• BERLINER WEIHNACHTSMÄRCHEN Ein Fortsetzungsroman mit vier Autoren und vier Folgen. Folge 3: Unter Krippenspielgangstern

BERLINER WEIHNACHTSMÄRCHEN Ein Fortsetzungsroman mit vier Autoren und vier Folgen. Folge 3 : Unter Krippenspielgangstern

Weihnachten ist Liebe? Ach, was! Weihnachten ist kommerziell, stressig und eine verdammt große Herausforderung / Von Konstantin Richter

Was bislang geschah: Berlin ist im Jahre 2025 eine angesagte, wohlhabende Stadt – und eine Metropole der Singles. Nur Familien gibt es kaum noch – aber dafür den Weihnachtsagenten, der zum Fest die passende Atmosphäre schafft, mit Opa, Gattin und Kindern. Bis eines Tages ein Mensch in der Tür steht und behauptet, er sei der wahre Weihnachtsmann und wolle das Fest retten. Damit beginnt ein Chaos, das den Agenten sogar ins Gefängnis bringt.

Seit zehn Tagen bin ich nicht im Büro gewesen.

Ich habe mich nicht mehr hingetraut, seit ich dort mein letztes Hemd gelassen habe. Unrasiert, ungewaschen, so kehre ich zum Helmholtzplatz zurück, wo mich die schicken Geschäftsleute abfällig mustern. Der rote Mantel, den mir die Caritas mitgegeben hat, der ist nicht zeitgemäß, so was trägt kein Mensch mehr.

Ich schleiche in den Innenhof, in der Hoffnung, dass sich einer meiner Mitarbeiter im Büro aufhält, und wirklich, das Büro ist hell erleuchtet, die Tür bloß angelehnt, ich trete ein – und bleibe im dunklen Eingangsbereich stehen. In meinem Chefsessel sitzt, ich hätte es mir denken können, der Weihnachtsmann. Er lehnt sich zurück, die Schuhe auf dem Tisch – meine englischen Lederschuhe, wie ich sehe, und er trägt auch meine Hosen und mein Hemd – und telefoniert mit einem meiner ältesten Kunden: „Ich grüße Sie, Herr Schlüter, hier ist der wahre Geist der Weihnacht, die Agentur vom Helmholtzplatz … Neuer Name, sagen Sie? Das ist richtig: Neuer Name, neues Management, wir möchten das Rad ein bisschen zurückdrehen. Weihnachten ist nicht mehr das, was es mal war!“

Unsinn, denke ich, der Schlüter war noch jedes Mal zufrieden, wenn ich ihm pünktlich zum Fest eine Frau besorgt habe. Trotzdem scheint Schlüter auf den Cold Call des Weihnachtsmannes einzugehen. Denn der Weihnachtsmann nickt ein paarmal und trifft eine Verabredung, um zu „checken, was Sie sich unter einer richtigen Weihnacht vorstellen. Nein, keine Angst, Herr Schlüter, wir wollen das Rad nicht neu erfinden. Welches Rad, fragen Sie? Das ist doch nur bildlich gesprochen, und, na gut, wenn es sein muss, kriegen Sie auch die Frau zum Fest.“

Verärgert legt er auf: „Schwieriger Kunde!“ Einer der beiden Männer, die vor ihm sitzen, nickt: „Der Schlüter ist’n Opfer“, und ich denke: „Mensch, Tibor, wie oft habe ich dir gesagt, dass heute kein Mensch mehr Opfer sagt“, und obwohl ich Tibor und Moritz nie für besonders schlau gehalten habe, überrascht mich, dass sie diesem Weihnachtswindbeutel so einfach aufgesessen sind.

„Wir müssen den Kunden unsere Philosophie vermitteln“, sagt der Weihnachtsmann, dem mein blaues Hemd übrigens sehr gut steht, das muss ich ihm lassen. „Weihnachten ist Kommerz geworden, wie alles andere auch, wir müssen die Leute fragen: Was ist eigentlich das Besondere an Weihnachten?“

Höhnisch lache ich in mich hinein. Die Idee, dass Weihnachten zu kommerziell geworden ist, die ist so alt wie das Fest selbst. Coca-Cola hat den Weihnachtsmann erfunden, heißt es immer – und ich habe Tibor und Moritz eingeschärft, dass schon Bethlehem reinstes Eventmarketing war, sonst hätte man die Heiligen Drei Könige und den Ochsen auch weglassen können. Trotzdem beschäftigen sich die beiden ausgiebig mit der USP-Frage.

„Weihnachten ist Liebe“, sinniert Tibor. „Weihnachten ist Stress.“

„Weihnachten ist eine Herausforderung“, sagt Moritz und zitiert aus unserer Broschüre „Weihnachten: Risiko und Chance“: „Wussten Sie, dass die Selbstmordrate in den Festtagen um 40 Prozent steigt?“

Der Weihnachtsmann nickt, steht auf und wirft mit seinem Telefon ein paar Bullet Points an die Wand: „Wir müssen dem Herrn einfach zeigen, dass die Menschheit zusammenhält, sonst streicht er das Fest. Ich stelle mir eine große Party vor, hier in Prenzlberg, mit Punkt eins, Tausenden von Menschen, Punkt zwei, ein paar Grillbuden, und Punkt drei, einer hochprofessionellen Showeinlage, um die ich mich persönlich kümmern werde, und wenn sich dann, Punkt vier, der Herr gnädig zeigt“, er wirft einen andächtigen Blick auf die Zimmerdecke, „dann wird auch wieder Schnee fallen, und dann holen wir die alten Heizpilze aus den Kellern und verkaufen Flatrate-Glühwein – und alle sind willkommen.“

