu Tag drastischer sichtbar. Deshalb fordern die Bezirke jetzt vom Senat zusätzliche Gelder für die Reparatur der Fahrbahnen. Welche Summen allerdings gebraucht werden, um Berlins Straßen nachhaltig instand zu setzen, ist umstritten. Bislang sieht der Senat einen Gesamtzuschuss von 40 Millionen Euro vor. Aus Sicht des Allgemeinen Deutschen Automobilclubs (ADAC) sowie der SPD und CDU im Abgeordnetenhaus wird dies bei weitem nicht ausreichen.

Die SPD forderte am Sonntag ein Sonderprogramm mit weiteren 40 Millionen Euro, die zweckgebunden zur Verfügung gestellt werden sollten. Die CDU verlangte am Wochenende sogar einen dreistelligen Millionenbetrag und orientierte sich dabei an einer Schätzung des ADAC in Höhe von rund 450 Millionen Euro. Der Senat will, wie berichtet, nun erst einmal von jedem Bezirk einen Bericht „zum Stand der Dinge“ anfordern. Danach soll über die Höhe des endgültigen Zuschusses entschieden werden.

Bis die meisten Schlaglöcher beseitigt sind, wird es also eine ganze Weile dauern. Aus Sicht des verkehrspolitischen Sprechers der CDU, Oliver Friederici, drohen dadurch „viel größere volkswirtschaftliche Schäden“, als eine schnelle Sanierung kosten würde. Je schlimmer die Straßen verkommen, um so teurer werden die Ausbesserungen. Auch drohten massive Schäden an Kraftfahrzeugen.

„An der Ecke Hannoversche und Hessische Straße zerlegte es Felge und Reifen meines Wagens“, berichtete jüngst ein Tagesspiegel-Leser. Unter dem Schnee hatten sich zwei tiefe Schlaglöcher verborgen. Schaden: „Zwei neue Reifen, eine Felge reparieren, zwei Schichten Ausfall, circa 350 Euro flöten.“ Ersatzansprüche an die Bezirke sind kaum durchzusetzen. „Verkehrsteilnehmer sind laut Straßenverkehrsordnung verpflichtet, ihr Verhalten den äußeren Bedingungen anzupassen“, sagt ADAC-Sprecher Michael Pfalzgraf. Deshalb hätten Schadensersatzansprüche gegen die Stadt kaum Chancen.

Etwas anders sieht es bei Verletzungen aus. Die Krankenkassen holen sich nicht selten die Behandlungskosten für Opfer von Glätteunfällen von Grundstückseigentümern oder beauftragten Winterdiensten zurück, wie ein AOK-Mitarbeiter dem Tagesspiegel bestätigte

.„Große und tiefe Schlaglöcher, auch dicht an der Bordsteinkante, sind für Radfahrer lebensgefährlich“, beschreibt ein Tagesspiegel-Leser beispielsweise die Situation am Ostpreußendamm in Steglitz. Auf der Liste von Uwe Stäglin (SPD), Baustadtrat von Steglitz-Zehlendorf, ist das nur eine von zahlreichen Problemstrecken im Bezirk. In der Sachtleben-, Leonoren- und Lorenzstraße, dem Wolfensteindamm, der Englerallee und Unter den Eichen sehe es kaum besser aus. Und die Aufstellung ließe sich beliebig fortsetzen, so der Kommunalpolitiker.

Rund 80 000 Euro hat man in Steglitz-Zehlendorf seit Winterbeginn schon in die Schlaglöcher gestopft. Lange hält die provisorische Füllung nicht. „Bei der feuchten Witterung kann der Kaltasphalt nicht die notwendige Verbindung mit dem Boden eingehen“, beschreibt Spandaus Tiefbauamtsleiter Michael Spiza die Misere. Hier hat man schon fast 100 000 Euro ausgegeben, um immer wieder die schlimmsten Löcher zu schließen.

Auf manchen Fahrbahnen wie in der Gartenfelder Straße zwischen Paulsternstraße und Saatwinkler Damm scheinen sich diese schneller aufzutun, als sie die hier täglich anrückenden Bautrupps zuschaufeln können. Nicht nur, dass provisorische Füllungen auf stark befahrenen Straßen oft nur ein paar Tage halten – häufig tun sich auch neben einem gerade geschlossenen Loch schon wieder die nächsten Krater auf. Eine Folge der in Berlin seit Jahrzehnten vernachlässigten Instandsetzung der Straßen, sagen Kritiker.

So etwas wie in diesem Winter habe er „in mehr als 20 Jahren noch nicht erlebt“ sagt Michael Spiza in Spandau. Dass die Fahrbahnen beim anhaltenden Frost so massiv aufbrechen, sei nur damit zu erklären, „dass sie allesamt schwer vorgeschädigt sind“. Ganz schlimm sieht es laut Spiza auf der Straße Am Juliusturm, dem Brunsbütteler und dem Kladower Damm aus. Rund 450 000 Euro seien notwendig, um in Spandau allein die Straßen mit bisher festgestellten Frostschäden in einen dauerhaft verkehrssicheren Zustand zu versetzen. In Steglitz-Zehlendorf liegt die Schätzung bei einer halben Million.

Das böse Erwachen wird es geben, wenn auch in den Nebenstraße der Schnee getaut ist, sagen die Experten. So rechnet man alleine in Spandau mit Gesamtkosten von mehr als einer Million Euro. Aus den Bezirkskassen ist das nicht mehr zu bewerkstelligen. „Wenn wir keine zusätzlichen Mittel erhalten, ist Mitte des Jahres kein Geld mehr für den Straßenunterhalt da“, heißt es im Rathaus. „Das schreit nach einer zusätzlichen finanziellen Unterstützung durch den Senat“, betont Stadtrat Stäglin in Steglitz-Zehlendorf. Wenn sein Bezirk alle Winterschäden ordentlich beseitige, bleibe von den gut drei Millionen Euro Straßenbaumitteln nichts mehr für regulär geplante Maßnahmen übrig.

In anderen Bezirken ist die Situation nicht minder dramatisch. „Unsere Mittel werden nicht reichen“, sagt Baustadtrat Klaus-Dieter Gröhler (CDU) aus Charlottenburg-Wilmersdorf. Finanzspritzen von ein paar 100 000 Euro würden das Problem nicht lösen. Nicht nur die Fahrbahnen, auch die Gehwege seien desolat, für die nachhaltige Sanierung allein in seinem Bezirk fehlten 100 Millionen Euro. „Der Straßenzustand“, sagt Gröhler, „ist doch auch ein Aushängeschild Berlins“. Investoren schrecke es ab, wenn sie den Eindruck hätten, sie würden sich nicht in der deutschen Hauptstadt, sondern „irgendwo im Osten Europas“ befinden.

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