Berliner Zoo : Knutkeule für Gourmets

Erst die umstrittenen Amtshandlungen von Zoodirektor Blaskiewitz - und nun das: Die Finanzverwaltung prüft die Bestände der Tierparks. Überzählige Exemplare sollen verwertet werden.

Bernd Matthies
Berliner Zoo
Carpaccio? Eisbär Knut ist sichtlich empört über die Gedankenspiele von Starkoch Tim Raue. -Foto: dpa

Kaum ist die Debatte um die eigenwilligen Amtshandlungen von Zoodirektor Bernhard Blaszkiewitz auf dem Höhepunkt, droht schon wieder neuer brisanter Streit. Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD) hat einen Mitarbeiter angewiesen, die Bestände der Berliner Tierparks auf ihren finanziellen Nutzen für den Landeshaushalt zu prüfen. Ein noch interner Referentenentwurf, der dem Tagesspiegel zugespielt wurde, bezieht auch die Tiere des Aquariums in diese Überlegungen mit ein. „Aus fiskalischem Blickwinkel gibt es keine Rechtfertigung für den hohen Bestand an Krokodilen“, heißt es dort beispielsweise, „zumal die Unterschiede zwischen den Tieren sich den unkundigen Besuchern kaum erschließen.“ Je ein Kaiman- und ein Krokodilpaar reichten aus; es sei zu prüfen, ob die überzähligen Tiere zu Premium-Souvenirs wie Taschen, Geldbörsen oder Schlüsselanhängern mit Berlin-Bezug verarbeitet werden können.

Weiter steht im Entwurf, ähnlich könne mit Schlangen und anderen Reptilien verfahren werden. Ein Insider aus Sarrazins Verwaltung spottet bereits, so werde der alte Begriff „Reptilienfonds“ mit neuem Leben erfüllt. „Mal ehrlich“, sagt er, „ob sich so ein Python nun unsichtbar um einen Ast wickelt oder gar nicht drin ist im Terrarium, macht doch echt keinen Unterschied.“

Auch einige andere Tiere aus Zoo und Aquarium sind in den Blick der Finanzverwaltung geraten. Ein Sprecher Sarrazins bestätigte, dass pulverisiertes Horn vom Panzernashorn, ein vor allem in Asien geschätztes ökologisches Potenzmittel, auf dem Weltmarkt gegenwärtig 250 000 Dollar pro Kilogramm wert ist. „Der Bestand des Zoos würde uns also im Fall eines Verkaufs mehrere Jahre Ruhe bei der BVG verschaffen.“ Auch die experimentierfreudigen Berliner Gourmets gelten als Geldquelle: „Die überzähligen Großfischeinheiten werden wegen ihrer unübertrefflichen Lebendfrische gerade im Sushi-Bereich auf große Nachfrage stoßen“, heißt es in dem Papier.

Starkoch Tim Raue („Be Berlin“) bestätigte den Sinn solcher Pläne: „Für ein lauwarmes Carpaccio von der Knutkeule mit Five-Spices-Pulver und Liebstöckelgelee würden Gäste sogar aus Japan anreisen und, sozusagen, ein Schweinegeld bezahlen.“ Er regt überdies andere bestandsschonende Maßnahmen an. „Warum verkaufen sie nicht das alte Wasser aus den Aquarien beim Wechseln? Das wäre eine tolle Grundlage für Fischsuppe, vor allem, wenn noch ein paar kleine Fische drin sind.“

Auch im Entertainment-Sektor sieht die Finanzverwaltung Einnahmemöglichkeiten. Eine wird gegen den Widerstand des Zoodirektors offenbar demnächst in die Praxis umgesetzt: die artgerechte virtuelle Tötung von Tieren im Gehege mit sogenannten Soft-Air-Waffen. Ein Sprecher der Innenverwaltung bestätigte, dass das ab heute geltende Verbot dieser Pistolen im laufenden Jahr für drei „Lange Nächte der Großwildjagd“ außer Kraft gesetzt wurde. Die Teilnehmer dürfen sich in den Gehegen an die Tiere heranpirschen und sie mit den Waffen farblich markieren; Jagd auf harmlosere Beute (zum Beispiel Hängebauchschweine) wird mit 175 Euro pro Stunde berechnet, bei Großwild wie Löwen oder Elefanten ist eine vierstellige Summe im Gespräch.

Während dieses Konzept als sichere Einkommensquelle gilt, sind andere Ideen noch umstritten. Der Entwurf schlägt beispielsweise vor, Tiere als Werbefläche einzusetzen. „Be Berlin“ auf einem breiten Biberschwanz wäre ebenso sinnfällig wie überraschend, heißt es dort. Rene Gurka, der Chef der „Berlin Partner“, äußerte sich skeptisch: „Die Viecher sind doch ständig unter Wasser“, sagte er, „ich glaube nicht, dass wir dafür Geld ausgeben würden.“ Eine Stellungnahme der Zoo-Leitung war gestern nicht zu erhalten. Man habe zurzeit andere Sorgen, hieß es. Bernd Matthies

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