Berlin : Berliner Trennungsgeschichte: Mit dem Fahrrad Erfahrung auf verwischten Spuren

Ekkehard Schwerk

Gegen das Vergessen der Berliner Trennungsgeschichte tritt die Fraktion der Bündnisgrünen an - und zwar mit Fahrrädern: Sie haben gestern ein Heft herausgegeben, mit dessen Hilfe "Berliner Mauerstreifzüge" per Fahrrad oder auch zu Fuß unternommen werden können. Die Bündnisgrünen berufen sich dabei auf die vielen Fragen von Touristen und vor allem jungen Menschen, die wissen wollen, wo die Mauer durch die Stadt gebaut worden war; denn nach der Wende wurden allzu vorschnell jegliche Spuren verwischt.

Es geht den Herausgebern des 80-seitigen, aufhellend illustrierten Heftes bei den Mauerstreifzügen nicht um Verklärung erlittener Trennung, sondern um durchaus politische Erfahrung einer 28-jährigen Spaltung des Stadtbildes. Es geht um die insgesamt 160 Kilometer lange Mauer um West-Berlin sowie um den zwischen Senat und Ost-Berlin ausgehandelten mehrfachen Gebietsaustausch. Und es geht den Grünen nicht zuletzt ums Gedenken an jene, die an der Mauer erschossen wurden: vom ersten Maueropfer am 24. August 1961, dem 24-jährigen Schneider Günter Litfin, der durch den Humboldthafen nach West-Berlin schwimmen wollte und von den Kugeln der Grenztruppen getroffen wurde bis zum 20-jährigen Chris Gueffroy, den die Kugeln am 6. Februar 1989 getroffen hatten, als er von Treptow aus den Britzer Zweigkanal nach Neukölln zu durchschwimmen versuchte.

Die Mauerwegweisung nennt auch die Kilometer zwischen den einzelnen Abschnitten: zum Beispiel von Schöneweide bis Schönefeld zwölf Kilometer. Wer sich zu einer Radtour auf bestimmter Strecke verabreden will, kann nicht fehlgehen - das Heft hilft exakt. Und mit diesem in der Hand kann man erkennen, was eine allzu forsche Spurenbeseitigung ihm vorenthalten hat.

Und weil es ja ein Angebot der Bündnisgrünen ist, finden sich in dem Heft auch eingestreut allerlei parlamentarische Vorstöße, die nicht unbedingt auf den ersten Blick mit Mauerstreifzügen zu tun haben, wohl aber - na ja: auf den dritten Blick.

Und die Heft-Herausgeber laden auch sonnabends zu gemeinsamen Radtouren entlang der Mauernarben ein, beginnend am 19. Mai, 14 Uhr am S- und U-Bahnhof Potsdamer Platz bis S-Bahnhof Schöneweide - 20 Kilometer.

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