Berlin : „Berlinern kann ich auch auf Englisch“

Irene Hofstein, zur Nazizeit emigriert, feiert im Haus ihrer Kindheit Geburtstag

Christian van Lessen

Es waren wehmütig bange Minuten: Sie ging mit vorsichtigen Schritten durch den Flur, sah das Wohnzimmer, in dem sie gespielt hatte, zwischen ganz anderen Möbeln. Sie blickte in den Garten, der fast unverändert wirkte. Alles sah heute nur viel, viel kleiner aus als früher. Sie setzte sich auf die breite Holztreppe im Haus, wie sie das oft als Kind gemacht hatte, schaute wehmütig auf das alte Gartentor und wühlte in Erinnerungen: „Damals hing morgens an der Klinke immer ein Beutel frischer Brötchen. Und Milchflaschen wurden auch vors Haus geliefert.“

So war das, als Irene Hofstein nach langer Zeit zum ersten Mal ihr altes Haus wiedersah. Jetzt feiert sie in der Zehlendorfer Villa mit ihrem Mann Guy und Freunden wie selbstverständlich ihren 83. Geburtstag. Gerade hier sollte es sein, das war ihr ausdrücklicher Wunsch, nachdem sie die jetzigen Hauseigentümer kennen gelernt hatte. Mit der Familie Pelzer entstand eine tiefe, herzliche Freundschaft. Irene Hofstein ist Jüdin, wohnt seit über sechs Jahrzehnten in den USA, in Boston. Mit den Eltern hatte sie in der Nazizeit aus Deutschland fliehen, das Haus der Kindheit hinter sich lassen müssen.

„Berlinern kann ich noch immer, auch auf Englisch“, sagt sie und erzählt von einer anfangs wohl behüteten Kindheit. Der Vater, ein Holzmakler, hatte die stattliche Villa gekauft, die Muter aber schimpfte auf die Gegend, wollte lieber „in die Stadt“. Hinterm Haus, am Rand des Gemüsegartens, hielt die Familie eine kleine Ziege, und als die sich mal auf das Grundstück nebenan verirrte, schimpfte eine Nachbarin: „Holen sie Ihre verdammte jüdische Ziege zurück.“

Das prägte sich dem Kind ein. Der Vater verkaufte das Haus Ende der zwanziger Jahre, die Familie zog nach Wilmersdorf. In der jüdischen Privatschule, die Irene fortan besuchte, freundete sie sich mit Günter an, eine stille Liebe, die nicht lange währen durfte. Günters Eltern emigrierten schon 1936, drei Jahre, bevor Irenes Familie das Land verlassen sollte. Günters Spuren verloren sich schnell. Viele Verwandte des Mädchens, die in Deutschland blieben, wurden später von den Nazis nach Theresienstadt gebracht und dann in Auschwitz ermordet. Auch die Großmutter, die Berlin nicht verlassen wollte , musste sterben. Mehr als 60 traurige Briefe schrieb sie noch nach Amerika.

„Wir können mit Hass nicht weitermachen“, sagt Irene Hofstein, „nach so langer Zeit müssen wir damit fertig werden.“ In Amerika engagiert sich die Berlinern, die früher in Boston eine orthopädische Praxis leitete, für die Verständigung zwischen amerikanischen Juden und Deutschen. „Viele von uns gehen nicht zurück, und ich werde oft angefeindet“, sagt sie. Das erste Mal kam sie Anfang der siebziger Jahre wieder nach Berlin, auf Einladung des Senats, am einst so geliebten Haus ihrer Kindheit führte sie der Weg nicht vorbei. Für sie war erst mal wichtig, die Luft der alten Heimatstadt zu atmen.

Vor zwölf Jahren vermittelte eine Bekannte von der Aktion Sühnzeichen den Kontakt mit den heutigen Hausbesitzern, die das Gebäude in den siebziger Jahren erworben hatten. Zuvor war es durch diverse Hände gegangen, hatte unter anderem einem Bankdirektor gehört. Irene Hofstein klingelte mit bangem Gefühl an der bekannten Gartentür, wurde dann mit großer Wärme empfangen und durchs Haus geführt. Im Zimmer des Sohns der Familie sah sie an den Wänden Plakate gegen Rechtsradikalismus. Das beeindruckte sie tief. Sie wusste, dass sie hier bestimmt keine Angst vor Nazis haben musste, nicht den „Blick von ’33“ zu spüren bekam, den sie so fürchtet, und den sie immer noch hier und da in Deutschland zu erkennen glaubt. Sie sucht eher den Kontakt zu jüngeren Leuten, bei ihrer Generation ist sie vorsichtig. „Ich frage mich dann immer, was haben die damals in unserer Zeit gemacht?“

Kaum zehn Jahre ist das Klassentreffen her, zu dem Ehemalige der Berliner jüdischen Privatschule geladen hatten – in New York. Es waren nicht viele, die zusammenkamen, um Erinnerungen an die alte Heimat aufzufrischen und in vergilbten Fotoalben zu blättern. Günter, die stille Jugendliebe, galt bis dahin als verschollen, aber seine in Amerika lebende Schwester war gekommen. Sie erzählte, dass Günter wohlauf ist, längst Guy heißt, in Frankreich wohnt und dort lange als Fotograf gearbeitet hat. Von da an war es nur eine Frage der Zeit, dass sich die beiden trafen. Guy wurde nach Boston eingeladen, nach fast 60 Jahren lagen sich beide in den Armen. „Wir mussten einfach heiraten“, sagt Irene Hofstein, „sonst hätte Guy die USA wieder verlassen müssen“.

Auch Guy wächst nun die alte Heimat neu ans Herz. Beide besuchen regelmäßig Berlin, mindestens einmal im Jahr, und wollen kommen, so lange es geht. Die Pelzers machen Gegenbesuche. Freundeskreise haben sich miteinander verwoben. Es wäre fast alles normal an dieser Beziehung. Gäbe es nicht und noch immer eine traurige Angst: Beide Familien wollen nicht, dass die Adresse „ihres“ Hauses genannt wird.

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