„Alle?“, sagt Moritz erschrocken. „Auch die Problemrentner aus dem Wedding?“

„Alle“, bestätigt der Weihnachtsmann, und endlich stellt Tibor die Frage, auf die ich gewartet habe: „Und was wird der Chef sagen, wenn wir alles neu machen?“

Der Weihnachtsmann wiegt den Kopf hin und her: „Ihr wisst, dass der Herr ihm eine faire Chance gegeben hat“, wieder der Blick nach oben, „nur war er der Aufgabe nicht gewachsen. Heute früh hat ihn ein Kollege in der Ausnüchterungszelle gesehen, und ich habe das blöde Gefühl“, er bekreuzigt sich, „dass er hier gar nicht mehr auftauchen wird“, und plötzlich ist mir alles klar: Zuerst der falsche Weihnachtsmann, der mich nackt aus dem Büro jagt, dann die schwangere Frau, die mich in die Bar Schwarzsauer einlädt und ganz betrunken macht, dann der Afrikaner in der Zelle, und schließlich der alte Opel Zafira, der mich am Ostbahnhof fast überfahren hätte, wenn ich mich nicht zur Seite gerollt hätte.

Keine Frage, ich habe es mit einem skrupellosen Betrügerteam zu tun, das es auf meine Firma abgesehen hat, und ich tippe auf das Minivan fahrende Krippenspieldarstellermilieu, das immer wieder versucht, in anderen renditestärkeren Weihnachtsbranchen Fuß zu fassen: der Weihnachtsmann, die Jungfrau Maria, der König Caspar aus dem Morgenland – fehlt nur noch, dass mich ein Ochse über den Haufen rennt.

Ich überlege, ob ich dem Schaustellerprekariat die Stirn bieten soll, gleich hier und jetzt, doch kommt mir der Mime zuvor. Er sagt: „Ich mache noch ein paar Kundenbesuche“, murmelt etwas Englisches vor sich hin, erklärt: „Die Weihnachtsgeschichte von Dickens“ und greift sich meine Burberry-Jacke. Rasch schiebe ich mir die Kapuze ins Gesicht, drehe mich weg und umarme den Kleiderständer. Der Weihnachtsmann eilt achtlos an mir vorbei.

Unterdessen haben Tibor und Moritz das Gespräch wieder aufgenommen. „Glaubst du, das ist der echte Weihnachtsmann?“, fragt Tibor.

„Glaube ich nicht“, sagt Moritz, „das Zitat eben, das war gar nicht Dickens, das war Last Christmas von Wham!, aber recht hat er trotzdem: Weihnachten ist nicht mehr das, was es mal war.“

„Ist halt ein Business geworden“, sagt Tibor, und Moritz fragt nachdenklich: „Aber erinnerst du dich an früher, als der Chef noch der Alte war?“, und mir wird klar, dass ich mich tatsächlich verändert habe. Irgendwann mal habe ich die Agentur gegründet, um in unserer individualisierten Wohlstandsgesellschaft etwas Gutes zu tun – für die Singles und Alten, für die Waisen und Witwen, für die geschiedenen Einzelkinder der Alleinerziehenden, kurz: für alle, die zumindest einmal pro Jahr nicht für sich bleiben wollen. Aber dann ist es mir gegangen wie so vielen Idealisten, die ihr ursprüngliches Anliegen aus den Augen verlieren – den Flüchtlingshelfern zum Beispiel, die alle Reiseunternehmer geworden sind, weil sie die Infrastruktur und die Kontakte haben, oder den Menschenrechtlern, die Gefängnisse bauen, liebevoll ausgestattet natürlich, mit Fernsehern und Frotteehandtüchern.

Da also ergreift mich eine derartige Zuneigung zu meinen Mitarbeitern, die unsere Core Values nicht vergessen haben, dass ich mit Tränen in den Augen aus dem Versteck stürze und krächze: „Tibor, Moritz, ich muss euch sagen …“, und abbreche, weil ich ihr Entsetzen bemerke. Sie weichen in das Hinterzimmer zurück. Dort höre ich eine Tür schlagen, dann Stille.

Ich spähe aus den Fenstern, hoffe, im Dunkel des Hofs ihre fliehenden Schatten auszumachen, stattdessen sehe ich mein Spiegelbild, und so wunderlich es klingt – Tibor und Moritz müssen mich, mit Vollbart und Mantel, für den echten Weihnachtsmann gehalten haben.

Und dann fällt mir ein: Verdammt, noch eine Woche bis Heiligabend: Eine Bande von Krippenspielgangstern will mich um die Ecke bringen, und meine langjährigen Angestellten sitzen dem falschen Weihnachtsmann auf. Ich habe kein Geld, keinen Hausschlüssel, bloß diese Verkleidung, die allerdings – das ist in der Reflexion deutlich – sehr authentisch wirkt. Damit müsste sich was anfangen lassen, denke ich und beschließe, den Betrügern in ihrem eigenen Kiez aufzulauern, auf dem stillgelegten Rollfeld von Tegel, wo in Hunderten von Minivans die Subkultur des Dienstleistungsbetriebs auf Sperrmüll-Laptops Onlinepoker spielt und auf Aufträge wartet. Ein hartes Pflaster. Aber gut: Manchmal muss auch der Weihnachtsmann durch die Hölle, um zu sich selbst zu finden.

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