Berlin : Berlins Agenten sind übergelaufen

Es schien, als baue sich in Brandenburg eine Mehrheit für die Länderfusion auf. Viele Berliner zogen ins Umland. Doch sie hängen nicht mehr an ihrer Hauptstadt

Werner van Bebber

Die „Jüterboger Straße“ kennt man im Berliner Umland. Sogar der Bürgermeister von Groß Glienicke, Daniel Dörr, hat schon von ihr gehört. Daniel Dörr musste nie in die Kreuzberger Kraftfahrzeug-Zulassungsstelle mit dem legendären Ruf – er kennt die Behörde nur aus Erzählungen. Ex-Berliner, die nach Groß Glienicke gezogen sind, gerade ein paar Meter über die Stadtgrenze hinaus, haben Dörr von der Jüterboger Straße erzählt, was man wissen muss, wenn man dort sein Auto anmelden will: Dass man sich am besten einen Tag dafür frei nimmt.

Wartezeiten auf Behörden gibt es auch in Brandenburg. Doch mancher Berliner, der ins Umland gezogen ist, wundert sich über den freundlichen Ton dort. Ohne die Freundlichkeit übertreiben zu wollen: Brandenburger Behörden, jedenfalls die mit Publikumsverkehr, sind offenbar für die Leute da und kein Selbstzweck. Die Bürgermeister in den Umlandgemeinden, von Groß Glienicke über Klein Machnow bis Altlandsberg, hören es immer wieder mit stiller Freude: Berliner, die aus der Hauptstadt in die brandenburgischen Stadtrand-Gemeinden ziehen, sind von den kurzen Amtswegen angenehm überrascht. Die neue Verwaltungserfahrung ist für manchen Umlandbewohner zum Argument gegen eine Länderfusion geworden.

Gerade dort, wo es nicht weit ist nach Berlin, leben heute Zehntausende früherer Hauptstadtbewohner. Die meisten sind der Stadt immer noch verbunden, weil sie dort arbeiten, ins Kino und in die Oper gehen. Brandenburg scheint, so gesehen, voller „Berliner Agenten“, die Verständnis für die Probleme der Stadt haben. Für sie ist Berlin die Maschine Stadt, die man zum Leben braucht. Doch die Perspektive hat sich längst umgekehrt. Der Länderfusion stehen immer mehr Umlandbewohner skeptisch gegenüber. 1995/96, beim ersten Anlauf zur Länderfusion, hat es in Brandenburg an Leuten gefehlt, die für die Vereinigung mit Berlin warben. Allerdings war die Stimmung unter den berlinnah Wohnenden immer noch fusionsfreudiger als in den ländlichen Regionen Brandenburgs. In Potsdam-Mittelmark zum Beispiel stimmten 59,6 Prozent gegen die Fusion – in der Prignitz schon 65,5 Prozent. Als die Politiker damals einen neuen Anlauf zur Fusion im neuen Jahrhundert versprachen, schienen sie die Zeit auf ihrer Seite zu haben. Denn immer mehr Berliner zogen ins Umland, während das ländliche Brandenburg immer mehr Bewohner verlor. Es war, als werde sich auch in Brandenburg eine Mehrheit für die Fusion auf demographischem Weg ergeben.

Das glaubt im Umland keiner mehr. Wie sein Kollege Dörr weiß auch Wolfgang Blasig, Bürgermeister von Kleinmachnow, dass Berlin bei den Kleinmachnowern keinen guten Ruf mehr hat. Und das, wie Blasig mit Erstaunen sagt, obwohl die meisten Neu-Bürger von Kleinmachnow aus Berlin gekommen sind. In Berlin machten doch einige Spitzenbeamten die Politik, sagt Blasig – Bezirksbürgermeister hätten nichts zu sagen.

In Brandenburg fühlt sich das nicht bloß für den Bürgermeister, sondern auch für seine Untertanen etwas anders an: die Leute, die sich für die Politik interessieren, sind näher an ihr dran als in den Berliner Bezirken. Was die Verwaltung betrifft, müsse Berlin „dringend erneuert werden“, wenn man die Umlandbewohner noch einmal für eine Fusion gewinnen wolle, sagt Blasig. Er glaubt, dass die Ablehnungsquote in Kleinmachnow heute bei 70 Prozent liegt. Eine Umfrage im Auftrag der Paul-Lazarsfeld-Gesellschaft von 2002 hat die wachsende Skepsis der Umlandbewohner erkennen lassen. In der Berliner Umgebung lehnten 44 Prozent Länderfusion ab, 12 Prozent mehr als im Jahr 2000.

Außer netten Erfahrungen mit der Verwaltung haben die meisten einen objektiven Grund: die offenbar unsanierbare Finanzlage der Stadt. Beim ersten Fusionversuch stand Berlin bei den Brandenburgern für „Hauptstadt“ – der DDR. Diffus war damals die Sorge, von den Berlinern überstimmt und übergangen zu werden. Jetzt glauben die Leute, dass die Stadt in der Mitte Brandenburgs einfach nicht von ihren Schwierigkeiten überwältig ist. Sinnvoll möge die Fusion ja sein, sagt Bürgermeister Jochen Kirsch aus Erkner, doch Berlin habe „so viele Probleme, die nicht mal im Ansatz lösbar sind“ – wie solle man die Leute davon überzeugen, dass die Berliner Finanzkatastrophe in einem fusionierten Land zu beenden sei? Er weiß es nicht und glaubt auch nicht, dass es möglich ist.

Manfred Andruleit, Bürgermeister von Altlandsberg, hört von seinen aus Berlin zugewanderten Untertanen Lob für den Zustand von Kindergärten, Schulen, Straßen. 3000 der 8200 Altlandsberger kämen aus Berlin, sagt Andruleit. Sie sagten zur Länderfusion: „Bloß nicht mit Berlin zusammen.“ Der Ehrlichkeit halber gibt Andruleit zu, dass es mit den Brandenburger Finanzen heute nicht viel besser aussehe – die kleinen Kommunen spüren den Sparzwang . Das aber sei bei den Leuten noch nicht angekommen. Wenn sie es bemerken, werden sie sich fragen, wie zwei Arme miteinander reich werden sollen.

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